Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 51 (27.6.1904)
- Date
- 1904-06-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1077 große Opfer gebracht hatte, gegenüber und blickte forschend in sein Angesicht, das ihr heute etwas bleicher als gewöhnlich erschien. In Wirklichkeit hatte sie die großen Opfer, die ste ihm oder vielmehr seinetwegen gebracht hatte, nie bereut, und bereute sie auch heute noch nicht. Aber sie hatte erwartet, hatte sich berechtigt gehalten zu erwarten, daß er die seinetwegen gebrachten Ovfer anerkennen werde, das aber war durchaus nicht der Fall. „Die gestrige Tour scheint Dich angestrengt zu haben. Du bist wohl sehr spät nach Hause gekommen?" „Um halb drei habe ich das Hausthor aufgeschlossen." „So spat bist Du gekommen?" Er zuckte die Achseln. „Punkt zwei Uhr war der Zug hier. Die Nacht war sternenhell und wunderschön, ich habe es daher vorgezogen, zu gehen," „Das sieht Dir so recht ähnlich, in der Winternacht um zwei Uhr den weiten Weg zu gehen." „Wie oft habe ich das in früheren Jahren gethan." Sie glaubte in dem Tonfall seiner Stimme einen verhaltenen Seufzer zu entdecken und zog die Stirn in Falten. „Ich glaube gar. Du bedauerst es, daß Du nicht mehr gezwungen bist, in der Nacht zu Deinen Patienten laufen zu müssen." „Daß es mir hin und wieder leid ist. meine Praxis in K. aufgegeben zu haben, das will ich nicht gerade in Abrede stellen," erwiderte er gleichmüthig, „denn obgleich ich während meiner Studien auf eine Professur hingearbeitet habe, so habe ich mich doch in meiner Praxis überaus behaglich geführt. Aber daß ich gerade mit Vorliebe Nachts zu meinen Patienten gelaufen wäre, das möchte ich doch nicht zugeben." Sie biß sich auf die Lippen. Sollte man nicht meinen, daß er ihr Opfer gebracht zu haben glaubte? „Du warst gestern in K.." sagte sie. um die Unterhaltung auf ein anderes Thema zu lenken, „was hast Du eigentlich dort getban?" „Einer meiner Freunde ist gestorben und hat mich zum Vormund seiner minderjährigen Tochter ernannt." „Das wirst Du ablchnen," erklärte sie mit Bestimmtheit. „denn wenn es sich augenblicklich vielleicht auch nur um ein Kind handelt, die Mädchen wachsen heran und wie oft ist es nicht schon vorgekommen, daß sich Eine in ihren schönen Vormund verliebt bat." Keßler brach in ein heiteres Lachen aus. „Du erweisest mir zu viel Ehre. Steffi. Uebrigens ablehnen kann ich dir Sache keinesfalls, denn ich habe dem Verstorbenen bereits vor sieben Jahren mein Wort gegeben, in dem nun eingetretenen Falle die Vormundschaft über seine Tochter zu übernehmen." „Das ist mir einerlei." versetzte sie heftig, „wenn ich, die ich Dir so große Opfer gebracht habe. Dir erkläre, daß Du diese Vormundschaft nicht annehmen darfst, so darfst Du eS nicht." ... „Du wirst entschuldigen, daß ich nicht dieser Ansicht bin." „Ich entschuldige aber nicht!" rief sie, sich mehr und mehr ereifernd, „ich werde durch meinen Rechtsanwalt dem Gericht erklären lassen, daß Du die Vorniundschast ablehnst." «Ich bezweifle, daß Du einen Rechtsanwalt findest. der Dir darin zu Willen ist, denn er würde sich und Dich lächerlich machen, da ich mich um Derartiges nicht kümmern würde. Komm', Steffi, sei vernünftig, mach uns das Leben nicht noch schwerer." „Noch schwerer!" fuhr sie auf, „ist Dir das Leben an meiner Seite schwer?" „Immer nicht," versetzte er begütigend, „aber wenn Du mich bevormunden willst oder mir aus Eifersucht Szenen bereitest, das, müßtest Du wissen, kann unmöglich zur Behaglichkeit meines Lebens beitragen." „Du bist ein undankbarer Frevler!" rief sie, in Thränen ausbrechend. „Daß ich mich Dir nicht zu Dank verpflichtet fühle, ist richtig, und daß ich ein Frevler bin, dürfte auch seine Richtigkeit haben; aber Dir gegenüber habe ich nicht gefrevelt — nie!" . „Ach verzeih'!" rief sie schluchzend, indem sie die Arme um seinen Hals schlang, „ich sehe ja ein. daß ich Dich quäle, aber Du mußt auch einsehen, daß ich es nur aus Liebe zu Dir thue." „Das ist unvernünftig von Dir," entgegnete er kühl, „Du müßtest Dir sagen, daß wenn wir Jemanden aus Liebe quälen, wir gar leicht die Liebe in ihm ersticken können." Sie richtete sich auf und blickte ihm forschend in die Augen. „Aufrichtig. Otto! habe ich Deine Liebe schon erstickt?" Er hatte Mitleiden mit der Angst, die in dem . Beben ihrer Stimme lag. „Noch nicht," sagte er - lächelnd, indem er mit der Hand liebkosend über ihr Haar strich, „aber ich glaubte. Dich warnen zu sollen." Sie athmete schwer auf. „Wie heißt Dein Mündel?" fragte ste nach längerer Pause. „Frieda Grünwald." „Grünwald?" die geborene Baronesse Holm rümpfte verächtlich die Rase, „vermuthlich ein Judenmädchen." „Erratben." versetzte er lächelnd. „Der jüdische Bankier hat dem jüdischen Arzt die Vormundschaft über seine Tochter übertragen."; „Du bist kein Jude mehr." Er zuckte die Achseln. „Ich vermuthe, daß meine / Mündel mich noch als solchen betrachtet. Als zehn- ' ' jähriges Kind wenigstens hat sie erklärt, daß die paar. ' Tropfen Wasser, mit dem der Geistliche auf Verlangen ihrer Mutter sie getauft, ihr Judenthum nicht wegwaschen könne." „Also ist sie dennoch Christin?"