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Der Israelit · 1904-06-27 · Heft 51 (27.6.1904) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 51 (27.6.1904)
Date
1904-06-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1074 LandstLdtchen die Stätte der That ist. und es vergeht Jahr um Jahr, ohne daß Licht in die mysteriöse Affäre kommt, so wird die Presse wohl ein Recht haben, sich eines Tages zu erkundigen, woran das eigentlich liegt. So weit die Antisemiten nicht in Betracht kommen, hat sie den Konitzer Behörden lange genug Schonzeit gewährt, mehr als lange. Sie hat es gethan. obgleich sie wußte, daß der natürliche Gang der Dinge in dieser Angelegenheit von einer einstweilen dunklen Instanz in keineswegs erbaulicher Weise beeinträchtigt wird. Beständen solche dunkle Einwirkungen nicht, wie wäre es zu erklären, daß Monate lang ein für eine preußische Stadt unerhörter Hexensabbath sich allabendlich in den Straßen von Könitz bereit machen konnte? Auch wenn man von hetzerischen Neigungen absolut frei ist, wird man fragen müssen, ob derlei möglich gewesen wäre, wenn die Gruppen der Tumultanten und Steinwerfer sich etwa aus strikenden Arbeitern zusammengesetzt hätten. Jetzt nach vier Jahren — sollten wir warten, bis zwanzig vergangen waren? — haben wir uns gestattet, so gut wir konnten, das Fazit der bisherigen Ermittlungen zu ziehen. Wir haben uns dabei erlaubt, bekannt zu geben, was in Könitz selbst die Spatzen seit Jahr und Tag von den Dächern pfiffen. Und das Resultat? Nachdem das Material, das den Behörden schon vorher zur Verfügung stand, in die Presse gekommen, ist ein Verfahren gegen die muthmaßlichen Schuldigen eingeleitet worden, ein Schritt, der nach unmaßgeblicher Laienansicht längst hätte geschehen sollen, sei es, die Sühne des Verbrechens herbeizuführen, sei es, im Fall harmloser Aufklärung der vorliegenden reichlichen Verdachtsmomente die Betheiligten zu reinigen und so die Oeffentlichkeit zu beruhigen. Notabene: ein gerichtliches Verfahren wurde eingeleitet; also hatten die vorausgegangenen polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Erhebungen die hierzu nöthigen Anhaltspunkte ergeben. Von hochgestellter Berliner Seite wurde gleichzeitig der Wunsch ausgesprochen, einstweilen Publikationen in der Angelegenheit zurürlzuhalten; es scheine, daß das Verfahren unmittelbar vor seinem Abschluß stehe und es wäre schade, wenn „der Kerl" auf Grund von Warnungen in der Presse in letzter Minute entwische. An demselben Abend gab das „Berliner Tageblatt" an der Hand einer Reihe als unzutreffend leicht kenntlicher, im übrigen aber gleichgültiger Einzelheiten bekannt, daß der Hauptbeschuldigte in Halberstadt verhaftet worden sei. Kurz darauf erhielt ein Mitarbeiter des „Memeler Dampfboots" eine Vorladung zu einer persönlichen Vernehmung nach Könitz „in einer dort anhängig gewordenen Untersuchungssache". Darüber, um welche Sache es sich handle, bestand wohl kein Zweifel. Die Neugierde dieses Mitarbeiters nach den: Stande des Verfahrens sollte in überraschender Weise ihre Befriedigung finden. Die Tageblatt-Nachricht war irrig. Maßloff.befindet sich nach wie vor auf freiem Fuße und arbeitet, seines Daseins froh, auf der alten Mühle in der Gegend von Halberstadt. Dagegen ist man mit gewaltigem Eifer dabei, zunächst einmal den Informator der „Preußischen Korresp." zu ermitteln und an den Galgen zu bringen. Zeit und Kräfte für diese Nebenuntersuchung sind anscheinend reichlich vorhanden. Sämmtliche Beamte, die etwas verrathen haben könnten, sind eingehend vernommen worden, und auch der „Men.eler Dampfboot"-Mitarbeiter mußte sich einem fast vierstündigen Jnquisitorium unterziehen. Um harmlose Leute nicht in Unangelegenheiten und üblen Verdacht zu bringen, mußte er einige Namensnennungen verweigern: Resultat: 200 Mk. Geldstrafe. Es scheint, die Konitzer Untersuchung ist ebensowenig wie manches andere ein Ruhmesblatt der ihrem Ende rasch entgegengehenden Aera Schönstedt. Memel, 21. Juni. Wie verlautet, wurde Herr Rabbiner Dr. Emanuel Carlebach von hier. zum Direktor des „Jüdischen Lehrer-Seminars" in Köln am Rhein gewählt. Diese Kunde muß jeden wahren Freund des Judenihums mit voller Befriedigung erfüllen und diese Wahl nur mit Freuden begrüßt werden.. Herr Dr. Carlebach ist der würdige Sohn des durch seine große Frömmigkeit und Gelehrsamkeit bekannten Lübecker Rabbiners Dr. Carlebach und von dem Geiste seines Vaters vollauf erfüllt, ein Mann von gediegener akademischer Bildung sowohl, wie ganz besonders mit rabbinischer Gelehrsamkeit ausgerüstet, begabt mit einem glänzenden Rednertalent und mit einem Herzen voll Liebenswürdigkeit, Bescheidenheit und Wohlwollen gegen jedermann. Auch als Schulmann und Pädagog hat Herr Dr. Carlebach Gelegenheit gehabt. Proben seines Könnens und Wissens hier abzulegen. Er hat die hiesige jüdische Kinderschule nicht nur weitergeführt, sondern war bedacht gewesen, sie nach jeder Richtung hin zu vergrößern und höher auszugestalten, daß diese Schule unter seiner Leitung gleichsam zu einer Lehranstalt großen Stils geworden war, in welcher nicht nur die trockenen Elemente, sondern auch „Mischna" und „Talmud" gelehrt wurden. Nicht minder hat Herr Dr. Carlebach auch die der Schule entwachsene Jugend in das Bereich seiner Belehrung und Unterweisung gezogen in besonderen Unterrichtsstunden im engen häuslichen Kreise des Herrn Rabbiners. Zuletzt hat der Herr Rabbiner einen Verein „Tiferes Bachurim" in's Leben gerufen, dessen Zweck die Pflege jüdischen Geistes und Wissens sein soll, namentlich unter der jungen Generation! Der sonstigen rein rabbinischrn Obliegenheiten nicht zu gedenken, hat Herr Dr. Carlebach von der ersten Stunde seines Hierseins sich angelegen sein lassen, wahrhaft jüdischen Geist und jüdisches Leben innerhalb seines Wirkungskreises mehr und mehr zu

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