Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 50 (23.6.1904)
- Date
- 1904-06-23
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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1065 f lichen einheitlichen Richtung des heutigen deutschen Judenthums, dann von dem Vedürfniß nach Zentralistrung. das sich selber einstweilen Befriedigung verschaffe in Ermangelung einer amtlichen Verwaltungsbehörde. deren Schaffung aber eine ihre Berechtigung durch eben diese Thatsache erweisende Forderung der deutschen Judenheit bilden muffe. Welcher Schlag dies für die Gesetzestreuen in Deutschland wäre, springt sofort in die Augen; man braucht nur auf die religiösen Verhältnisse in Baden. Württemberg, den Reichslanden hinzublicken, wo die Anhänger des gesetzestreuen Judenihnms vollständig geknebelt und außer Stande stnd, stch der Vergewaltigung durch die neologe Mehrheit, in deren Händen dir Leitung jener mit staatlicher Machtbefugnitz versehenen Verwaltungsstellen liegt, zu erwehren. Auch die Negierung jener Länder kann den gesehestreuen Elementen selbst bei Forderungen, die sie als berechtigt anerkennen mutz, nicht Helsen, da sie die einmal geschaffene Zentralstelle nicht umgehen kann. Möge man nicht entgegnen, daß der Deutsch-Israelitische Gemeinde-Bund, deßgleichen die Verbände, gar nicht daran denken, ein Konsistorium, ein Kirchenregiment herbeizuführen, sondern es lediglich als ihre Aufgabe betrachten, eine amtliche Vertretung aller Juden Deutschlands zu schaffen, um allgemeine Interessen der Juden wirksamer zu vertreten. Diese Annahme ist durch das im Dezember des Jahres 1901 von dem geschäftsführenden Ausschuß des ein Jahr vorher gebildeten Komitees versandte Rundschreiben. welches eben jene Befürchtung als irrig erscheinen lassen will, am treffendsten widerlegt, indem es darin ausdrücklich heißt: „Eine solche Gesammtorganisation iit im Interesse der Gesammtheit dringend geboten. Nicht bloß die Noth der Zeit, sondern die natürliche Fortentwicklung aller geistigen Institutionen verlangt, daß alle Kräfte im Judenthum zusammengefaßt werden, damit dasselbe seinen Bestand wahre und stärke, seine Mission erfülle/ In den „Mittheilungen der Freien Vereinigung" Nr. 14 ist in einem vortrefflichen Aufsatz vom November 1901 dieses Rundschreiben beleuchtet, wobei in streng sachlicher Weise die eminente Gefahr, die in der Verwirklichung jener Bestrebungen dem gesetzestreuen Judenthum droben würde, aus. der angeführten und aus anderen Stellen jenes Rundschreibens bewiesen wird. Der Aussatz ist von Justizrath Hirsch s. A. verfaßt. Daß aber der Lehrerverband an stch nicht jene Gefahr heraufbeschwore, wie man vielleicht entgegnen mag. ist nicht zutreffend. Aus der erwähnten „Denkschrift" S. 12 ist zu ersehen, daß die Bestrebungen des Lehrerverbändes mit der Bemühung um Herbeiführung einer Gesammtorganisation verwoben und verwachsen stnd und insbesondere auch dahin zielen, zwei staatlich anerkannte Seminarien zu schaffen, und daß er dieses Ziel eben durch jene Gesammtorgasisation der deutschen Judenheit zu erreichen hofft. Wenn aber auch durch die Abneigung der preußischen Regierung gegen eine staatliche Organisation der Judenheit die allgemeine Gefahr noch hinausgeschoben werden sollte, so ist doch die dargelegte Bestrebung des Lehrerverbandes an und für sich geeignet, näherliegende ernste Bedenken bei der gesetzestreuen Judenheit wachzurufen. Die Regierung kann stch viel weniger als jenem Verlangen nach Schaffung einer Zentralstelle jllr die Verhältnisse der deutschen Judmen im Mgemeinen der Forderung der organisirten Lehrerschaft der preußischen Judenheit entziehen, für die religiöse Jugendbildung der Juden eine amtliche Organisation zu schaffen, was heute gleichbedeutend mit der Anerkennung deS Lehrerverbändes und seiner Leitung sein würde. Um so mehr glaubt man sich dieser Hoffnung Angehen zu können als es bestimmte hiermit zusammenhängende Punkte gibt, zu welcher sie entweder schon Stellung genommen hat oder zu nehmen sich genothigt sieht. So die Frage nach der Ertheilung des Religionsunterrichts an alle schulpflichtigen jüdischen Kinder. so die schon oft ventilirte Forderung nach der den christlichen Lehrern ebenbürtigen seminaristischen Bildung der jüdischen Lehrer, wie auch die damit zusammenhängende Zulassung derselben zum Ein« jahriaendienst. — Aber auch die erstrebte Besserstellung der jüdischen Lehrer selbst setzt eine von der Regierung anerkannte Organisation voraus: eine amtliche Leitunasstelle. mit der sie verhandeln kann. Die Leiter des D. I. G. B. und der Vorstand des Verbandes werden in ihrem diesbezüglichen Gesuche auf Baden und die anderen Länder Hinweisen, die schon seit Jahren solche Oraanisationen und mit staatlicher Macht ausgerüstete Centralstellen haben, die sie als vortreffliche, im Interesse des Staates liegende Institutionen darstellen werden, um die endliche Herbeiführung so segensreicher Einrichtungen für Preußen zu erbitten. Es läßt sich beiläufig nicht verkennen, daß es ein geschickter Schachzug des D. I. G. V. war. als er stch bemühte, eine Organisation der jüdischen Lehrerschaft Deutschlands herbeizuführen. um von dieser viel wahrscheinlicher zu erreichenden Etappe die Gesammt-Organisation der deutschen Juden in nähere Aussicht zu rücken. Nehmen wir aber nun einmal an. daß der Lehrerverbond dieses von seinen Leitern ersehnte Ziel erreichen würde, so wären wir aus dem Stadium der „Gefahr* heraus in den Zustand der rettungslosen Vergewaltig- , ung aerathen: die Schulbücher für den biblischen/Und den Religionsunterricht, das Quantum und die Auswahl der Stücke, welche die Vertreter des Reformjudenthums, die die Wortführer deS Lehrerverbändes sind, vom Pentateuch-Unterricht für zulässig hatten.