Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1904-06-23 · Heft 50 (23.6.1904) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 50 (23.6.1904)
Date
1904-06-23
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449986-2450032--60891-2521920
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1056 Harfe, und fte fing von selbst zu spielen an. Da griff David in die Saiten, und er beschäftigte sich mit der Thora bis die Morgenröthe aufging. Jetzt kamen die Weisen Israels zu ihm und sprachen: Unser Herr, o König! Dein Volk Israel hat Broterwerb nöthig. Hierauf der König: Geht hin und erwerbet, einer mit dem andern, und einer durch den andern. Die Weisen entgegneten aber: die handvoll Nahrung kann den Löwen nicht sättigen, und die Grube füllt sich nicht mit dem ihr selbst entnommenen Sande allein. Hierauf sprach dann der König: Ist es so? Ist es so? Wird der Erwerb und der Außenverkehr von Feinden bedrängt, nun, so rührt die Hände und greifet die feindlichen Schaaren an! Sodann erfolgte die Berathung mit Achitofel, es wurden die Urim und Tumim befragt und die Heerführer beauftragt. (Jalk. Ps. 57.) Erklärung Wir erfahren hier, wie die nüchterne Prosa das dichterische Leben und Weben des früh erwachten Königs mit ihren Forderungen unterbrach. An das Lager, von dem der König sich erhoben, um, vom Saitenspiel erweckt, mit Gott geweihtem Saitenspiel und mit der Thoraforschung das Tagewerk zu beginnen, an das Lager trat die Sorge heran, die Sorge um Brot, um Brot und Broterwerb für's Volk. Der Sänger weckt den Morgen mit seinem Liede. Das Volk aber ruft den König an: Du bist König, nun. so gieb dem Volke Brot! „Das will ich", spricht der König. Ich will den Werth des Bodens und der Industrie im Lande heben, will durch Gesetz und Ordnung die Erwerbsquellen eröffnen, und ihr müßt fleißig bei der Arbeit sein, um diese Quellen lebendig zu erhalten, sie in die Kanäle der Association zu leiten und für den Einzelerwerb von Haus zu Haus ergiebig zu machen. Doch wie, wenn der böse Nachbar diese friedliche Arbeit stört, wenn Feinde von außen dieses Friedenswerk von innen verhindern, wenn Syrer und Philister das Volk Israel bedrängen und feine den ganzen Erwerbsverkehr ermöglichenden Kanäle abgraben und alle'Wege, auf denen Produktion und Absatz sich bewegen und begegnen, mit den Schaaren ihres bitteren Hasses umstellen, woher soll der eingeschlossene Löwe sich nähren, womit soll die ausgehöhlte Grube sich füllen? „Feinde von außen?" spricht der König, „so ziehet gegen sie und schaffet Raum." Es verwandle sich der Spaten in eurer Hand in eine Lanze, und ich will die Leier mit dem Schwerte vertauschen. — Was wir aus diesen sinnigen Worten der Weisen heraus vernehmen, ist mehr als ein poesiereiches Morgenlied; es ist das Pro-, gramm des großen jüdischen Königs, das lautet: Lehre und Lied, fleißige friedliche Arbeit von innen, und wenn's sein muß — Kampf nach außen! Wir sehen, diese^goldenen Seiten sind nicht umsonst vom kalten, nordischen HÄM-'Müht-t "wördemu- ES' mischt sich in den lieblichen Scing Spatenton Und Schwerkerklang! Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Ungarn. Budapest. (Ein jüdischer Kolonisationsverein in Ungarn.) Die Idee einer systematischen Hilfsarbeit zu Gunsten der aus ihren Wohnsitzen durch völlige Existenzunmöglichkeit hinausgcdrängten Juden Rußlands, Galiziens und Rumäniens hat nun auch in Ungarn Wurzel geschlagen. An der Sammlung von Fonds für die Zwecke einer prompten Abhilfe haben sich ja die ungarischen Juden bekanntlich in rühmlichster Weise betheiligt; aber auch nun, wo es gilt, durch Ankauf von Terrains und Ansiedelung der Emigrantenfamilien an der dauernden und planvollen Lösung des Problems des jüdischen Elends theilzunehmen, wollen sie nicht zurückstehen. Die Erkenntniß, daß auf allen Gruppen der jüdischen Bevölkerung, die nicht selbst zu den Aermsten und Verfolgten gehören, das ..nobile officium" lastet, an dem von Baron Edmund Rothschild und Baron Moritz Hirsch inaugurirten Kolonisationswerke nach Kräften mitzuarbeiten, hat sich hier darum langsamer Bahn gebrochen, weil Ungarn in Folge der starken jüdischen Einwanderung gewissermaßen sein eigenes Galizien und Rumänien hat. Gerade dieser Umstand jedoch hat schließlich wesentlich mit dazu beigetragen, die Einsicht in die Nothwendigkeit einer auswärtigen Kolonifationsaktion reifen zu lassen. Mehr als anderswo hat man in Ungarn Gelegenheit, sich handgreiflich davon zu überzeugen, daß die Infiltration der jüdischen Emigrantemuassen in die westlichen, liberalen Länder mit erheblicher ansässiger jüdischer Bevölkerung geradezu verhängnißvoll wirkt, indem sie einerseits die Einwanderer dem schwersten Existenzkampf aussetzt, andererseits die Harmonie der einheimischen Juden mit der Landesbevöllerung erschüttert. Die jüdischen Emigranten bringen die jüdische Frage mit sich: sollen nicht alle zivilisirten Staaten von der letzteren angesteckt werden, so müssen die auswanderungsbedürstigen jüdischen Elemente auf leeren oder dünnbevölkerten Gebieten angesiedelt werden, wo sie, weit entfernt, die soziale Frage zu verschärfen, neue Kulturarbeit leisten können. Für die Zwecke der jüdischen Kolonisation eignet sich nun ganz besonders der Orient: das haben die bisherigen Ansiedlungsversuche zur Evidenz dargethan. Diese Erwägungen haben eine Reihe der einflußreichsten Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde Budapests veranlaßt, die Gründung eines jüdischen Kolonisationsvereins in Ungarn in's Auge zu fassen und in einer Versammlung, welche Ende Mai stattfand, eingehend zu erörtern. Ein Telegramm der Pariser Zentralleitung der Kolonisationsvereine, welches sofort be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.