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Der Israelit · 1904-06-23 · Heft 50 (23.6.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 50 (23.6.1904)
Date
1904-06-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1045 Reb Mendel seufzte tief auf und sprach: „Unter diesen Umstanden brauche ich den Grafen jetzt nicht zu sehen. Ich gehe sofort wieder zurück und lasse Euch schreiben, daß ich meinen Pelz hier vergessen habe mit der Bitte, ihn mir zuruckzubringen. Den Brief zeigt Ihr dem Grafen. Daraufhin wird es Euch gewiß gestattet werden, mir meinen Pelz zu bringen. Wenn Ihr mir Nachrichten von Interesse über das Kind bringen könnt, so werde ich's Euch gut lohnen, und zwar nicht nur jetzt, wenn Ihr den Pelz bringt, sondern jederzeit, wenn Ihr etwas zu berichten habt. Ihr versteht mich?" Der Thorhüter hatte sein rechtes Verständniß bald durch die That bekundet. Als am Nachmittag des andern Tages — es war Freitag — Reb Mendel gerade zum Empfang des Sabbat sich rüstete, kam der Thorwart mit dem Pelz vorgefahren. Neues hatte er inzwischen nicht zu berichten, aber seinen Lohn erhielt er trotzdem so reichlich, daß er aus freien Stücken versprach. sobald als möglich wieder zu kommen. Nach Beendigung des gemeinsamen Gebets traf Reb Mendel Troler Herrn Tusmeniz auf der Straße und sagte ihm, er habe ihm etwas in ihrer Sache mitzutheilen. „Ich Euch auch," erwiderte dieser. „Wer von uns zuerst heute Abend mit dem Essen fertig ist, besucht den andern. Einverstanden?" „Einverstanden!" entgegnete Reb Mendel. Als Abends die Freunde sich besuchten, erzählte Reb Mendel, was er durch den Thorwart des Schlosses erfahren hatte, während Tusmenitz berichtete, er sei heute Vormittag auf das Kloster beschieden worden. Es handelte sich um einen Weinberg, nach dem das Kloster schon lange trachtet, um seinen Besitzstand damit zu arrondiren. Wenn der gegenwärtige Besitzer weiß, daß ihn das Kloster kaufen will, so fordert er einen ungewöhnlichen Preis, während ein Dritter das Stück Rebland zu bedeutend günstigeren Bedingungen kaufen kann. Das ist ein Handel, der schon seit Jahr und Tag im Gang ist, und da es damit weder für den gegenwärtigen Besitzer, noch fiir das Kloster besondere Eile hat, so habe ich gerathen, die Sache ruhig ihren Gang gehen zu lassen und eine gute Gelegenheit für einen günstigen Kauf abzuwarten. Nun gäbe es gar keinen ungeeigneteren Moment für dieses Geschäft, als der gegenwärtige, wo mitten im Winter Niemand ohne besondere Veranlassung auf den Gedanken kommt, einen Weinberg zu kaufen. Das wissen die geistlichen Herren übrigens so gut wir ich. Es war mir daher befremdlich, daß sie dieses Geschäft gerade in diesem Augenblicke abschließen mochten. Im Laufe der Unterhaltung ist mir jedoch der Gedanke gekommen, daß das ganze Geschäft nur ein Vorwand war. Es wurde über dasselbe in Wirklichkeit keine Viertelstunde gesprochen, während die Flucht von Rabbi Mosche Schalem und Frau, besonders aber das Kind von den Herren zum Gegenstand einer fast dreiviertelstündigen Diskussion gemacht wurde. Der Prior wußte schon, daß ich mit Euch beim Grafen war und meinte, ich solle mich vorsehen, denn der Graf werde eine peinliche Untersuchung einleiten. Ich sah den Prior fragend au, ohne jedoch ein Wort zu sprechen, da der wohlüberlegte, mit allen Hunden gehetzte Klosterherr zu den Leuten gehört, deren richtige Gesinnung man leichter durch Schweigen, als durch Reden an's Tageslicht ziehen kann.". „Sie werden doch zugeben," sprach der Prior als ich beharrlich schwieg, „daß das Interesse, welches Sie durch Ihre Gegenwart bei der Beschneidung für den Knaben kundgaben, in hohem Grade geeignet ist, Sie der Theilnahme an dem Fluchtversuche des Arendars verdächtig zu machen." Ich lächelte mit allen Mienen, obwohl mir's in Wahrheit gar nicht um's Lachen war. und erwiderte: „Hochwürden! Wenn ich die Flucht des Arendars in meiner Hand gehabt hätte, so wäre erstens das Kind auch mit aus dem Thurme gekommen. Wer mich aber euch einer Betheiligung an einem solchen Putsch für fähig hält, wird mich doch nicht für so dumm halten, daß ich mich am anderen Morgen selber in die Löwenhöhle wage, um der Einführung des Kindes in den Abrahambund beizuwohnen. Mit einem solchen Anschlag auf dem Kerbholz bleibt man am besten zu Hause. Wenn ich aber alle die Eltern der Kinder bei Seite geschafft haben soll, bei deren Beschneidung ich schon zugegen war. da müßte ich mir für ihre Unterbringung eine recht große Kaserne anlegen, denn eine kleine würde sie nicht fassen." „Aber Herr Tusmenitz," forschte der Prior mit seinem süßesten Lächeln. „Sie müssen doch zugeben, daß das ganze ein höchst räthselhaftes Vorkommniß ist, was wissen Sie denn eigentlich davon?" „Hochwürdiger Herr!" Erwiderte ick devotest, „wenn ich den Arendar aus dem Thurm geholt hätte, so würde ich's ganz gewiß hinterher nicht erzählen und wenn ich ihn nicht geholt habe, dann kann ich eben nichts erzählen." „Aber wie erklären Sie sich denn den räthselhaften Fall, daß man die Eltern befreit und das Kind so zu sagen als Geißel zurückläßt?" „Ich stehe da ebenso vor einem Räthsel. wie Ew. Eminenz, und wenn Hochdieselben keine Lösung dafür finden, so muß ich gewiß darauf verzichten." „Ja, wenn die Juden gewußt hätten," fuhr der Prior fort, „welches Glück dem Kinde bevorsteht, daß es die Millionen des Grafen mit seinem Namen erbt, dann könnte ich's schon begreifen, aber das wußte ja Niemand' vorher." „Ew. Eminenz," erlaubte ich mir zu bemerken, „geruhen immer von Juden als von den Entführern, des Arendars zu sprechen. Mir scheint das sehr ztvei-

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