Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 50 (23.6.1904)
- Date
- 1904-06-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1042 lesdienst feststehe, dann dürste es gar nicht schwer werden, verschiedene andere christliche Bräuche in die Synagoge einzuführen und sie dann hinterher als ...jüdische" zu erklären." Ich denke, wenn diese? neue Evangelium der Berliner Gemeinderabbiner erst in der Welt bekannt wird, daß sich seine Anwendung nicht mehr auf den jüdischen Gottesdienst beschränken wird. Falls sich 130 Leute finden, die nicht orthographisch schreiben, wird man die Regeln der Orthographie für abgeschafft erklären. Ebenso kann jeder Spitzbube die Gesetze gegen Lug und Trug als außer Kurs gesetzt proklamiren, wenn er noch 129 Kollegen findet, welche sich mit ihm nuf die „historische Entwicklung" des Spitzbubenthums berufen. Man sollte glauben, in einer Materie, über die bereits so viel geschrieben wurde, lassen sich keine neuen Gesichtspunkte mehr finden. Berliner hat in dem Gutachten des Berliner Rabbiners Dr. Rosenzweig einen gefunden. Er findet die Orgel für n L t h i g. um das in der S y n a g o g e zuweilen sich bemerkbar machende, bald schüchterne, bald laute: P st! St! eines Dorstebers oder Dieners u n n ö t h i g zu machen! Man sieht, mit wie viel Intelligenz in der Stadt der Intelligenz die jüdische Gemeinde geleitet wird! — Das ist auch eine Errungenschaft dieser kleinen, trefflichen Schrift. Ihr unschätzbarer Werth besteht aber darin, daß mit ihr in der Hand, das letzte Mitglied einer neologen orgelsüchtigen Gemeinde, gegen die Neuerer Protest erheben kann, der nicht ungebört verfallen wird. Es kann heute keine Gemeinde mehr dem Anachronismus des Orgeliudenthums Folge leisten, ohne mit dem Bedenken zu rechnen, welche diese Schrift gegen dieses fahnenflüchtige Unterfangen aufzciblt. — Die Schrift wird Dank ihrer gefälligen Ausstattung, ihres billigen Preises und ihres bedeutsamen Inhaltes in die Gemeinden dringen und das Orgeljudenthum schachmatt setzen. Zeitungsnachrichten unv Corresponderrzen. Deutschland. Berlin, 20. Juni. Bon Zeit zu Zeit taucht unser alter Gönner, der Hofprediger a. D. Herr Adolf Stöcker, aus der politischen Versenkung wieder auf, um etwas Judenhetze zu treiben. Erst jetzt wird bekannt, wie weit diese Hetze bei der letzten Reichstagsnachwähl in Straßburg-Land getrieben wurde. Daß sie absolut mißglückt und daß Herr Stöcker persönlich dabei schlecht abgeschnitten hat. war ja schon früher bekannt geworden. Es ist aber doch interessant, das Nähere über die Rolle zu hören, die der christlich-soziale Agitator und sein Leiborgan da gespielt haben. DaS Verhalten beider hat gerade bei ihren Freunden und Parteigenossen, den streng positiv gerichteten Protestanten, bedingungslose Verurtheilung gefunden. Die Folgen sind auch nicht ausgeblieben. Das Motiv für Herrn Stöcker bei seinem Eingreifen in den Wahlkampf war übrigens einzig und allein die Befriedigung einer bei dem Prediger christlicher Nächstenliebe doppelt unangebrachten Gehässigkeit, weil der Abgeordnete Blumenthal im Reichstag ihn einmal etwas unsanft angefaßt hatte. Das „Volk" hat übrigens die Bekämpfung des demokratischen Kandidaten mit den Waffen des Antisemitismus bis zum letzten Augenblick aufrecht erhalten, indem es Blumenthal fortgesetzt als „getauften Juden" bezeichnte. Von der „Straßburger Zeitung" auf die Unrichtigkeit dieser Annahme aufmerksam gemacht, brachte das „Volk" die folgende, für die christlich-soziale Kampfesweise recht charakteristische „Berichtigung": „Ans dem Namen Daniel Blumenthal schlossen wir. daß der Straßburger Reichstagskandidat ein getaufter Jude sei, da er sich als evangelisch bezeichnete. Das war nicht richtig. Herr Blumenthal hat sich um die evangelische Kirche so verdient gemacht, daß er ihr schon von frühester Jugend an angehört, es hat also wohl schon einer seiner Vorfahren den Uebertritt vollzogen, nicht erst er selbst." Bemerkenswerth ist hier zunächst die Art. wie ein fromm-christliches Blatt die Taufe behandelt. Im übrigen bemerkt mit Recht die „Straßburger Zeitung", deren Herausgeber und Chefredakteur ein früherer Amtsbruder des Herrn Stöcker ist: - „Das „Volk" hat sich also gegenüber dem Herrn Blumenthal nur einen „verzeihlichen Jrrthum" zu Schulden kommen lassen. Mit der Naivität, die wir auch bei Stöcker bewundert haben, hält dies Blatt es mit christlicher Gewissenhaftigkeit — und die muß man doch von einem christlich sich nennenden Blatt verlangen — für vereinbar, tendenziöse Behauptungen aus willkürliche Schlüsse aufzubauen, statt sich vorher genau über den Thatbestand zu informiren. Wenn eine „christlich-sozial" sich nennende Partei mit dem gemeinsten Antisemitismus durch dick und dünn geht, dann erheben wir Protest und halten die schärfsten Worte nicht für scharf genug, um dieses unchristliche Gebühren nach Gebühr zu kennzeichnen!"' Frankfurt a. M.. 21. Juni. Dem sechzehnten Berichte des Vereins „Lemaan Zion" entnehmen wir: Auch im abgelaufenen Jahre hat der Verein einen großen Tbeil seiner Einnahmen zu Zwecken der Krankenpflege verwendet. Zunächst kamen zu Beginn des Jahres für die Cholerabedrängten 6385 Frs. zur Aus-'! Zahlung; ferner wurden 1500 Frs. dazu angewandt, j den Armen während.der Cholerazeit die Kohlen billiger > zu stellen. Im Laufe des Jahres 1903 wurden 24,698 Z