Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 50 (23.6.1904)
- Date
- 1904-06-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1040 der Berliner Norstand wieder die Gutachten seiner Rabbiner eingeholt. Wie dieselben ausgefallen sind, braucht nicht erst gesagt zu werden, bis auf einige köstliche Satze, die selbst ein Uebelwollender keinem Herrn zugetraut hätte, dem Gott ein Amt gibt. Vielleicht citire ich noch eine kleine Blumenlese daraus. Herr Dr. Ackermann macht in seiner Abhandlung darauf aufmerksam, daß die Frage, ob die Orgel religionsaesetzlich zulässig sei, von den modernen Beurtheilern gerade als guanlilänöKliAeadls behandelt und nur mit Gründen der Aesthetik und der Opportunität gekämpft wurde. Ich kann mir nicht versagen, einige Sätze aus den trefflichen Ausführungen des Herrn Dr. Ackermann hier folgen zu lassen: „Die. Orgelfrage ist auf demselben Boden gediehen, auf dem die jüdischen Massentaufen im Anfang des 19. Jahrhunderts emporgeschossen sind. Hand in Hand ging mit ihr stets noch eine Anzahl anderer Re- .formationselemente, die sämmtlich aus dem Christenthum entnommen waren, wie z. V. die Mädchenkonfirmation. vor allen Dingen aber traten in ihrem Gefolge jene auch in neuerer Zeit wieder erörterten Bestrebungen auf, die durch den Sonntagsgottesdienst eine noch engere Annäherung an die herrschende Religion im Auge hatten. Der Wunsch, alles ans dem Judenthum zu bannen, „was geeignet erschien, in den Augen der Nichtjuden Spott und Hohn zu wecken", äußerte sich, wie es in den Rabbinatsgutachten heißt, in der Einführung der Orgel. Aber der Gottesdienst war es ja nicht allein, der Spott und Hohn erweckte, obwohl in seinem regellosen Wirrwarr mehr Innigkeit verborgen ruht, als in den wohldisciplinirten Orgelgottesdiensten, in denen man das Sitzen und Aufstehen der Besucher kommandirt und aus Rücksichten der Symmetrie das Tragen des ri'bv verbietet. Das Jude sein überhaupt erweckte ja den Spott und den Hohn: die Praxis derjenigen also, die, um diesem Spotte zu entgehen, zum Christenthum übertreten, unterscheidet sich von der Einführung der Orgel nur dem Grade nach. Im Effekt kommt dieses wie jenes auf dasselbe hinaus, auf die Verchristlichung des Judenthums." Denjenigen gegenüber, welche die Orgel als Produkt der historischen Entwickelung innerhalb des Judenthums rechtfertigen möchten, tritt Herr Dr. A. den Beweis dafür an. daß Orgel und die ganze Reform nicht im Geringsten als Ergebniß einer historischen Entwickelung aufgefaßt werden darf. Ich muß aber auf die Broschüre selber verweisen, um aus ihr die trefflichen Ausführungen zu ersehen, welche mit den Worten schließen: „Von diesem Gesichtspunkt aus kann man die Orgel direkt als eine Gefahr für das Judentum bezeichyffl.'.We hat-in ihrem.Gefylge.die Entwertung des Religionsunterrichts und Hilst so — wie überhaupt die Reform — an ihrem Theil den Boden vorbereiten, auf dein die Unwissenheit und damit am letzten Ende der Abfall vom Judenthum gedeiht." Als im Jahre 1862 die Einführung der Orgel in die neue Synagoge zu Berlin geplant war. forderte der Gemeindenvorstand neben Geiger in Breslau und Löwe in Ratibor auch Michael Sachs zu einem Gutachten über die Orgel auf. Geigers Gutachten ist längst gedruckt und wird von den Orgelenthufiasten weiter ausgebeutet. Dagegen ist Sachs' Gutachten bis jetzt nicht bekannt gewesen. Man darf fast ein providentielles Ereigniß darin erblicken, daß gerade in diesen Tagen ein glücklicher Zufall das Sachs'sche Gutachten an dasLicht gefördert hat. Herr Professor Dr. Berliner ist es, der dasselbe aufgefunden hat und der damit der großen Zahl seiner hohen jüdisch-litterarischen Verdienste ein neues hinzugefugt hat. „Wir wollen die Frage offen lassen," sagt Dr. - Ackermann am Schlüsse seiner Ausführungen, „ob zwischen dem Dunkel, das bis jetzt über dem Sachs'- schen Gutachten gebreitet lag. und der Thatsache, daß es sich vom ersten Wort bis zum letzten gegen die Orgel richtet, irgend ein kausaler Zusammenhang besteht — das Gutachten liegt jetzt vor." Es bildet den zweiten Theil der vorliegenden Broschüre. Das Gutachten trägt inhaltlich und formell das Gepräge genialer Klassicität an sich, die alle Schriften Sachs' auszeichnet. Länger als vierzig Jahre haben die Orgelpfeifen in der Oranienburgerstraße die Wahrheit übertäubt, die aus dem bis jetzt unterdrückten Gutachten ihren stammenden Protest gegen diese Verchristlichung des Judenthums hinausruft. Die so lange und so nachhaltig unterdrückte Stimme der Wahrheit wird noch jetzt ihren Weg finden und das ihrige dazu beitragen, das Orgeljudenthum in seiner ganzen nichtigen Hohlheit zu zeigen. Wie werden sich die neuerungssüchtigen Orgel-Apostel wundern, wenn sie aus diesem 1861 geschriebenen Gutachten erfahren. daß ihre vermuthliche Neuerung schon vor mehr als vierzig Jahre ein Anachronismus war! „Einführungen neuer Elemente in das Gotteshaus und den Gottesdienst erscheinen wie ein Anachronismus, ein Zurückgreifen auf überlebte Zeitrichtungen, auf überwundene und abgethane Standpunkte. Unsere Gemeinde baut ein großes Gotteshaus, nicht um einen neugestalteten Gottesdienst herzustellen, sondern weil' die Räume der bisherigen die Besucher an hohen Festtagen nicht fassen, und um in ihm den überlieferten Gottesdienst, ohne an seinem Wesen und Inhalt zu ändern, in würdiger Form zu begehen. An Sabbaten ist über Mangel an Besuchern, so viel dem Schreiber und seiner Erfahrung bekannt, keine Klage zu führen. •iTr*/”' ' *:?!{'> 7V» til . l•» C-