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Der Israelit · 1904-06-20 · Heft 49 (20.6.1904) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 49 (20.6.1904)
Date
1904-06-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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und Gäßchen waren besetzt, und da vollständige Ruhe herrschte, konnte die anwesende Polizeiwache keine Veranlaffung zum Einschreiten finden. Die Schaar wuchs immer mehr an, so daß der ganze Verkehr in den anliegenden Gaffen eingestellt werden mußte. Die Missionare wagten es nicht, das Hotel zu verlaffen und zu dem etwa zehn Minuten entfernten Vereinshause zu gehen, demzufolge unterblieb der Vortrag. Da zog die Menge, das „Zionslied" und „En kelohenu" singend, zu dem Orte hin, wo die Vorträge abgehalien werden sollten. Und, da kein Verstoß gegen die öffentliche Ordnung geschah, die Demonstranten sich würdevoll benahmen, begleitete sie die Polizei bis zum Vereinshause, wo ein Führer der Demonstranten von erhöhter Stell: eine kurze Ansprache an die Menge hielt, in welcher er zum ruhigen Auseinandergehen aufforderte. Nach abermaligen Hochrufen auf Zion und das jüdische Volk zerstreute sich die Menge. Am nächsten Morgen verließen die Missionäre unverrichteter Dinge, den ersten Zug benützend, in geschlossenem Wagen die Stadt. England. London. Vor einigen Tagen fand der Empfang einer Abordnung des englisch-jüdischen „Board of Deputies" im Ministerium des Innern statt. Man schreibt darüber aus London: „Die von Lord Rothschild geführte Abordnung, welche der Regierung das von der englischen Judenheit gegen das geplante Fremdengcfetz gehegte Bedenken darlegen sollte, wurde, da der Minister Akers-Douglas einer Sitzung des Ministeriums beiwohnen mußte, von dem Unterstaatssekretär Mr. Cocherane empfangen. Lord Rothschild hob in seiner Ansprache hervor, daß die Fremdenkommission seinerzeit feststellen konnte, daß. die Fremdeneinwanderung dem englischen Volke keinen Schaden, dagegen großen Nutzen gebracht hat. Die jährliche Zunahme der fremden Bevölkerung übersteigt kaum 7000 Seelen. Die jüdische Gemeinde in London hat ihrerseits festgestellt, daß die Zahl sämmtlicher Juden Londons 120,000 nicht übersteige. Leider wohnen die meisten von ihnen in dem als übervölkert geltenden Stadttbeile Stepney. Thatsächlich jedoch ist Stepney weniger übervölkert, wie viele andere Londoner Gegenden. Die Bevölkerung von Stepney geht immer mehr zurück und ist gegenwärtig weit geringer, als vor Beginn der Fremdeneinwanderung. Wenn trotz alledem die Fremdenkommission sich dennoch dazu entschlossen hat, die Vorlegung eines Fremdengesehes zu empfehlen, so hatte sie nur an ein Gesetz gedacht, wie es zur allseitigen Zufriedenheit seit vielen Jahren in den Vereinigten Staaten besteht. Statt dessen hat die Regierung dem Unterhause ein Gesetz vorgelegt, das mit einem Polizeispionage- und Paßsystem den Traditionen des Landes sowohl als den Intentionen der Majorität der Fremdenkommission zuwider ist. Lord Rothschild schlägt zum Schluffe vor. die Einwanderer nicht durch Regierungsbeamte auf den einzelnen Schiffen. sondern durch eine Jury in einem für Ankommende speziell zu errichtenden Logierhause zu examiniren. In diesem Falle mache die jüdische Gemeinde Londons sich anheischig, jedem einwandernden Juden für die ersten zwei Jahre die Eristenzmittel zu garantiren. Darauf ergriff Mr. Alexander das Wort, um als Präsident des Board of Deputies die Bedenken der englischen Judenheit gegen das Gesetz darzulegen. Die Erklärung der englischen Regierung, daß das Gesetz nicht speziell aus die Juden gemünzt ist, hat die englische Judenheit ohne Vorbehalt mit großem Dank entgegengenommen. Sie bittet aber auch ebenso ohne jeden Vorbehalt zu glauben, daß der Widersvruch aller englischen Juden gegen dies Gesetz nicht bloß vom Standpunkte der eigenen jüdischen Interessen, sondern ebenso sehr vom Standpunkte der Interessen des ganzen Landes diktirt wird. Redner führt dann die einzelnen Punkte der Bill vor, welche nach Ansicht der Juden sehr verbesserungsbedürftig sind. Das geplante Paßsystem ist geeignet, die russischen und rumänischen Juden der Willkür ihrer halbasiatischen Bedränger preiszugeben, ohne andererseits die Einwanderung von Verbrechern und Zuhältern zu verhindern. In Rußland kann für zehn Rubel Jedermann in Besitz eines Passes gelangen. Ta ferner die Verbrecher die Mittel besitzen, einen Kajütenplatz zu bezahlen, so würde die Bestimmung, die nothgedrungenerweise sich auf die Deckpassagiere wird beschränken müssen, nur die ehrlichen Leute treffen, während die Verbrecherwelt nach wie vor ungehinderten Zutritt haben wird. Eine entschiedene Verurteilung findet, ferner die beabsichtigte Stellung der Einwanderer unter Polizeiaufsicht, durch welche der Fremde mit Verbrechern auf eine Stufe gestellt wird. Tie Bestimmung. wonach jeder Einwanderer Existenzmittel nachzuweise^ hat, ist geeignet, in England eine bis dahin unbekannte Polizeiwillkür großzuziehen. Paragraph 3 berechtigt die Behörden, jeden Fremden innerhalb zwei Jahre nach erfolgter Einwanderung wieder auszuweisen, falls es sich Herausstellen sollte, daß er eine Unterstützung empfangen oder in seiner früheren Heimath ein Verbrechen begangen hat. Die Bestimmung eröffne dem Denunziantenthum Thür und Tor. Endlich müsse die jüdische Gemeinde mit aller Entschiedenheit gegen die geplante Errichtung des famosen „verbotenen Rayons" protestiren. Zum Schluffe macht Redner die Regierung auf die Thatsache aufmerksam, daß laut dem offiziellen Berichte des Board of Trades die Zahl der Fremden im Jahre 1903 höchstens um 716 zugenommen hat. Sir Samuel Montague sagte: Ich habe 60 Jahre lang in Ostlondon gewirkt, und durch 15 Jahre Whitechapel im Unterhause vertreten. Ich stehe noch jetzt an der Spitze einer religiösen Organisation, welche 25,000 eingewanderte Juden umfaßt.

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