Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 49 (20.6.1904)
- Date
- 1904-06-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450031--60860-2521888- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
lich dem Berliner „Vorwärts" vom Donnerstag, 9. Juni c., entnommen zu haben, woran wir achtlos vorübergingen. Zur Sache selbst sei bemerkt, daß keiner besser die „erschütternde Sprache" einer solchen Annonce zu würdigen und zu verstehen vermag, als wir selbst, und zwar gerade vom orthodoxjüdischen Standpunkte aus! Seit mehr als vier Dezennien kämpfen wir für eine Besserstellung der israelitischen Lehrer mit allen zu Gebote stehenden Mitteln ernster Ermahnung, würdevoller Aufmunterung und Belehrung. Seit fast 20 Jahren besitzt der „Israelit", der mit jüdischen Lehrerkreisen naturgemäß im innigsten Kontakt blieb, die besondere pädagogische Beilage „Blätter für die israelitische Schule," die jederzeit kräftig für die materielle und ideelle Hebung des jüdischen Lehrerstandes eintreten. Vieles hat sich seitdem zum Besseren gewendet. Daß man sich noch nicht am Ziele weiß, bekunden freilich solcherlei Stellenangebote, die übrigens nicht nur auf die traurig geringe Einschätzung der jüdischen Religion und ihrer Lehrer ein Schlaglicht werfen, sondern auch auf unsere Negierungen. Die Regierungen sind's. die vom jüdischen Religionslehrer seminaristische Bildung, Konferenzbesuch, Konferenzarbeiten und zweite Staatsprüfung verlangen, die Regierungen sind's, die von den Gemeinden die Anstellung geprüfter Lehrer verlangen und dennoch — weder einen Pfennig zum Lebrergehalt beitragen, noch für die Reliktenversorgung was thun. Man verlangt Pflichten ohne Rechte zu gewähren. Ist ein solches Stellenangebot dann ein Wunder? Ist nicht unser staatsbürgerliches Berhältniß damit am treffendsten gekennzeichnet? Vielleicht nimmt man im „Vorwärts" und der „Mainzer Volkszeitung" auch davon Notiz. Der „Israelit" aber wird nach wie vor gegen die alten Uebelstände ankämpfen, Schulter an Schulter mit der jüdischen Lehrerwelt Deutschlands. Schließlich sei noch bemerkt, daß dieses und dieserlei Vakanzen in allen jüdischen Blättern Deutschlands bekannt gegeben werden ohne Unterschied der religiösen Richtung, also nicht nur im orthodoxesten Familienblatt. Dies sollte der Korrespondent des „Vorwärts" doch auch wissen. Bremen. Dieser Tage ging eine Notiz durch die jüdischen Zeitungen, betreffend die Neueinrichtung ritueller Küchen auf den Dampfern der Hamburg- Amerika-Linie. Wenn don rituellen Küchen auf den Dampfern die Rede ist, muß an erster Stelle der Nordd. Lloyd genannt werden, der bereits seit zwei Jahren, entsprechend den rituellen Anforderungen des hiesigen Rabbiners, Herrn Dr. Nosenak, auf sämmt- - lichen Schiffen den Zwischendeckpassagiren rituelle Kost ' verabfolgen läßt. Herr Rabb. Dr. Rosenak war es nämlich, der die erste Anregung dazu gab und dem auch indirekt das Verdienst zufällt, daß die Packetfahrt, nach dem Muster des Nordd. Lloyd, diese Einrichtungen getroffen hat. Wir behalten uns vor, in einem speziellen Artikel eine Schilderung der Verpflegung jüdischer Passagiere zu geben, möchten aber jetzt schon darauf Hinweisen, daß auf den Lloyddampfern auch gesetzestreue Kajütspassagiere hinreichend Gelegenheit haben, rituell zu leben, sofern sie einen Tag vor der Abreise oder beim Lösen der Schiffskarte einen dahingehenden Wunsch ausdrücken. Für Kajütspassagiere gibt es ohne irgend welche Preiserhöhung Fleischkonserven und wenn angängig auch rituell geschlachtetes frisches Fleisch.welches mit dem Rabbinats- Siegel versehen, in den vorzüglichen Kühlräumen der Dampfer zur Verfügung der Passagiere ist. Soviel uns bekannt, liefert die Hamburg-Amerika-Linie zwar auch Fleischkonserven, aber nur gegen eine besondere Zahlung. Immerhin sind diese Einrichtungen im Interesse der gesetzestreuen Passagiere mit aufrichtiger Freude zu begrüßen. I. L. Oldenburg. Nachdem sich die Gemeindeverhältnisse in den letzten Jahren sehr schön entwickelt haben, wurde beschlossen, eine neue Synagoge zu bauen, selbstverständlich ohne Orgel. Mit dem Bau ist bereits begonnen worden, unter Leitung des Herrn Baurath Klingenberg. Die Fenster werden in Glasmalerei die Symbole der jüdischen Festtage darstellen und werden vom Maler Professor Rohde aus Bremen gemalt. Bosnien. Sarajevo. (Eine jüdische Demonst r a t i o n.) Zum ersten Male, seit Oesterreich in den okkupierten Provinzen herrscht, kam es am 28. Mai d. I. zu einer recht stürmischen Demonstration Hierselbst. Es hatten sich nämlich drei englische Missionäre (getaufte Juden), in Sarajevo eingefunden, um da Vorträge über die Religion unter dem Titel: „Moses und der Stifter der christlichen Religion" zu halten. Den Missionären wurde-seitens der Regierung die Bewilligung ertheilt, ihre Vorträge zu halten, worauf diese Einladungen an die Juden versandten. Außerdem vertheilten sie verschiedenartige Broschüren, in welchen die Inden anfaefordert werden, sich zum Ehristenthum zu bekehren. Dieser Vorgang erregte unter den Juden, besonders unter den sephardischen, große Entrüstung. Die angesehensten . Mitglieder der Gemeinde begaben sich zur Regierung, um die Abhaltung der Vorträge zu vereiteln, was jedoch erfolglos blieb. Am Samstag Abend hatte nun der Vortrag stattfinden sollen. Schon am Nachmittage sammelten sich größere Mengen sephardischer Juden in den Gaffen und beriethen. welche Stellung sie gegen die Missionäre einnehmen sollten. Je näher der Abend kam, umso größer wurde die Erbitterung. Gegen 7 Uhr stand eine über tausend Menschen zahlende Menge vor dem Hotel, in welchem sich die Missionäre befanden. Alle Gaffen