Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 48 (16.6.1904)
- Date
- 1904-06-16
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1017 an der zionistischen Belvcgung sich betheiligen. So steht die Sache nicht. Im Gegentheil, es sind bloß ganz vereinzelte Rabbiner, die mit dem Strome schwimmen.' Wir sind auch überzeugt, daß die tonangebenden Ungarns, wenn sie von der Agitationsschrift überhaupt Notiz nehmen, dem Herrn Rabbiner Roth ganz ernst-! liche Vorstellungen macken werden. Mit Zustimmungs-, kundgebungen seitens der anerkannten Rabbiner wird er sich gewiß nicht rühmen können. Aus den kollegialen Zurechtweisungen sowohl, wie aus dem Stillschweigen seiner Freunde möge er aber die Ueberzeugung schöpfen, daß er auf Irrwege gerathen ist. Die Vergangenheit des Herrn Rabbiners, sein religiöser Charakter schützt ihn jedenfalls vor etwaigen Verdächtigungen, ■jma :man crx •prja:': wird das allgemeine Urtheil seiner oesehestreuen Freunde lauten. Und dieses Urtheil wird dem Herrn Rabbiner nicht gleichgültig sein. Er wird auch nickt ber und hin laviren wollen und nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Er wird — so Holsen wir — als gesetzestreuer Rabbiner und gesinnungstücktiger Mann mit offenem Visir vor seine neuen Führer hintreten und ihnen folgendes sagen: „Meine Herren Zionistenführer! Es zweifelt gewiß kein Mensch daran, daß Sie es mit dem jüdischen Volke ernst meinen. Sie wollen seine Wunden heilen. Israel ist krank, es leidet an Leib und Seele. Sie wollen sich aber nickt damit begnügen, bloß die bedrängten Massen unseres Volkes vor Mord, Brandstiftung, Plünderung und Verhöhnung zu retten, um sie möglicher Weise auch in das Land der Väter zurückzuführen. Sie wollen zugleich einen operativen Eingriff in die Seele des jüdischen Volkes machen. Sie. meine Herren, wissen es noch besser als ich. daß es ein feststehender Grundsatz in der Geschichte der Volker ist, daß ein Staat mit denselben Grundsätzen und Mitteln erhalten werden soll, mit denen er begründet worden ist. S i e haben aber ein neues Heilmittel entdeckt, ein Universalmittel gegen die herrschende Judennoth. Und dieses Mittel enthält ein tödtendes Gift. Es dürfen damit keine Experimente gemacht werden. Das Judenthum war weder in.seiner Entstehung, noch in seiner historischen Entwickelung eine Nation nach Art der übrigen Kulturvölker. Auch Israels Hoffnung und Endziel sind nickt durch politische Experimente zu erreichen. Denn entweder wir bleiben auf historischer Grundlage oder wir verleugnen die Vergangenheit Israels und beginnen mit einem funkelnagelneuen Judenthum. Ein Drittes gibt es nicht. Jeder Jude, der die Geschichte seiner Vergangenheit kennt und auf dem Boden des positiven Judenthums bleiben will, darf es nicht vergessen. was in der Thora mit klaren Worten zu wiederholten Malen ausgesprochen ist. „Merke auf und höre Israel — sagt das Gotteswort — (5. Mos. 27. 9.) ..heute bist du zum Volk geworden dem Ewigen, deinem Gotte." Nicht damals, da wir aus dem Hause der Sklaverei gezogen und nicht erst, nachdem wir in den Besitz des Landes gelangten, beginnt unser Volksdasein, sondern durch den vollendeieu A'sck'l,.« der Gesetzgebung und durch die gemn.rsame ewige L erp^ cktung zum Gesetze sind wir zum Gottesvolke aew- 'bin. Der gemeinsame Besitz und nie Erhaltung des Gesetzes bildet die volksbegründende Kraft Israels. Israel ist aber gefallen, es hat sein Land verloren. Auch das hat das Gotteswort im Vorhinein verkündet: „und es sagt dann das spatere Geschlecht, eure Söhne, die von euren Nachkommen entstehen, und der Fremde, der aus fernem Lande kommt, und sie sehen die Schläge dieses Landes und seine Erkrankungen, welche Gott über es gebracht; es sagen dann alle Völker: Warum hat Gott also diesem Lande gethan, was ist die Erregung dieses großen Zornes?" Mit einem Worte: Warum ist Zion eine Wüste, Jerusalem eine Wildniß geworden? Glauben Sie vielleicht, meine Herren, — so wird Herr Rabbiner Roth zu seimn neuen Führern sprechen — Glauben Sie, daß das jüdische Reich untergehcn mußte, weil es keine Zionistenführer hatte, weil es, wie andere Staaten der alten Welt politisch ausgelebt hatte? Das war bei Israel nicht der Fall. Die Kolosse Asiens, die an politischer Altersschwäche starben, sind auch sonst vom Himmel der Weltgeschichte gänzlich verschwunden. Israel besteht aber noch heute in seiner Macht. Denn die Macht Israels ist nicht der gewaltige Arm, nicht die politische Tauglichkeit, nicht der landerobernde Geist, seine Macht ist sein Gott, seine Thora, der Glaube an die'Gotteslehre. Das ist das ewig frische Mark in seinen AderN, der imnler neu sich verjüngende Lebensquell in seinem Herzen. Zion ist einzig u. allein deßhalb gefallen, „weil sie den Bund des Gottes ihrer Väter verlassen hatten', den er mit ihnen errichtete, als er sie aus dem Lande Mizraim führte." Israel hat gegen das Gottesgeseh gesündigt, cbcr.’ nxun xcn schwer gesündigt, doppelt gesündigt, weil es i m heiligen L a n d e s e l b st, seinen heiligen Beruf vergaß, wie die Weisen in ihrer bilderreichen Sprache sich ausdrücken: „Es ist nicht zu vergleichen, wenn einer den königlichen Vorhof verunreinigt, oder wenn er den Palast des Königs selbst befleckt." Eine Erez - Jisroel -Nation ohne rückhaltslose Anerkennung des Gottesgesetzes! Eine Historisch-psychologische Ungeheuerlichkeit. Der gesunde Menschenverstand, wenn er nicht eine ganz neue jüdische Nation kombiniren oder concediren will, kann diesen Gedanken nicht fassen. So wird, so muß Herr Rabbiner Roth vor seinen neuen Führern sprechen. Und er wird noch hinzufügen: „Meine Herren, geben Sie sich keiner Täuschung hin. Die wiederholt abgegebene Erklärung, daß die Wirksamkeit und das Streben des Zionismus den Lehrinhalt der Religion nicht berührt» kann diejenigen, die