Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 48 (16.6.1904)
- Date
- 1904-06-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Ass irr ZMilW« in §riinQl|lofri Von Dr. Gol-derg, Bremen. <Zu unseren Bildern.) Motto: „Brich dem Armen dein Brot, nmhcrirrcnde Arme bringe ins Haus, so du einen Nackten siehst, bekleide ihn. von deinem Fleische ziehe dich lücht zurück". Jesaja 58. 7. Ein herrüchrs Wort, wie es der Sprachschatz menschlicher Liebe und wahrer Humanität nicht herrlicher und edler aufzuweisen vermag, hat der Prophet Jesaja hier ausgesprochen. An dieses schöne Wort denke ich, so oft ich Gelegenheit habe, eine Wohlthätigteitsanstalt zu besuchen, die den gleichen Zwecken dient, wie sie uns der edle Mensch Jesaja so eindringlich zur Pflicht gemacht. „Brich dem Armen dein Brot, uinherirrende Arme bringe in's Haus ...* Es gibt wohl kaum eine zweite Stadt in Deutschland, loo man so Gelegenheit hat, die Noth und das Elend der armen Auswanderer kennen zu lernen, wie gerade in Bremen. Da sieht man zu jeder Tageszeit Schaaren jüdischer Auswanderer in der Stadt umherziehen. Während die Auswanderer in Hamburg gezwungen sind, in den Auswandererhallen außerhalb der Stadt zu bleiben, sind sie in Bremen mitten in der Stadt bei den Gastwirthen untergebracht, sofern sie nicht in der jüdischen Halle, die allerdings auch mitten in der Stadt ist, untergcbracht werden können. Diese Halle ist vor etwa drei Jahren aus Anlaß der großen Rumänen-Auswanderung von Herrn Rabbiner Dr. Rosenak errichtet worden und hat seit dieser Zeit schon vielen armen Austoanderern reichen Segen gebracht. Mit dieser Halle ist nämlich eine jüdische Volksküche verbunden, wo täglich mehrere hundert Personen (zuweilen stieg die Zahl auch bis 800) verpflegt werden. Diese Halle ist der Sammelpunkt und Erholungsort der elenden, sturmgepeitschten Auswanderer. Rach monatelanger Wanderung und Entbehrung erhalten sie hier zuerst warme, kräftige Speisen, und geradezu erschütternd ist der Anblick, wie diese gehetzten Menscher» gleich hungrigen Wölfen sich auf die dastehenden Schüsseln werfen, um die Sehnsucht nach einer warmen Speise endlich einmal zu befriedigen. In langen Reihen sitzen sie hier, Männer, Frauen und Kinder und schöpfen aus dem „Vollen", denn jeder kann soviel essen, als ihm beliebt, bis er satt geworden ist. Es sind zwar keine Leckerbissen, die ihnen gereicht werden, dazu reichen die Mittel des VremerHilsskomilees leider nicht nus, aber die Kost ist gut und schmackhaft, daß bei normalem Hunger auch ein verwöhnter Gaumen zufriedengestellt wird. Früh und Abend gibt es Kaffee oder Brot, Fleisch und dann erst folgt die Suppe mit Kartoffeln oder sonstigem Gemüse. Bei der Zubereitung der Speisen wird natürlich ganz und gar auf den Geschmack der russischen und galizischen Auswanderer Rücksicht genommen. Selbst die für jede rituelle Küche schwierigste Aufgabe, nämlich ohne zu große Kosten Speisen herzustellen, die kräftig und doch zugleich schmackhaft und bekömmlich sind, ist hier glücklich gelöst, und zwar durch Verlvendung eines neuen von einer Firma Schlinck & Co. in Mannheim rituell hergestellten Pflanzenfettes, Namens „Palmin". Dieses verbindet, wie uns von der Oekonomie der Küche versichert wurde, einen hohen Nährwerth mit Wohlgeschmack und Bekömmlichkeit, und verursacht nicht das durch die Verwendung von Ninderfett häufig hervorgerufene Sodbrennen. An dem Tage, an welchem ich die Bremer jüdische Volksküche besuchte, war zufällig auch der Herr Reichskommissär mit dem ersten Beamten des Nachweisungsbureaus dort anwesend. Auch diese Herren ließen sich von den Speisen reichen und sprachen ihre Zufriedenheit über alles Gesehene in sehr anerkennenden und schineichelhaften Worten dem Herrn Rabbiner aus. Doch nicht allein auf die Verabreichung von Speise und Trank beschränkt sich die Fürsorge der Bremer Herren für die armen Auswanderer. Hier verlangt einer warmes Wasser, dort bittet ein des Schreibens Unkundiger, ihm ein paar Zeilen zu schreiben; eine Frau verlangt nach etwas Milch oder nach einem Arzte für ihr krankes Kind, und alle Wünsche finden freundliches Gehör und — soweit es irgend angcht — auch Gewährung. Ein eigenes, durch wohlthätige Gaben unterhaltenes Bekleidungsamt entfaltet eine ausgedehnte Thätigkeit. Zweimal täglich versammeln sich die Armen im Gotteshause, Früh und Abends nach dem Gottesdienste schaaren sie sich um den Rabbiner, der für ein: Verbesserung ihres theilweise recht vernachlässigten Aeußere sorgt und dadurch einer Zurückweisung der . Ausgewanderten in Amerika seitens der Einwanderungsbehörden nach Kräften vorbeugt. Dieser unermüdlichen praktischen Seelsorge des Herrn Rabbiners, die uns heutigen Tages mehr denn je noth thut, ist es gelungen, bei einer-größeren Anzahl Bremer Herren das Interesse für djese $rt\ des Wohlthuns zu erwecken, es sind dies etwa 25 Herren,, die sich zu einem, HilfßcoiyMMeMtestW^ ßch dariy bethätigen ^7--zuin Scg<n unserer Ernten, he-'' dauernswerthen Glaubensgenossen.