Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 48 (16.6.1904)
- Date
- 1904-06-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1000 ■ Denn die hinausgedrangt wurden, waren gerade die regelmäßigen Besucher des Gottesdienstes. So ist es gekommen, daß sehr oft, besonders in Wintermonaten, die Orgel unter Mitwirkung einer christlichen Dame, deren Vater zugleich den Chor dirigirt, vor leeren Bänken spielt. Hierfür sind die finanziellen Mittel immer bereit, dagegen die Bitten der gesetzestreuen Mitglieder um Errichtung der Schechita derart, daß sie nicht mehr genöthigt seien, den Fleischbedarf von Berlin her zu besorgen, bleiben ungehört. Ihre Petitionen und Beschwerden wandern in den Papierkorb. — Was in Fr. geschieht, das wiederholt sich überall, mehr oder minder;" u. s. w. Aber diese Brutalität der Thatsachen und ihre Constatirung ist es nicht, was der vorliegenden Schrift ihre aktuelle Bedeutung gibt. Diese „Liberalität" ist. Dank einer bald hundertjährigen Praxis, so sattsam bekannt, daß man sie nicht erst aus einer Broschüre zu erfahren braucht. Diese hundertjährige Praxis an und für sich ist es, die Geschichte des ganzen Orgelwesens, seine Entstehung, Begründung. Bekämpfung und Verbreitung, das Verhängniß, das die Taufpathen ereilte, welcher dieser Verchristlichung des Judenthums Gevatter standen, diese und eine große Anzahl hochinteressanter ähnlicher Momente sind es, welche dem Orgel-Moloch vor aller Augen den Todesstoß versetzten. In sechs Jahren werden hundert Jahre verflossen fein, seitdem in einem jüdischen Gotteshause die erste Orgel spielte. Aber es ist nicht anzunehmen, daß trotz der Jubiläumssucht unserer Zeit die Orgel-Verehrer sich in der Stimmung befinden werden, das Centenarium ihres Kultus zu feiern. Zum ersten Male fungirte die Orgel in dem Tempel der von Israel Jacobson auf seine Kosten in Seesen hergestcllten Unterrichtsanstalt, am 17. Juli 1810. — Die vorliegende Broschüre gibt eine Schilderung der Einweihungsfeierlichkeiten aus der Zeitschrift „Sulamith" wieder. Groß, dem auch der heftigste Gegner kein Faible für die Orthodoxen nachsagt, also ein gewiß unverdächtigter Beurtheiler, schreibt darüber im 11. Bande seiner Geschichte der Juden: „Er (Jacobson) führte auch neue, der Kirche entlehnte Formen und Weisen ein: deutsche Gebete neben hebräischen, neue schale, deutsche Lieder neben den inhaltsreichen. tiefen Psalmen, das Ableiern von Glaubensbekenntniß (Confirmation) für Knaben und Mädchen bei ihrem Eintritt in ein reiferes Alter, was im Judenthum keinen Sinn hat. Für das Beschämende und Lächerliche, das darin lag. der ergrauten Mutter den schimmernden Plunder der.Tochter urnzuwerfen, der sie mehr entstellte, als zierte, dafür hatte Jacobson Mr ge lediaUck» Win b-ltekit. nn hm ftofim {rffttoaen. -ur Seelen Mer ünVnsri rtaßt'Ji’iWtrtfle im 2>n,vel vor CSott *u frMjelnen. Der ceT'.ißtlUue-dieser NiÄtvnq »nncrnolh pp« ,tunen» tfcum3 ist wie eiuth so nwfi hier, in den kommenden Gcsimemtern sicher — die Orgel wird davor nicht schützen. in feiner Neuernngssucht kein Gefühl. Was er in Cassel für das Allgemeine nicht einzuführen vermochte, brachte er auf einem anderen Wege in Aufnahme. Die Einweihung seines auf eigene Kosten erbauten ge-. schmackvollen kleinen Tempels in Seesen geschah unter großer Feierlichkeit. Die Ankündigung derselben hatte viel Neugierige, noch mehr Christen als Juden, herbeigezogen. Die Kirchenglocken läuteten dazu. Die anwesende Menge wurde durch rauschende Qrgeltöne überrascht. Die Orgel war die Krönung seines Reformgebäudes. In seinem Tempel konnte Jacobson den Hohepriester spielen, feurig predigen, neue Schlagwörter Vorbringen- „Aufklärung, Zeitgeist. Fallen der Scheidewände zwischen Christen und Juden, Andachtserweckung." Die Eitelkeit, sich zu zeigen, von sich reden zu machen, und überbaupt eine Rolle zu spielen, die Sucht, es in allem und jedem den Christen gleichzuthun und ihren Beifall zu erhaschen, ließ ihn zu verkehrten Mitteln greisen und ein bedenkliches Reform-Programm zur Verhöhnung des Alten mit dem Neuen aufstellen." Ueber Jakobsons Bemühen für eine weitere Einführung der Orgek in dem jüdischen Gottesdienst bringt Berliner folgenden Bericht aus der Zeitschrift „Sulamith": „Am letzten israelitischen Wochen- und Gesetzgebungsseste, es war im Jahre 1815, verrichtete der Herr Geheime Finanzrath Jacobson in Berlin bei seinem Sohne Naphtalin den Konfirmations- und Einsegungsakt höchst feierlich in seiner Haussynagoge der Kapelle daselbst.-Seit diesem Tage ist in dieser Haussynagoge alle Sabbat feierlicher Gottesdienst, verbunden mit einer (bis jetzt immer von dem Herrn Geheimen Finanzrath Jacobson gehaltenen) Predigt und mit einem von der Orgel begleiteten Gesänge." Dieser Sohn Naphtalin, der erste jüdische Konfirmand, unter Orgeltönen in die jüdische Gemeinschaft ausgenommen, ließ sich dann taufen. Wir begegnen ihm später als Dr. jur. Hermann Jacobson, Vorsteher und Sprecher der christlich-katholischen oder Freien christlichen Gemeinde zu Berlin. Ein Theil seiner veröffentlichten Predigten sind „dem Andenken seines Vaters Israel Jacobson, Präsidenten des vormaligen „Jsaelitischen Konsistoriums in Cassel" gewidmet. Die Vorrede beginnt mit den Worten: „Ich habe diese Vorträge dem Andenken meines tbeuren Vaters gewidmet. Das mag allen denen ausfällig sein, welche das Aufgeben des väterlichen Glaubens als einen Verrath an den Voreltern betrachten." Im weiteren Verlauf der Vorrede erzählt der Sohn,' daß das bewußte Vorbild seines Vaters Moses, das unbewußte, der Stifter des Chriflenthums war.- Darüber habe er als Jüngling schon oft Unterredungen mit seinem Vater gebabl und es ihm offen ausgesprochen, was er über seine Reformen dachte. Was der Vater begonnen, setze