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Der Israelit · 1904-06-13 · Heft 47 (13.6.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 47 (13.6.1904)
Date
1904-06-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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„Das kommt vermutlich von dem beständigen Studiren, wenn man, wie wir, viel in frischer Luft und in Bewegung ist, da bleibt man langer frisch. Uebrigens sehen der Herr Profeffor noch gar nicht so alt aus, das ist mir vorhin nur so vorgekommen." Er nickte ihr lächelnd zu, indem er mit der Hand über die allerdings bedenklich höher gewordene Stirn fuhr. „Wie geht es denn meiner Mündel. Fräulein Grünwald? Es hat mich sehr gefreut, daß sie wieder in Ihrem Hause ist, da weiß ich sie doch in bestem Schutz. Ist sie gesund?" „Sie war einige Tage recht krank, vermsishlich in Folge der schmerzlichen Aufregung, aber jetzt geht es ihr schon etwas besser, heute hat sie zum ersten Mal das Bett verlassen." „Da ich grade hier bin, möchte ich sie doch gern sprechen, wenn es ihr nicht unangenehm wäre. Wollen Sie so freundlich sein, ihr dieses mitzutheilen?" „Dann muß ich für einen Augenblick um Entschuldigung bitten." Sie begab sich in ein anstoßendes Zimmer und kam gleich darauf zurück und bat ihn einzutreten. Sie wollte hinzufügen, es werde Frieda angenehm sein, ihren Vormund bei sich zu sehen, aber sie brachte es nicht über die Lippen, er war ja doch ein Abtrünniger und je mehr sie sich ihm verpflichtet fühlte, um so mehr schmerzte sie sein Abfall. — Aber glücklich hatte ihn sein Abfall nicht gemacht, davon hielt sie sich fest überzeugt, Glückliche sehen anders aus als der Professor Keßler, dessen ehedem blonder Scheitel schon zu fünfunddreißig Jahren so viele Silberfäden zeigte und so stark gelichtet war. Frieda hatte üch erhoben und ging ihm schwankend' einige Schritte entgegen, er eilte auf sie zu und führte sie zurück zu dem Ruhebette, auf dem sie gelegen war. „Nicht, nicht, liebes Fräulein, Sie dürfen sich nicht anstrengen. legen sie sich nur vor Allem wieder auf die Chaiselongue und dann lassen Sie uns plaudern. Es erscheint mir doch wünschenswerth, daß wir einander kennen lernen, da Ihr seliger Vater mich zu Ihrem Vormund ernannt bat. Das haben Sie doch gewußt?" Sie schüttelte verneinend den Kopf. „Ich habe es erst vor wenigen Minuten durch Frau Müller erfahren." „Wirklich? — Aber Sie erinnern sich meiner —" ,.D gewiß, an Herrn Doktor Keßler habe ich häufig gedacht und Ihnen im Herzen häufig gedankt, denn auf Ihren Rath bin ich doch hierher in's Haus gekommen." „Ganz richtig, und Sie haben sich, wie ich's vorausgesehen, sofort hier behaglich gefühlt und sind vermuthlich einverstanden, auch ferner hier zu bleiben?" „Gewiß, wohin sollte ich sonst? — bis zu meiner Berheirathung möchte ich hier bleiben." 979 > „Bis zu Ihrer Berheirathung?" wiederholte er, indem sein Blick prüfend über die zarte Mädchengestalt glitt, „daran denken Sie auch schon?" „Bisher habe ich nie daran gedacht, aber es war der letzte und der sehnlichste Wunsch meines Vaters, mich verlobt zu sehen." „Sie sind bereits verlobt?" Sie neigte bejahend das Haupt. „Mit Herrn Dr. Max Müller, dem ältesten Sohne der Familie." „Empfangen Sie meinen wärmsten Glückwunsch liebes Fräulein, seit wann sind Sie verlobt?" „Seit — seit —" ihre Stimme zitterte merklich, nur mit Anstrengung brachte sie die Worte hervor, „seit der Sterbestunde meines Vaters — er hat mich gebeten, ihm die große Freude zu machen. Max sofort meine Hand zu reichen — und dann hat er gesagt — Gott segne Euch, meine Kinder — Gott segne Euch! Es war sein letztes Wort." — Sie hatte leise, kaum hörbar gesprochen, er hatte sie dennoch verstanden. „Es muß ein süßes Vetvußtsein für Sie sein," sagte er nach längerem Schweigen, „Ihrem Vater noch in seiner letzten Stunde eine Freude bereitet zu haben." „Ach, und Sie hätten meinen Vater sehen sollen — er sah so glücklich aus — so glücklich —" „Demnach hat er nicht sehr gelitten?" „In der letzten Stunde, so lange wir da waren, hat er gar nicht gelitten. Aber bis dahin soll er grauenvoll gelitten haben. Und doch keine Klage —, seine Umgebung hat gestaunt! Zuerst hat er dort nicht essen wollen." „Warum nicht?" fragte Keßler. „Weil er die Leute nicht gekannt und nicht gewußt hat, ob die Speisen rituell zubereitet waren." „Darum hat Ihr Vater sich gekümmert?" fragte Keßler betroffen. „Gewiß! Mein Vater war sehr, sehr fromm, seit mir in M. gewohnt haben, hat er alles strengstens gehalten." Keßler schüttelte staunend den Kopf. „Merkwürdig! Merkwürdig! Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Und dabei hat er mir wiederholt von M. aus geschrieben, daß er sich so glücklich fühle, seit er mit seiner Frieda, seinem kleinen Hausmütterchen, wie er Sie zu nennen pflegte, zusammen wohne, und wie behaglich er sich dabei fühle. Und während dieser Zeit sollte er alle jene Beschränkungen —" Ein leises Lächeln umspielte die Lippen des jungen Mädchens. - „Mein Vater hat jene Beschränkungen gar nicht mehr als Beschränkungen empfunden. Er hat es ofi gesagt, jede Entbehrung, die man, um einer Gesetzes Vorschrift zu genügen, sich'auferlege, mehre Nur das Gefühl der Behaglichkeit. — O, mein Vater — mein Vater." — i

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