Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1904-06-13 · Heft 47 (13.6.1904) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 47 (13.6.1904)
Date
1904-06-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449986-2450029--60816-2521842
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

974 und ihr Treiben betrachtete, da fand ich, daß Gott den Menschen gerade erschaffen nrwn nx a^pSt ntw? -«pk daß der Weg zur Wahrheit ein ebener und leichter ist, nur die Menschen haben stch ihn schwer gemacht, denn ro:2Pn uppa narr ihr Geist ward mit der Zeit so verbildet, daß ste das Gerade und Einfache nicht mehr finden konnten, ihr Denken nahm eine solche Richtung, daß es nur am Gekünstelten Gefallen fand, ihre Verstandsthätigkeit ward die ausschließliche menschliche Thätigkeit. die anderen Faktoren wurden nicht berücksichtigt und diese Einseitigkeit rächte sich so schwer und bitter, daß sie nun an Allem zweifeln und verzweifeln zu muffen glaubten — und doch waren einst die Menschen gerade und vernünftig. Sie waren es einst, als ihnen das Dasein Gottes noch kein Problem war und werden es wieder sein, wenn es ihnen kein Problem mehr sein wird. Einst, als die Menschen noch nicht Philosophen waren, sondern noch gerade denken konnten, einst, als die Menschen mit ruhigem und sicherem Blick um sich blickten, als sie noch nicht durch die sogenannte moderne Kultur blasirt geworden, als ihre Sinne noch frisch und lebendig, einem jedem noch so einfachen Eindruck zugänglich waren, da war ihnen das Sein und Walten der Gottheit noch kein Problem. Sie fühlten in Allem was geschah, das Wehen und Weben des göttlichen Geistes, eine jede Pflanze entzückte durch ihre Einfachheit die der einfachen Schönheit zugänglichen Sinne und sie sprach von einem Schöpfer, der Gesang der Vögel klang in den Ohren derjenigen, die dieser Gesang erfreute, als ein Loblied des Geschöpfes auf den Schöpfer; der Sturm des Meeres, das gewaltige Rauschen der Ströme, der ruhig friedliche Lauf der Bäche, das Wehen des Windes, das Rauschen der Bäume, das leise Geräusch des fallenden Regens, die Farbenpracht der Blumen, das Helle Licht der Sonne, das milde Licht des Mondes, dies Alles gestaltete sich in der. Seele des harmonischen Menschen zu einem einzigen herrlichen Loblied des Geschaffenen auf den Schöpfer, die Seele des Menschen war gleichsam eine Aeolsharfe. durch die alle diese Daseinsäußerungen des Alls zu Musik, zur Harmonie, zum Liede wurden, die Scelenharfe wurde durch sie bewegt und die Töne, die sie hervorbrachte, waren rein wie die Seele selbst, pwo H mnj m. Von weiter Ferne erscheint uns Gott. Lange ist es her, daß dieser Zustand auf Erden waltete. Wir sind seit dieser Zeit klüger geworden, so lautet ja der selbstbewußte Ausdruck, den wir Alle so häufig im Munde führen, wir sind fortgeschritten, so ruft stolz der moderne Mensch. Gewiß, aber wie viel diese Klugheit und dieser Fortschritt der Menschheit gekostet, darüber schweigt man sich aus — und es wäre auch schwer, die Bilanz zu machen. Soviel steht aber fest, daß mit der Geistesbildung die Herzensbildung nicht gleichen Schritt gehalten hat. Wir haben unseren Geist doch zu sehr bevorzugt, wir haben ihn auf Kosten unseres Gemüthes bevorzugt. Längst haben unsere Sinne ihre Frische und Empfänglichkeit eingebüßt, längst reagiren sie nicht mehr auf einfache Eindrücke, unser ganzes Leben ist komvliziri und unsere Seelenthätigkeit nicht minder. Die Kultur hat unsere Sinne abgestumpft und uns blasirt gemacht. Die einfache Schönheit in der herrlichen Gottesnatur wirkt nicht mehr auf uns und wenn wir es noch so hoch betheuern, für die Natur zu schwärmen, so befinden wir uns in einem Zustande der Autosuggestion, unsere Ohren hören nicht mehr und unsere Augen sehen nicht mehr die abgetönte Harmonie der Schöpfung. Es liegt ein tiefer Sinn in dem Ausspruch eines unserer Weisen, daß »wenn das Geräusch der Weltstadt Rom nicht wäre, so würden wir die Sphärenmusik hören". Unser ganzes Leben ist so verwickelt, so unruhig und geräuschvoll, daß wir das Einfache nicht sehen, daß wir die Schönheit und Zweckmäßigkeit in der Gotteswelt, die mit tausend Stimmen von einem Schöpfer zu uns reden, nicht beachten. ' Haben wir also den kindlich reinen Sinn auch verloren. so blieb dennoch eine Sehnsucht in uns nach diesem Zustande zurück, ein Theil der Wahrheiten, die wir gleichsam füblten, die wir intuitiv erkannten, Hai uns begleitet, doch das genügte uns nicht. Wir suchten, die Wahrheiten als zumindest unbewiesen darzustellen und forschten und grübelten nach etwas, was das kindlich reine Gemüth längst erkannt hatte. Wir wollten mit dem ganzen komplizirten Apparat, den der moderne Mensch für die geringste geistige Thätigkeit braucht, etwas beweisen, was längst bewiesen war, oder aber einst gar nicht bewiesen zu werden brauchte. So entstanden die Gottesbeweise der Philosophen, die wir uns das nächstemal ansehen wollen. Wir sagen der Philosophen, denn w i r haben sie nicht nöthig. Machten wir auch bis zu einem gewissen Grade die Entwicklung der Menschheit mH, sind wir auch mitfortgeschritten, fortgeschritten mehr als uns zuträglich war, so hat Gott für uns doch in einer Weise vorgesorgt. daß wir niemals am Wissen und Erkennen verzweifelten. Er hat uns in Seiner Lehre die Wahrheit offenbart, zu der einst die Menschheit durch fortschreitende Bildung und Erkenntniß gelangen wird. (Fortsetzung folgt.) ZeiLungSnachrichten und Corresporrdenze«. Deutschland. Berlin. Wie die »Berl. R. Rachr." miltheilen, haben nach einer Verfügung des Ministers des Innern die Regierungspräsidenten bei Anträgen auf Aenderung jüdischer Vornamen, sei es aus Anlaß des Uebertritts

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.