Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 46 (9.6.1904)
- Date
- 1904-06-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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SL6 «Durchlaucht!" sagte der Prior, der sich zurrst von dem Lachkrampfe erholt hatte, «die Feinheit unserer Nasen geht so weit, daß wir bereits wissen, was gestern Nacht Ungewöhnliches passirt ist: Der Ausbruch Ihres Arendars und seiner jungen Frau, ohne daß sie vorher Abschied genommen haben, dafür haben sie aber ein Andenken in ihrem neugeborenen Kinde zurückgelaffen; ist's nicht so?" «Ja, so ist's, das weiß man schon hier? Die Benediktiner werden doch nicht mit den Juden gemeinsame Sache gemacht und gar zur Flucht verholfen haben?" fragte lächelnd der Graf. «Das glaube ich nicht, aber verdient hätten es Eure Durchlaucht schon, nur als Warnung für die Zukunft." antwortete der Prior. «Wie oft habe ich doch Ew. Durchlaucht gerathen, den jüdischen Pächter gegen einen gut katholischen zu vertauschen und überhaupt mit den Juden nicht so viel zu fraternisiren; man sieht's ja jetzt wieder, was das für Gesindel ist. Jetzt müssen Eurer Durchlaucht die Berechtigung meiner Besorgnisse und Warnungen doch endlich anerkennen!" „Es ist wahr. Ehrwürden", entgegnete der Graf, »Ihr habt mich seit Jahren von jedem Geschäftsverkehr mit Juden zurückhalten wollen, aber ich habe Euch darauf hingewiesen, daß das Kloster selber thut, was man mir widerräth. Verkehrt das Kloster geschäftlich nicht mit Juden? Ist Scheftel Tusmenitz, durch dessen Hände alle Geldgeschäfte des Klosters,, sowie die An- und Verkäufe aller Güter gehen, etwa ein guter Katholik? Ew. Hochwürden haben mir darauf geantwortet, daß es keinen zweiten gibt, der so prompt, so sicher, so vortheilhaft und so billig die Geschäfte des Klosters besorgt als Tusmenitz; und ich habe das gelten lassen, aber nicht nur für das Kloster, sondern auch für mich. Noch heute wünschte ich mir für alle meine Güter jüdische Arendare. Ich habe noch keinen jüdischen Pächter betrunken und noch selten einen von meinen christlichen Pächtern ganz nüchtern gesehen." «Ueber diese alten Meinungsverschiedenheiten." meinte der Prior, «verlohnt es sich nicht, heute von neuem zu streiten. Wofür möchte Ew. Durchlaucht in dieser Sache unfern Rath?" «Wie bereits erwähnt, haben die Entflohenen ihr Kind zurückgelaffen. Meine Frau und ich wollen es an Kindesstatt annehmen, aber darüber zunächst den Rath der Kirche einholen." Die drei Geistlichen erschrocken bei diesen Worten. Da der Graf kinderlos war, so rechnete man allgemein darauf, daß die Kirche einst Universalerbin des ungeheueren gräflichen Vermögens werde. Das alles fiele dahin, wenn der Graf ein Kind als Erben einsetzen werde. Der Graf war Menschenkenner genug um diesen Schreck sofort zu bemerken und zu hegreifen; er fuhr deßhalb fort: «Meine Frau und ich tragen uns schon längere Zeit mit dem Gedanken, ein Kind zu adoptiren. Wir dachten an eine Seitenlinie unseres Hauses, hätten dann aber alle Linien mit uns verfeindet, die wir nicht erwählt hätten. Wir sind deßhalb.davon abgekommen, und wollen irgend em uns zusagendes Kind anfnebmen, was wir in jedem Falle thun, auch wenn es das zurückgelassene Kind meines Arendars nicht sein sollte. Ich aber würde dieses Kind auf Grund verschiedener Erwägungen vorziehen, obwohl ich mir auch die Bedenken nicht verhehle, die sich dem entgegenstellen. Was würde Ew. Eminenz mir in der Sache rathen? Also wohlverstanden, ich frage nicht, ob ich ein Kind adovtiren soll, denn das steht fest; ich frage auch nicht, welches Kind ich adoptiren soll, sondern ich frage nur mit Rücksicht auf das Kind des Arendars." „Was zieht Ew. Durchlaucht denn wiederum geradezu zu einem Judenkind? Es gibt doch auch Christenkinder genug, die des Glücks einer solchen Adoption doch wahrlich nicht weniger würdig wären?" fragte der Prior ernst. (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erf^eint wöchentlich zirelmftl, montags nnd Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend höher. Man abonnirt nanzjäbrlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Drv Duchhandrl vrvkrhvl durch G. Z?. Slrinackrr, Leipzig, Noßplatz J0. — Inserate 25 Pfennig die vicrgcspaltene Nonvareillezc'lc oder deren Raum. Preis der Zeile im Reclametheil 75 Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband vro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 16 Kronen österr., für's Ausland 16 Mark, an die Expedition fra-co rinsenden. Postzeitungsliste 3932. Telephon 1015. Stellesuckende und sonstige Interessenten können auf Wunsch die jeden Dienstag und Freitatz erscheinende ^Kleine AuSgabe deS JLraelit" vier Wochen lang gratis und franco erhalten. 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