Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 46 (9.6.1904)
- Date
- 1904-06-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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962 f;; wurde allgemein anerkannt. Seit 20 Jahren war er in verschiedenen Aemtern in unserer Gemeinde thätig und verstand er es, sich die Achtung und Werthschätzung der Gemeinde-Mitglieder zu erwerben. Am smp ic» rp a’tpnpi ’tk 'b starb Herr Löbenstcin unerwartet an einem Herzschlag am Bahnhof zu Cassel, als er sich anschickte, die Rückreise nach hier anzutreten. Er hatte gerade einen seiner höchsten Wünsche verwirklicht gesehen. Seinen ältesten Sohn brachte er zur Universität nach Marburg, doch sollte der Vater nicht mehr lebend zu den Seinen zurückkehren. Die Trauer um diesen wackeren Mann war in unserer Gemeinde eine allgemeine und gab am Grabe Herr Dr. H o ch f e l d. Rabbiner der Synagogen- Gemeinde, dieser Stimmung zunächst Ausdruck. Anlehnend. an das bekannte' Prophetenwort mz'v ypjvn tjd führte er aus, dass, einem dumpfen Posaunenschall gleich am vorigen Freitag Nachmittag die Trauerknnde von Mund zu Mund ging, und schilderte alsdann Wesen und. Wirken des geliebten Lehrers. Im Namen der Lehrer, sprach sodann Herr Fröhlich ^M. Gladbach ergreifende Abschiedsworte; der Schluß war ein rührender Appell an die Synagogen-Gemeinde. Mögen die trauernde Wittwe und deren Söhne um den Verlust des theueren Ernährers Trost und Beruhigung in der' allgemeinen Antheilnahme finden, die sich von Nah und Fern durch eine Fülle von Beileidsbezeugungen kundgab. Ich aber rufe Dir, lieber Freund, als Abschiedsgruß die Worte zu: nizn. rmrn obiyn »juwd «>776, jwi ppb -zbiub Tcjrre BrcSlau, 3. Juni. (Großes Vermächt- N i ß.) Wie verlautet, hat der im Alter von 80 Jahren verstorbene Rentner Josef Gotthelf aus Breslau der hiesigen Stadt eine Summe von 300,000 Mark zum Bau von Häusern mit kleinen Wohnungen vermacht. Der Miethspreis soll ein ganz billiger sein. Dem gleichen Zweck dient ein Vermächtniß von 200,000 Mark an die hiesige Synagogen-Gemeinde. Ferner hat der Verstorbene 100,000 Mark für Stipendien für arme Medizinstudirende und eine größere Anzahl von Legaten für Dienstboten etc. hinterlassen. München. (Wichtige Entscheidung.) Eine bedeutsame Entscheidung hat dieser Tage der bayerische Verwaltungsgerichtshof in der Frage der Rechtsgiltigkeit des Austritts eines Juden aus der jüdischen Religionsgemeinschaft gefällt. Nach dieser Entscheidung bleibt der austretende Jude so lange staatsrechtlich Jude, als er nicht beim geistlichen Vorstand und zwar persönlich, seinen Austritt erklärt hat. Austrittserklärungen an anderer Stelle oder schriftliche Abmeldungen sind rechtsunwirksam. Sonach können getaufte Juden oder Jüdinnen, welche ihren Austritt nicht persönlich beim zuständigen Rabbiner erklärt haben, auch ferner zur Kultussteuer herangezogen werden, da sie staatsrechtlich Juden geblieben sind. Die Gemeinden haben denn auch bei der Heranziehung zum Kultussteuerverfahren diesem Grundsatz genügt. AnS Bayern. Bayerns Abgeordnetenkammer hatte in den jüngsten Tagen bewegte Zeiten. Daß die Langeweile dort nicht Platz griff, dafür sorgte in wenig dankenswerther Art und in recht unhöflicher Form der Abgeordnete für Pfarrkirchen, der Redakteur Anton Memminger von Würzburg. Bekanntlich erscheint in Würzburg die „Neue bayerische Landeszeitung", das Organ des bayerischen Bauernbundes, welches sich ebenso scharf gegen das Zentrum wie gegen die Juden richtet. Jede Nummer des Organs,, besonders die humoristisch-satyrische Beilage „Marktbärbel" strotzt von Rischus. Es dürfte den Lesern dss. Bl. in Erinnerung sein, wie jene Zeitung uns in Bayern die „Fleischbesudelungsprozesse" brachte, deren unheilvolle Spuren noch heute wahrnehmbar sind. Die Polnaer Affäre war für jenes Blatt natürlich auch ein fetter Braten, es erschien ein Feuilleton mit dem vielsagenden Titel „Der jüdische Mädchenschächter". Und dennoch warb man im Vorjahre anläßlich der Reichstagswahl um die Stimmen der Juden, da man — nach echt antisemitischer Doktrin — ja nur die „schlechten" Juden stets im Sinne habe, die braven aber nie gemeint seien. Als nun dieser Tage in der bayerischen Kammer in der Spezialdiskussion des Kultusetats die Universitätsverhältniste Würzburgs durchberathen wurden, leistete sich Anton Memminger im Tone seines Revolverblattes das Menschenmöglichste. Er gebrauchte die Tribüne des Landtages zu den größten Ausfällen gegen die Professoren, die Studenten, namentlich aber gegen die Würzburger Damenwelt. So behauptete er u. a.: „Unsere Sozialpolitik hat die vielen Wirthschaften und die Prostitution großgezogen. Die Weiber spielen im Leben des Studenten eine große Rolle; Mütter verkuppeln ihre Töchter an Studenten. Das Weib geht jetzt bei Kommersen nicht mehr blos auf die Galerie, sondern in die Arena'und läßt die Studenten in die Kanne steigen. Die einzig anständigen Damen in Mürzburg sind noch die Studentinnen! .... Dann wurden die Professoren gleich Schulbuben hergenommen. Herr M. meinte auch u. a., daß die Studenten im Deutschen' wenig leisten, sie würden verdorben durch das jüdische Depeschendeutsch, u. s. w. Der Abgeordnete kür Pfarrkirchen sitzt erst ein Jahr in der Kammer, und wer seine Tonart bisher noch nicht aus der „Landeszeitnng" kennen gelernt, der konnte sie nunmehr auf der Volkstribüne kennen lernen. Das ist der regelrechte Gang aller Antisemiten, erst gegen die Juden, dann gegen den Staat, dessen Einrichtungen, dessen Organe oder Beamten. Es läßt sich denken, wie böses Blut jene unerhörten Schmähungen in Würzburg gemacht. Am 1. Juni brachten die Studenten Herrn Prof. Dr. Hofmeier einen glänzenden Fackelzug und benützten d«