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Der Israelit · 1904-06-06 · Heft 45 (6.6.1904) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 45 (6.6.1904)
Date
1904-06-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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St» tiefer Religiosität, ein harmonischer Charakter, ausgezeichnet durch Adel der Gesinnung und Vornehmheit des Wesens, die ihm alle Sympathien im reichsten Maße zuwendeten. Eine glühende Begeisterung für die erhabenen Ideen der Humanität erfüllte ihn voll und ganz, und mit seltener Aufopferung und Hingebung widmete er sich jenen Institutionen, welche sich der Ausübung von Werken der Liebe und Barmherzigkeit zum Ziele setzen, namentlich unserem Vereine und der „Chewra Kadischa" in Wien. Wir werden ihm eia ehrendes Andenken bewahren, und dasselbe stets heilig halten! Wir haben in unserem vorjährigen Rechenschaftsberichte der Besorgnitz für den Bestand und die Fortexistenz des Vereines im Hinblicke auf die stetige Herabrninderung unserer Einnahmen und die sich mehrenden Anforderungen Ausdruck gegeben, und der vorliegende Rechenschaftsbericht ist fürwahr nicht geeignet, unsere Besorgnisse zu bannen und uns mit frohen Hoffnungen für die Zukunft und mit größerer Zuversicht zu erfüllen. Unsere Einnahmen in dem letzten Jahre haben die des Vorjahres nicht erreicht, und erscheint dies desto betrübender, da diese Einbuße auch in den Jahresbeiträgen der Mitglieder zum Ausdrucke gelangt. Nur die unerschütterliche Ueberzeugung von der wahrhaft segensreichen Thätigkeit unseres Vereines, das Bewußtsein, ein in unserer an Wohlthätigkeitsanstalten so reichen Gemeinde noch nicht bebautes Feld edler Menschlichkeit zu kultiviren, und die Erkenntniß der unheilvollen Folgen, welche mit der Sistirung der Bereinsthätigkeit für Tausende unglücklicher Glaubensgenossen verknüpft wären, gibt uns den Math und die Entschlossenheit den Kampf gegen die herrschende Theilnahmslosigkeit zu wagen, in welchem Kampfe uns die Hoffnung auftecht hält, daß unser neuerlicher Appel an unsere Glaubensgenossen, uns im schweren Dienste echt jüdischer Humanität nicht zu verlassen, nicht wirkungslos verhallen wird. Wenn erwogen wird, daß dem eigentlichen Vereinszwecke ein Betrag von ca. 12,000 Kronen zugeführt wird, und daß der löbliche Kultus-Vorstand in hochherziger Weise und in Würdigung unserer idealen Bestrebungen uns eine jährliche Unterstützung von 3000 Kronen gewährt, so ist gewiß die Behauptung gerechtfertigt, daß durch diese Unterstützung die würdige Existenz unseres Vereines in erster Linie ermöglicht ist, und genügen wir einer unabweisbaren Pflicht, wenn wir an dieser Stelle dem hochverehrten Kultus-Vorstande den herzlichsten Dank abstatten, der auch an unsere Mitglieder und Gönner gerichtet wird, welche durch ihre Beiträge die Vereinszwecke in bereitwilliger Weise fördern helfen. Wir sprechen den tiefgefühlten Wunsch aus, daß dieses uns erwiesene besondere Wohlwollen das Interesse weiterer Kreise für unsere Ziele und Bestrebungen zum Heile und Gedeihen unseres Vereines Nachrufen möge. Der Vorstand besteht aus den Herren: Marcus. Bondi, Präses, Dr. Marcus Spitzer, stellvert. Präses,' Simon Buchwald. Krankenvater; Philipp Back, Adolf Singer. Aron Weil, Professor S. Hoffmann, Adolf Bernfeld. Ignaz Back, Josef Schaalmann, B. Hof-, bauer, Ignaz Schiff, Wilhelm Kohn, Vorstandsmitglieder. Ergänzungs Comit6 in der Provinz: Carl Beer in Holleschau, David Löb in Wien, August Oedenburger in Baden, Josef Heller, Obercantor in Brünn. VilmoS Kraus in Nyitra, David Kohane in Tuchow. Rußland. Petersburg. Die über Rußland hereingeörvchene Krisis fand im Ansiedelungsrayon einige Millionen' überzählige Handwerker, Tagelöhner, Vermittler, Kleinhändler und sonstige „Luftmenschen" vor, die schon in normalen Zeiten schwer um's Dasein ringen mrd sich für gewöhnlich nur halbsatt essen können. Die Krisis setzte als Handelskrisis ein, indem die Banken sofort nach dem ersten japanischen Angriff auf das ferne Port Arthur das Kreditgeben auf das äußerste einschränkten. Die Folge waren zahlreiche Fallissements und Liquidationen, durch welche Tausende von jüdischen Handlungsgehilfen sich plötzlich stellungs- und arbeitslos sahen. Der Handelskrisis folgte unmittelbar eine Jndustriekrisis. welche die Fabrikanten in Lodz und Warschau nöthigte, ihre Produktion einzuschränken resp. ganz einzustellen. Die vorgenommenen Arbeiterentlassungen übten sofort einen empfindlichen Druck auf den gesammten Mittelstand aus, der an den Arbeitern seinen besten Kundenbestand verlor. Die Hausbesitzer konnten nunmehr ihre Miethen nicht mehr einziehen. Die Wohnungsmiethen fielen rapid und die Folge war eine Krisis im gesammten Baugewerbe. So rief ein Unglück das andere hervor, mit dem Endergebnis. daß Rußland kaum drei Monate nach dem Ausbruch des Krieges schon vor der ökonomischen Katastrophe steht... In Lodz sind bis jetzt 18.000 Arbeiter, darunter 1000 Juden, entlassen. Um der ersten Roth unter den Juden abzuhelfen, sollen 30,000 Rubel gesammelt werden, von denen aber erst 10,000 Rubel gezeichnet sind. Unter den jüdischen Webern in Vialystock herrscht eine solche Roth, daß die Polizei eingreifen mußte. Ein 13gliederiges Komitee wurde eingesetzt, das unter Leitung des Polizeimeisters und des Adelsmarschalls sämmtliche Juden der Stadt, die für andere noch etwas übrig haben, in sieben Kategorien eingetheilt hat. Die Bessersituirten haben für die Arbeitslosen von 1 bis 50 Rubel monatlich zu zahlen. In Odessa ruht die Vautbsiigkeit gänzlich und die zahlreichen Zahlungseinstellungen haben Hunderte von Angestellten auf das Straßenpftaster geworfen. In Minsk herrscht eine

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