Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 45 (6.6.1904)
- Date
- 1904-06-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450027--60781-2521805- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
45. Jahrgang. h Kn Wckncktn Zkitf Ioksis SM Um Alitlimitisms. Es wird jetzt ein Brief Jokais bekannt, den derselbe vor noch nicht langer Zeit an den Sohn des gewesenen ungarischen Kultusministers Dr. Wlassits gerichtet hat und nach dem „Jüd. Volksbl." in deutscher Uebersetzung wie folgt lautet: „Lieber Freund! Als ich noch ein junger Student war, hatte in mir schon irgend ein Trieb (vielleicht eine höhere Eingebung) den Gedanken geweckt, daß durch gegenseitige Liebe mehr Erfolg zur Stärkung unseres Vaterlandes erreicht werden kann, als durch gegenseitigen Haß. Damals war der Gebrauch in Mode, aus Städten mit ungarischer Sprache Tausch-Knaben in deutschsprachige Städte zu schicken, woselbst ste bei einer Familie ein nues Heim fanden. Mein älterer Bruder und ich wurden gegen deutsche Knaben ausgetauscht. Wir haben spielend gut deutsch erlernt, während die beiden deutschen Knaben gute Ungarn und später viel gefeierte Patrioten geworden stnd. Ich hatte mir vorgenommen, aus jeder Nationalität einen guten Freund zu gewinnen. Es ist auch gelungen. Alle stnd ste meine guten Freunde, gute Patrioten geworden. Wern Ihr, meine lieben Landsleute, euch das gleiche Bestreben zum Ziel machet, würde daraus eine Lawine werden, die zum Staunen der Welt nach aufwärts rollt und wächst. Aus dem Gedächtnisse habe ich mir notirt, wir viele Freunde, wackere Patrioten ich während meines langen Lebens aus nicht ungarischem Stamme durch Liebe zu erreichen im Stande war. Ihre Zahl reicht wohl an die Hundert: davon 69 Juden, die übrigen Deutsche, Kroaten, Serben, Rumänen etc. Alle vortrefflichen Männer, die in der Gesellschaft etwas zählen. Und hier sage ich es mit traurig ernster Ueberzeugnng. daß unsere Gesellschaft vor 51 Jahren um vieles voraus war bezüglich des Gefühles der Zusammengehörigkeit als jetzt. Der Freiheitskampf, die Vertheidigung der Verfassung. das Schlagwort von der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" hatte ein großes Lager unter unserer Trikolore vereinigt. In unserer Honvedschaft kämpften mit uns zusammen Deutsche, Tiroler, Polen, Ruthenen, Slovaken. Der allererste Erstürmer der St. Tamaser Schanzen war ein echt slovakisches Regiment (Alexander). Zur Ergänzung des in den Kämpfen zusammengeschmolzenen Bataillons der rothen Kappen wurden 400 Rumänen eingereiht und diese sind während eines Monates ebenso heldenmüthige Honveds geworden, wie ihre ungarischen Kampfgenossen: Die Waffen-.' brüderliche Freundschaft hatte ste dazu gemacht. In^ den Märztagen hat ein jüdischer Großhändler 400 ju?- dische Gardisten mit Waffen und Uniform versehen,, die in den ersten trüben Zeiten die Ordnung aufrecht' zu erhalten geholfen haben. Zu Ende des FreiheitZkampfes haben 11,000 jüdische Jünglinge unter deü. nationalen Fahnen gekämpft und unter ihnen waren,' ' solche Helden, wie der Vater der Gajaris, dessen Brust. , der Verdienstorden der Tapferkeit geschmückt hat. Und. nach der Niederschlagung des Freiheitskampses hat der österreichische Oberkommandant den ungarländischen Juden für ihre erfolgreiche Theilnahme an der Revolution eine ungeheuere Geldstrafe auferlegt. Und doch' hatten die Juden damals bei uns noch nicht einmal än-^. erkannte Bürgerrechte, dennoch haben ste Blut und Bermögen für das Stiesvaterland geopfert. v' " Jetzt sehe ich einen traurigen Rückfall. Unsere neue Generation rühmt sich des Haffes. . . Im Zeitalter der Aufklärung, der nationalen Wiedergeburt, da das Parlament die Gesetze der vollen Gewissens-. freiheit geschaffen, und der gekrönte König dieselben für ewige Zeiten sanktionirt hat, entsteht im Lager der neuen Generation die mittelalterliche Gedankenver-} solgung. Das ist verderblich für das Vaterland. Ich spreche offen und klar: Ich finde, daß die Einbürgerung des Antisemitismus zum Verderben,, unserer Nation führt. Er widerspricht der christlichen Lehre von der Nächstenliebe, er steht im Gegensätze zur- Vaterlandsliebe, die uns diktirt, einen Volksstamm., der Millionen Seelen zählt, der Verstand, Kenntnisse. Fähigkeiten besitzt, der ein mächtiger Faktor unsere-.. Handels und Gewerbes ist, von uns aus unbegründetem Stammes- oder Glaubenshaß zu verstoßen. Während des Freiheitskampfes waren katholische Jünglinge«. Protestanten und Juden beim Lagerfeuer vereinigt. Gott war mit ihnen. Auch in Zukunft wird Gott nur so mit ihnen sein!" Moritz Jokai. Zeitungsnachrichten und Correspsndenren. Deutschland.' Berlin, 30. Mai. Die' ülträmontanen Blätter, fahren fort, das Thema von der „jüdischen Presse" ijj£ agitatorischer Weise zu behandeln. Aber schon' eine einfache statistische Berechnung kann die ganze