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Der Israelit · 1904-06-06 · Heft 45 (6.6.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 45 (6.6.1904)
Date
1904-06-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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^Feuilleton. Wahrheit und Michtung. Von Friedrich Rott. im Selma eilte zu ihr und wollte ihr beschwichtigend zureden, ihr Bruder jedoch winkte ihr abwehrend. „Lasse sie weinen, dann wird sie sich leichter fühlen." Als jedoch der erste wilde Ausbruch ihres Schmerzes vorüber war, winkte er der eben wieder eintretenden Wirthin: „Frau Fleischmann, Sie haben uns vorhin einiges aus den letzten Tagen des Dahingeschiedenen erzählt, ich glaube, es würde meine Braut interessiren, dasselbe auch von Ihnen zu hören, und vielleicht fällt Ihnen noch Einiges ein — wollen Sie so gut sein? —" „Gern, Herr Doktor, das will ich gern thun, aber erst müßte das Fräulein doch etwas genießen, sie hat ja sicher seit Früh nichts genommen, und was ich mittheilen möchte, wird sie auch noch mehr aufregen —" „Frau Fleischmann hat recht," sagte Max, „sie kann meinem Wunsche nicht entsprechen, bevor Du etwas zu Dir genommen hast, wirst Du etwas nehmen, Frieda?" Sie neigte zustimmend das Haupt. „Also bitte, Frau Fleischmann, wollen Sie die Güte haben, irgeud etwas besorgen zu lassen." „Gleich, gleich, Herr Doktor, eine Tasse Bouillon wird das Beste sein, ich bin sogleich wieder hier." Sie eilte hinaus und kam in der That schon nach wenigen Minuten mit dem Erwähnten zurück. „So, liebes Fräulein,' trinken Sie nur das, dann werden Sie sich kräftiger fühlen und dann werde ich Ihnen sofort erzählen, was ich vorhin dem Herrn Doktor und dem anderen Fräulein erzählt habe." Frieda leerte, allerdings nicht ohne Anstrengung, die ihr dargebotene Tasse, athmete dann jedoch sichtlich erleichtert auf, indem sie erwartungsvoll auf die Wirthin blickte, die sich ihr gegenüber gesetzt hatte. Diese nickte ihr freundlich zu. „Alsdann, liebes Fräulein, ich bin froh, daß Sie etwas genommen haben, nun kann ich Ihnen erzählen, was Ihnen allerdings auch wehe thun wird, aber es wird Ihnen doch auch wohl thun. — Wie lange ist es her? —" Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn, „der Kopf ist mir wüst, denn ich kann Sie vrsichern. es hat uns allen zu leid gethon. — Ja, mir scheint, er war vorvorgestern, als der arme gottselige Herr zu uns gebracht worden ist. Ach, wie war das so schrecklich. Zuerst hat er gar nichts von sich gewußt. Dann aber, der Herr Doktor hatte gesagt, wir sollen sehen, daß er etwas Stärkendes nimmt, Wein oder starke Fleischfuppe oder so was. Aber wir haben ihn nicht dazu bringen können, etwas anderes zu nehmen, als dann und wann einen Schluck Milch. Und das war nicht gut, denn wenn auch der Doktor gleich gesagt hat. länger als drei, höchstens vier Tage kann er's nicht aushalten, und man könnte es auch gar nicht wünschen, daß er's länger aushalten würde, weil er gar so arg gelitten hat. Aber weil er immer gesagt hat, wenn er nur so lange noch leben könnte, bis seine Tochter kommt, darum hätte ich's gern gesehen, wenn er genommen hätte, was der Doktor hat haben wollen. Und vorgestern war eine Trauung drüben bei uns. da ist unser Herr Rabbiner bei uns gewesen. Das ist ein sehr lieber alter Herr, man sieht es ihm an. daß er sehr, sehr fromm ist. Dem habe ich von dem armen Herrn erzählt und habe ihn gebeten, er möchte zu ihm gehen und möchte ihm sagen, daß wir auch fromm sind und koscher haben, denn ich habe gesehen, weil der Herr das nicht genau gewußt hat, deshalb hat er nicht bei uns essen wollen. Der Herr Rabbiner ist auch zu ihm ge-» gangen und hat ihm das gesagt und darauf hat er auch gleich die Suvpe getrunken, die ich ihm gebracht habe. Und dann hat er dem Herrn Rabbi erzählt, daß seine Eltern zwar sehr fromm gewesen sind, daß er selbst aber viele Jabre lang gar nichts gehalten habe, daß er aber seine Tochter, die bei seinen Eltrn erzogen worden wäre, sehr sehr fromm wäre, und die batte ihn so lange gebeten, bis er auch wieder alles gehalten habe und seit vier Iabren hätte er wissentlich kein Gesetz mehr übertreten. Darum halte er sich überzeugt, daß Gott ihm verziehen habe und sein frühzeitiges Ende als Sübne für sein früheres unjüdisches Leben ihm bestimmt habe. Jetzt habe er nur noch einen einzigen Wunsch, daß seine Tochter und der Herr, den er ihr zum Gatten bestimmt habe, rechtzeitig kommen, damit er selbst sie noch verloben könne. Wenn ihm Gott diese Gnade erweisen würde, das würde er als das größte Gluck seines Lebens betrachten. Wenn rs ihm aber nicht bestimmt sein sollte, dieses zn erleben, wenn das Fräulein und der Herr Doktor zu spät kommen würden, dann möchte der Herr'Rabbi es beiden sagen, daß es sein sehnlichster Wunsch gewesen wäre, sie mit einander zu verloben. Das hat ihm der Herr Rabbi auch versvrochen und hat noch viel Tröstendes zu ihm gesagt, ich kann Ihnen das nicht so wieder erzählen, aber der arme gottselige Herr hat ganz glücklich ausgesehen. Als aber der Herr Rabbi aus dem Zimmer ge-. kommen ist. da hat der alte Herr geweint wie ein kleines Kind und bat uns auf die Seele gebunden, falls der letzte Wunsch des armen Herrn nicht in Erfüllung gehen sollte, so möchten wir es ibn sofort wissen lassen, dann würde er Herkommen und Ihnen genau mittbeilen, waS Ihr gottseliger Vater ihm gesagt hat. — Aber das ist doch nun Gottlob nicht nothwendig. er hat selbst'noch die große Freude gehabt, seine Tochter als Braut zu sehen, und man bat es ihm angesehen, wie glücklich er sich darüber gefühlt hat."

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