Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 44 (1.6.1904)
- Date
- 1904-06-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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931 bürgt der Sonntagstrunk aller Schloßbewohner und besonders der Dienerschafi für einen festeren Schlaf, zweitens verbrachte der Graf meistens die Sonntag- Abende bigegen Mitternacht in der Benediktiner- Abtei, daß also eine Störung auch von dieser Seite nicht zu befürchten war. Mit Rücksicht darauf, wurde die Stunde des Fluchtversuchs schon auf zehn Uhr Abends festgesetzt. Die Geflüchteten sollten direkt die Richtung nach Raab einschlaoen und dort das Kind in den Bund Abrahams aufnehmen lassen. Daselbst sollten sie verweilen, bis das Befinden des Kindes die Weiterreise gestatte. Man mußte also dort einige gute Freunde von der Sache in Kenntniß setzen. Alle diese Vorbereitungen wurden in aller Stille und mit einer Umsicht getroffen, die jedem Geheim- Detektiv alle Ehre gemacht hätte. Die Stangen, Seile, der Korb und das Bettzeug wurden von vier der jüngeren Genossen sofort mit Eintritt der Nacht an Ort und Stelle gebracht. Die vier anderen fuhren in der für die Flucht bestimmten Kutsche nach. In derselben saßen aber nur drei, dcr vierte saß aus dem Bock als Kutscher. Er sollte die Geflüchteten bis zur nächsten Station fahren, an welcher die Pferde gewechselt wurden, damit kein gewöhnlicher Kutscher in das Geheimniß eingeweiht zu werden brauchte. Als der Wagen kurz vor zehn Uhr hinter der bezeichneten Stelle der Parkmauer in unmittelbarer Nähe des Thurmes angekommen war, lag das ganze Schloß schon in tiefer Dunkelheit da. Kein Hund schlug an; die Insassen des Wagens hatten eine halbe Stunde vor dem Schloß die Vorsicht gebraucht, dicke, weiche Watte über die Randreifen zu binden und in ganz langsamem Tempo zu fahren. Auch die Hufe der Pferde waren in wollene Tiicker gewickelt, so daß nicht einmal Mosche Schalem und Frau etwas von der Ankunft ihrer Befreier hörten, bis die Stange mit dem Seil an's Fenster schlug. Sofort ergriffen die Gefangenen die Spitze der Stange, banden das Seil los, ließen es an beiden Seiten des Kreuzstockes herunterhängen und hoben die beiden Fensterflügel aus. Alsbald kam von der Tiefe ein großer Waschkorb mit Betten in die Höhe. Die Frau setzte sich, ohne die Hilfe ihres Mannes nöthig zu haben, in den Korb und glitt langsam und sicher an dem von festen, treuen Händen geleiteten Seil in die Tiefe. Kein Wort wurde dabei gesprochen, weder von den Befreiern, noch von den Befreiten. Nach wenigen Minuten war der Korb wieder oben. Jetzt setzte sich Mosche Schalem in den Korb und folgte seiner Frau nach. Als er unten war, wurde das Seil zurückgezogen und fiel zur- Erde. Leise war der Arendar seiner Frau vermittelst der Leiter über die Mauer in den Wagen gefolgt. Tusmenih gab ihm das Geld und wollte eben dem Kutscher zurufen, daß er fortfahren solle, als die Frau plötzlich kaut aüfschrie: „Ribbaunau schel Olom! (Herr der Welt?) Wo ist mein Kind?* Die Männer sahen sich erstarrt an; das Kind war im Thurm geblieben. In der Aufregung hatte es der Vater vergessen mit fortzunehmen, während die Befreier das Kind gerettet glaubten. Jetzt war das Kind allein im Thurm zurückgeblieben! Die Frau erklärte, sic fahre nicht ohne ihr Kind. Es war aber nicht mehr möglich, das Kind zu holen, da man das Seil nicht mehr oben befestigen konnte. Ebensowenig war es den Gefangenen möglich zurückzukehren, da der Thurm verschlossen war. Da machte Tusmenitz aus der Noth eine Tugend und erklärte: „Gam sn letauwo! Auch das ist zum Guten! Wer weiß, wie Ihr durch das Kind unterwegs aufgehalten worden wäret. Wir werden das Kind schon morgen herausbekommen, gelegentlich seiner Einführung in den Bund Abrahams, und es durch einen zuverlässigen Boten Euch nach Raab nachschicken. Wartet dort jedenfalls unsere Nachricht ab." Die Mutter ließ sich jedoch nicht beruhigen, sie wollte aussieigen, da hörte man von der entgegengesetzten Richtung das Geräusch eines Wagens. „Das ist der Graf!" rief Troler, schlug den Wagen zu und hieß den Kutscher in vollem Trab davon fahren. Die wackeren Männer gingen auf Scitenpfaden der Hauptstraße zu und kamen in später Nachtstunde nach Hause, ohne von Jemand angehalten oder bemerkt worden zu sein. Den anderen Morgen um neun Uhr kam Reb Mendel Troler und ein ganzes Minjan beim Hauptthore des gräflichen Schlosses vorgefahren und schlug dreimal an die verschlossene Pforte. Aber es öffnete ihnen nicht der Pförtner von voriger Woche, sondern der Diener, welcher den Brief des Grafen Lberbracht hatte. „Ah, Herr Troler, Ihr seid es?" redete er den Eintretenden an. „Seid willkommen! Wißt Ihr schon das Allerneueste? Der Thorhüter steckt im Thurm und der Arendar mit seiner Frau sind fort! Ter Graf erwartet Euch, er hat befohlen, Euch sofort zu ihm zu' führen. Aber er ist wüthend, so habe ich ihn noch gar nicht gesehen." „Ist Er von Sinnen?" fragte Troler. „Mas redet Er denn da? Er hat wohl seinen Rausch von voriger Woche noch nicht ausgeschlafen. Wie sollte denn der Arendar fort sein und der Thorwächter im Thnrm sitzen! Führe Er mich nur zu Seiner Durchlaucht den Grafen, denn aus Ihm werde ich nicht klug." Reb Mendel nahm von seinen Begleitern nur Reb Scheftel Tusmenitz mit hinauf zum Grafen. Sie hatten denselben überschäumend vor Zorn und Wuth anzutreffen erwartet und waren ganz betroffen, als sie mit einer Liebenswürdigkeit und herablassender Leutseligkeit empfangen wurden, die den Eintretenden geradezu unheimlich vorkam. Sie wußten, daß wenn der Arendar entwichen war, man in erster Reihe die Juden