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Der Israelit · 1904-06-01 · Heft 44 (1.6.1904) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 44 (1.6.1904)
Date
1904-06-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
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warmem Bettzeug, den Ihr in die Höhe zieht. .Oben angelangt steckt ihr Eure Frau in den Korb und laßt sie herunter. Wir nehmen sie unten in Empfang und lassen den Korb wieder in die Höhe gehen, dann setzt Ihr Euch mit dem Kinde hinein. Ein Wagen steht bereit, um sofort, wenn Ihr unten seid, über die Grenze zu fahren. Bis man Morgens Euere Flucht merkt, habt Ihr einen Vorsprung von 7—8 Stunden und tausend Gulden baar, womit Ihr leicht überall frischen Vorspann bekommt." Die Gefangenen waren ganz verblüfft von dem, was sie da zu hören bekamen, sie wollten-entgegen, ab< lehnen, danken, annehmen, aber Reb Mendel ließ sie nicht zu Worte kommen. „Unsere Zeit." sagte er. „ist kostbar. Wir dürfen keine Minute unnütz verplaudern, denn jeden Augenblick kann ein Beamter kommen, da Ihr als Gefangene nicht ohne Zeugen mit einem Freinden verkehren dürft. Wir haben jetzt noch eine wichtige Angelegenheit zu überlegen; wie kommen wir bei Nacht in's Schloß und vor diesen Thurm? Müssen wir durch den Haupteingang, so ist es nöthig, daß ich schon den Tag vorher da bin. was für einen gewissenhaften Mohel nicht mehr als billig ist. Ich bringe dann ein Füßchen Rüster mit, das für drei Thorhüter genügt, daß sie unser Unternehmen verschlafen. Aber ich thue das nur im Nothfalle, weil, im Falle einer Flucht der Verdacht sofort auf mich fällt, wenn ich dieselbe Nacht hier im Hause zugebracht habe. Wenn aber dieselben, die Euch Nachts fortgeholfen haben, den andern Morgen um Zehn angerückt kommen, um die Brismilo vorzunehmen und es ist kein Kind und kein Vater und keine Mutter da. dann sind wir die Gefoppten, die einen Metzgersgang gemacht haben, das nähme sich viel besser aus." „Durch das Hofthor braucht Ihr nicht," bemerkte der Arendar, „um hierher an diesen Thurm zu kommen. Seht dort zum Fenster hinaus. Vom Houpteingang über den ganzen Schloßhof und Garten ist ja ein Weg von mehr als zweihundert Schritten. Dagegen steht der Thurm etwa zwanzig Schritte von der Parkmauer entfernt. Die Mauer ist etwa fünf Ellen hoch, die kann man mit einer Leiter leicht-" „Kein Wort weiter," flüsterte Reb Mendel, „ich höre Tritte auf der Treppe. Lebt wohl! Auf Wiedersehen Sonntag Nacht, zwischen zehn und zwölf." Mit diesen Worten verließ der wackere Mann das Gemach des Gefangenen. Es war nur der Thorhüter, der Herrn Troler auf dem Cvrridor in die Arme lief, um ihn abzuholen aus Besorgniß, daß derselbe den Weg nicht allein finde; in Wirklichkeit aber in der Erwartung auf eine Fortsetzung des Trinkgeldes. „Ihr müßt da oben eine gesunde Luft haben," bemerkte Reb Mendel zu seinem Begleiter, „denn ein so kräftiges Kind habe ich noch so wenig gesehen wie eine Wöchnerin, die am vierten Tage wieder ganz wie sonst ihrem Hauswesen vorsteht." „Ja gewiß;" bemerkte der Thorhüter, „und die Aussicht, die man auf den See hat. wenn Sie diese erst beobachtet hätten, die ist einzig." „Ich habe sie mir wohl angesehen," erwiderte Reb Mendel, „deßhalb habe ich mich so lange aufgehalten. Mit dem Kind war ich bald fertig, das braucht man nur schreien zu hören, so weiß man, daß es gesund wie ein junger Löwe ist." „Also wird die Beschneidung Montag stattfinden?" fragte der Thorbüter. „Ohne Zweifel." antwortete Reb Mendel. „Ich bitte Sie. dem Herrn Grafen das in meinem Namen mitzutheilen und ihm mein Bedauern auszusprechen, daß ich nicht die Ehre hätte. Seine Durchlaucht selber zu sprechen. Hoffentlich habe ich Montag mehr Glück. Wenn ich Montag hier die Beschneidung gut vollzogen habe, bekommen Sie noch ein besonderes Trinkgeld." Mit diesen Worten verließ er das Schloß und trat sinnend den Heimweg an. Die letzten Worte, die er mit dem Thorhüter gewechselt, hatten ihn auf eine neue Schwierigkeit aufmerksam gemacht, an die er bis jetzt gar nicht gedacht hatte. Wenn der Plan so wie verabredet, in der Nacht von Sonntag auf Montag ausgeführt werden sollte, so mußte das Kind auf der Flucht in den Bund Abrahams eingeführt werden; denn Montag, den achten Tag. konnte man doch nicht vorübergehen lasten. Eine Reise des Kindes mit der Wunde war bei dieser Jahreszeit ganz ausgeschlossen. Die Familie mußte also, nachdem sie einen Vorsprung von 7—8 Stunden hatte, fiir einige Tage Rast machen und dort die Bris Milo feiern. Da mußte der Ort und alles bis in die kleinsten Einzelheiten vorher in's Auge gefaßt werden. Doch es war dem allein seines Weges Gehenden nicht zweifelhaft, daß sich auch hier das Rechte finden werde, wenn nur erst der Akt der Flucht, die Entweichung aus dem Thurm und aus dem Bereich des gräflichen Besitzes sich glatt vollziehen werde. IV. Während Troler seinen Jnspektionsbesuch im Schuldtburm zu Thiany gemacht hatte, war Tusmenitz nach Stuhlweißenburg gefahren, um dort Beiträge für die gefänglich eingezogene Familie entgegen zu nehmen. Mit den Spenden aus Veßprim belief sich die Gesammtsumme auf elfhundertfünfzig Gulden, die dann Tusmenitz auf zwölfhundert abrundete. Abends trafen die beiden Männer, begleitet von noch sechs Geschäftsfreunden. in Tusmenitz' Wohnung zusammen, um das bereits Geschehene.sich gegenseitig mitzutheilen und den Plan der Flucht in allen Einzelheiten'fefizustellen. Man kam überein, daß die Nacht von Sonntag auf Montag jedenfalls die geeignetste sei. Erstens

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