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Der Israelit · 1904-06-01 · Heft 44 (1.6.1904) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 44 (1.6.1904)
Date
1904-06-01
Page
– (sequence 28)
Language
German
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932 im Verdacht der Mithilfe habe. Denn ohne Mithilfe ist ein solcher Fluchtversuch nicht möglich; wer hätte aber sonst ein Interesse daran, einen verschuldeten Pachter aus seiner Schuldhaft zu befreien, wer anders, als die jüdische Bruderliebe? Auf sie hatte ja der Graf spekulirt, indem er die arme Familie in den Thurm steckte und sie so lange dort behalten wollte, bis die Juden durch Bezahlung der Schuld ihren gefangenen Bruder befreiten. Aber die Gefangenen auf diese Weise befreien, das ging -dem überlegten Grafen stark gegen den Strich; er verlcr auf diese Weise einen treu besorgten. nüchternen Verwalter und fast zehntausend Gulden in Baar. Bei einer solchen Schlappe hatten Troler und Tusmenitz den gräflichen Mitzmuth am Platze gefunden, aber der höfliche Empfang ließ sie sofort Hintergedanken vermuthen, die sie ganz betreten machten. „Sie sind die Herren, welche die Beschneidung hier vornehmen wollen?" begann in verbindlichstem Tone der Graf. „Ich mutz Ihnen zunächst meinen Dank für Ihre Bereitwilligkeit und meine Anerkennung für die Uneigennützigkeit aussprechen, mit der Sie sich hier eingefunden habem Aber ich mutz Sie sehr um Entschuldigung bitten, datz ich Sie umsonst bemüht haben, denn der Mann und die Frau sind die vergangene Nacht mit dem Kinde entwichen!" Da Niemand besser als die Angeredeten es wußten, daß das Kind nicht entwichen war, so war es ihnen nicht zweifelhaft, wo der Pferdefuß zu suchen sei. -- „Entwichen?'' fragten erstaunt Tusmenitz und Troler. „Wie ist das möglich? Eine junge Wöchnerin und ein Kind in so zartem Alter und bei dieser strengen Kälte? Der Diener am Schloßthor hatte uns in verworrener Weise etwas Derartiges gesagt; wir hielten jedoch den Menschen für verschlafen oder betrunken. Aber wenn es Durchlaucht selber bestätigen, so ist jeder Zweifel ausgeschlossen." Der Graf firirte die Beiden scharf durch seine goldene Brille. Das Erstaunen und Erschrecken lag jedoch so natürlich in den Mienen der Sprecher, datz der Graf fast irre geworden wäre. Aber sie waren auch in Wirklichkeit erschrocken, weil der Graf es für angezeigt zu halten schien, ihnen die Anwesenheit des Kindes zu verleugnem „Diesem Esel von Diener scheint seine neue Würde in den Kopf gestiegen zu sein. Er meint jedenfalls, ich hätte den Thorwächter abgesetzt, weil er das Hofthor nicht aufmerksam genug bewacht hat. In Wirklichkeit ist das gerade Gegentheil der Fall. Je aufmerksamer er das Schloßthor hütete, desto leichter konnten die Flüchtlinge entkommem Aus_ den Fußspuren und sonstigen Anzeichen ergibt sich namlüh, datz die Flucht über die Parkmauer genommen wurde. Dafür kann ich den armen Pförtner nicht verantwortlich machen. In den Thurm gesteckt habe ich ihn. weil er Sie, Herr Troler. vor »inigen Tagen ohne Zeugen mit den Gefangenen verkehren ließ.*' Einen deutlicheren Scheuerthorwink für den Verdacht des Grafen bedurfte es nicht. Aber der Graf fuhr fort: % - „Nicht, als ob ich glaubte, daß ein Ehrenmann wie Sie, diesen Besuch benützt hätte, um die Gefangenen zu entführen. Einer solchen Schlechtigkeit halte ich einen Mann nicht fähig, der so selbstlos und uneigennützig handelt. Aber kann ich wissen, wen der Halunke noch sonst in dem Thurm frei verkehren ließ, detzhalb ist er für die Bewachung meines Hauses nicht langer zu gebrauchen." „Ich danke Euerer Durchlaucht." erwiderte Troler, „datz Hochdieselbe mich nicht mit der Flucht in Verbindung bringt. Wir wären ja auch gewiß nicht mit zehn Leuten hier, wenn wir eine Ahnung davon gehabt hätten, datz fi„; hier gar kein achttägiges, jüdisches Kind befindet. Sonderbar! Sonderbar!" Eben wollte der Graf etwas entgegnen, als die Flügelthüre seines Empfangssaales aufgerissen wurde und die Gräfin ganz erregt eintrat, begleitet von einer Dienerin, die ein schreiendes Kind in einem Kissen trug. Die Gräfin hatte wohl keine Fremden hier erwartet. Denn sie rief halb ärgerlich, halb weinend: „Ich weiß nicht, was ich mit dem Kinde anfangen soll; es schreit und schreit und genießt nicht das Geringste, wenn wir das Kind großziehen wollen, so muß sofort eine Amme zur Stelle." Der Graf war durch diese Dazwischenkunst der Gräfin in peinlicher Verlegenheit; denn er konnte das Vorhandensein des Kindes jetzt nicht mehr leugnen. Diese Verlegenheit wurde noch gesteigert durch das ganze Auftreten der Gräfin. In ihrer kinderlosen Ehe hatte sie niemals Säuglinge behandelt und erschien dem kleinen Schreihals gegenüber so hilflos linkisch, wie sie sich dem Grafen gegenüber launenhaft herrisch benahm. „Ich habe ja schon vor einer Stunde auf die Suche nach einer Amme geschickt." entgegnete der Graf. „Aus der Erde kann ich keine Amme stampfen." „Aber das Kind geht ja zu Grunde, es hat schon über zwölf Stunden nichts genommen," bemerkte unwillig die Gräfin. Der Graf runzelte die Stirne und holte eben zu einer heftigen Entgegnung aus, als Troler der veinlichen Situation durch folgende Bemerkung ein Ende machte: „Verzeiht, Durchlaucht, wenn ich mir gestatte, durch ein Wort mich hier einzumischen. Aber mein Beruf führt mich vielfach mit Kindern in diesem Alter zusammen. Wollen Durchlaucht etwas warme Milch, ein Stückchen weißen Zucker und einen Streifen weißes Linnen, halb so groß wie meine Hand bringen lassen, und wir wollen den Nahrungssorgen des Kleinen sofort entgegen treten." (Fortsetzung folgt.) Vnontroortliüe Nedaction: Oscar Lehmann in Main». — Expedition des ^Sraelit" ZLottrraür Nr. 2. 3R.iiiu. Druck und Verlag der Joh. kJirth'scheu Sofbucbdruckerei Actirn-GeielliLakt in Maina.

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