Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1904-11-21 · Heft 92 (21.11.1904) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 92 (21.11.1904)
Date
1904-11-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449986-2450069--61833-2521726
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1970 drangen Wolken als Lehrmeisterin für bic Sprache 'der Unschuld. Die korrumvirten staatlichen und sozialen Verhältnisse haben eine eigene Sprache geschaffen, die an Reinheit, Wahrheit, Aufrichtigkeit und Klarheit viel zu. wünschen übrig läßt. Es ist die Sprache d'er Politik und Diplomatie, die man als unerläßliche Kunst erachtet für jedes staatsmännische Genie. Man denke nur an die Kundgebungen politischer Natur, und seien es auch nur Toaste, Begrüßungsreden, Telegramme 11. dgl., die bei irgend welchen Anlässen von hoher Stelle ausgehen. Da wird jedes Wort sorgfältig , auf die Goldwage gelegt, bis der Text fein gefeilt und gefeilscht dasteht; denn man weiß, daß die gesammte Presse des In- und Auslandes sich mit ihrer bekannten Kommentierungsgabe auf den Wortlaut stürzt. auslegt und unterlegt, so viel wie immer möglich. Da hütet man sich wobl vor der Sprache der Unschuld, man kennt nur die gewundene Sprache des Diplomaten. Darauf ist mit Recht das Wort anwendbar: die Sprache dient zur Verhüllung der Gedanken. An all diese Erscheinungen hat man sich nachgerade gewöhnt, man spricht nur von den „konventionellen Lügen der Kulturmenschheit,- als ob dem so sein müßte. Das darf Israel in seinem Priesterberufe nicht beirren. Es hat sein Leben danach einzurichten, daß es allezeit die Sprache der Unschuld zu reden vermag. Unzählige Mol wird in rron nraroi darauf hingewiesen. Die falsche Zunge und lügenhafte Lippe wird gar oft gegeißelt, besonders von den Propheten, die eine offene Sprache führen, und auch vor Königsthronen ihren Männerstolz gezeigt. Sie konnten aber nur darum eine solche Sprache führen, daß ihr Leben den Worten entsprach, daß ste durch ihr persönliches Beispiel dem Volke praktisch veranschaulichten, was in der Theorie gefordert ward. Das mögen Eltern und Erzieher. Lehrer und G e m e i n d e f ü h r e r sich gesagt sein lassen. Gerade das unschuldige Wesen des Kindes verlangt eine offene, wahre Sprache, die Sprache der Unschuld. D’Wk? 2s ip mD' rpn „Aus dem Munde von Kindern und Säuglingen hakt du eine unwiderstehliche Macht gegründet." Das bezeichnet nicht nur des Kindes Eigenart. darin ist auch die Direktive für den Lehrer ausgesprochen.' Das Kind ist ein gar scharfer Beurthcrler. der Sprache des Lehrers. Es weiß, ob sie von Herzen kommt, es steht, ob ste im Einklang steht mit -der Lebensführung des Lehrers, und je nachdem ist die Wirkung, dev Erfolg des Unterrichts. Genau dasselbe gilt für den Kanzelredner. Alles Pathos, jeder Aufwand an Lungenlraft, die feinste Diktion helfen nichts, wenn nicht das Wort des Selicha-Dichters Berechtigung hat .Brrsi’B .ros. wrw Die schlichte aber gehaltvolle alte NVii. hatte dies für sich gegenüber der modernen Predigt. b:i der nicht selten die Form überwuchert und zu ersehen su cht, was dein Inhalt fehlt. rfi» xmn m & „Seines Gottes Lehre trägt er im Herzen, ste wird nicht wankend durch seine Schritte.* (Ps. 37, 31). Samson Ravhael Hirsch s. A. bemerkt z. St.: Seine Lehre wird nicht wankend durch seinen Wandel. Weil die Wissenschaft des göttlichen Gesetzes die Wissenschaft des praktischen Lebens ist, so kann sie nicht blos theoretisch erkannt werden, sie erschließt sich in ihrer Tiefe. Wahrheit und Geradheit nur dem, der ste auch im Leben zur Wahrheit machen will. Nur so kann er ein wahrer und ein wahrer "R&s sein. Seine Thora wird nicht durch seine Schritte erschüttert und widerlegt." Ja. wer lehren, wer belehren will, muß die Sprache der Unschuld reden können. Und lehren soll in Israel Jeder, jeder Vater, jede Mutter, jedes Gemeindemitglied, jeder Volksgenosse, nicht etwcr der Lehrstand von Beruf. Wohl uns. wenn wir jeder Zeit die freie, offene Sprache der Unschuld finden, wohl uns, wenn wir, gleich dem Stammvater, Anklägern und Böswilligen gegenüber mannhaft aufzutreten;«r Stande sind. Heil uns, wenn uns gleich dem Patriarchen das Wort Ernst ist: tq kwi Stehet r ei n da vor G o t i und Israel. Dann haben wir unsere Aufgabe als Menschen und Is.raelit e n am schönsten und vollkommensten gelöst. Hllfsvereirr der Deutschen Juden. Berlin, 15. Nov. Der „Hilfsverein der Deutschen Juden" wird am 4. und 5. Dezember eine Konferenz abhalten, die Beschlüsse über die Organisation der jüdischen Auswanderung aus Osteuropa zu treffen haben wird. Die Konferenz wird gemeinsam vom „Hilfsverein der deutschen Juden" und der Großloge VIII 11. O. B. B. für Deutschland berufen. Tagesordnung: „Die jüdische Auswanderung aus Osteuropa und ihre Organisation." Referent: Dr. P. Nathan. Thesen: A. Aufgaben. Die Aufgaben, die zu losen wären, sind die folgenden: 1. Es müssen die Auswanderer aus dem östlichen Europa schon in ihren Heimathländern über die Vorbedingungen einer zweckentsprechenden Auswanderung aufgeklärt werden. Sie find über die besten Reisewege zu informiren. Es muß angrsirröt werden, zu Gunsten der Auswanderer möglichst gute Bedingungen für die Eisrübahn- und Schifffahrttransporte zu erlangen. Die Auswanderer müssen auf der Reise vor Bedrückung und Uebervoriheilung geschützt werden. Sie müssen im Lande ihrer Bestimmung, soweit möglich, dezentralisirt und schnell durch den Nachweis von Arbeitsgelegenheit zur Selbstständigkeit herangebildet werden. 2. Es ist nicht durch Gewährung baarer Zuschüsse die Auswanderung zu erleichtern und zu ermuntern. B. Organisation zur Lösung obiger Aufgaben. Zur Lösung obiger Aufgaben sind zu bilden: 1. Landesorganisationen; ihnen liegt es ob, im östlichen Europa die Auswanderer Mer die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.