Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 92 (21.11.1904)
- Date
- 1904-11-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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tim äußerlich nicht merken zu lassen, daß man die Sprache der Unaufrichtigkeit redet. Immerhin kann auch darin eine gewisse Virtuosität erlangt werden, aber Natur — ist dies mH nichten. Der Mensch ist im Ebenbilde Gottes geschaffen, und n'spn bv lornn nox Wahrheit, das Gottesstegel seines Schöpfers ist seinem Wesen aufgedrückt. Die Liebe zur Wahrheit, die Freude an ihr, den Drang zu ihrer Bekundu n a kann man nur künstlich abweisen, es ist und bleibt eine Vergewaltigung der Natur. Die Sprache der Unschuld quillt aus der Natur und findet auch ihr Ziel in der natürlichen Anlage des Menschen, auf den sie wirken soll. Und gerade darum wird sie so gefürchtet, wo sie unbequem erscheinen könnte. Der Hebräer hat für „Ding" und „Wort" denselben Ausdruck: ■£“ Ihm ist ein Wort schon eine Sache, ein Gegenstand, nicht ein verhallender Hauch. Und wenn auch aller Lertheidigungsmittel bar, bleibt dem Menschen doch in letzter Linie noch das ns-t, das Wort, als etwas Tatsächliches, Natürliches, das Gott ihm wie eine starke Waffe mit auf den Lebensweg gab. Wehe, wenn äußere Gewalt es so weit treibt, daß Unterdrückte und Mißhandelte, zu dem letzten Kampfesmittel greifen müssen; wehe, wenn die Unschuld zu Gott aufschreit! p;n "o vjrcn ^>x pyjr '2 nm. Solchen Aufschrei vernehme ich. (2. B. M. Kap. 22, 19.) Und wenn auch alle Himmelsthore verschlossen wären, der unschuldig geweinten Throne bleiben sie nimmer verschlossen! Der Patriarch Jakob macht von jenem Mittel Laban gegenüber Gebrauch. Sein Wort, als die Sprache des reinen Gewissens, des Rechtes und der Unschuld, trifft mächtig das Innere Labans. Dieser Held der falschen Zunge und Mann der kühnen That steht machtlos da einem Jakob gegenüber, dessen persönlicher Charakter und dessen Vergangenheit nur lauter, klar, gerade und in reiner Unschuld sich gezeigt. Ein solcher Mann kann leicht das böse Gewissen eines Laban einschüchtern, die Macht der Unschuld führt das Wort, Jakob redet — Laban stammelt!- Die Sprache der Unschuld ist eine ungezwungene, ganz natürliche.. Da wird nicht gesucht nach Worten und künstlichen Redewendungen; zur rechten Zeit und am rechten Ort stellt sich der Ausdruck ein. wie immer, wo klare und deutliche Begriffe vorhanden. Jakobs Rede war gewiß nicht vorher einstudirt. Impulsiv reiht sich Satz an Satz, Gedanke an Gedanke, und aus dem Ganzen tönt die innere Erregung, welche den um sein gutes Recht, seine Ehre und guten Ruf streitenden Patriarchen erfüllt. Es sind iSn.p v'xxm onsi die eben darum ihrer beabsichtigten Wrkung sicher bleiben. Die Szene in unserem Wochenabschnitt ist charakteristisch für den Entwicklungslauf, den unsere geschichtliche Vergangenheit genommen p'v rnrx nwo euch die Geschicke der Patriarchen sind ein Wahrzeichen für deren Kinder und Enkel. Wie oft.ist uns in der Vergangenheit der Typus eines Laban begegnet, der den Blutschweiß erpreßte und mit schnödem Undank gelohnt, falsche Vorspiegelungen machte, verbriefte Rechte mit Füßen trat, und obendrein noch hämisch höhnte: die Juden haben sich von dem Unsrigen bereichert! Man denke an die Erwerbsbeschränkungen im Mittelalter, wo den Juden der Grundbesitz verboten, die Handwerkerzunft verschlossen war, wo man sie förmlich zu Geldgeschäften zwang, sehr hohe Zinsen zu nehmen gestattete, um die Juden als Geldquelle auszunützen. Und war der Zweck erreicht, so wurde nicht selten durch einen Federstrich jede Schuldforderung der Juden für erloschen erklärt, ja man vergriff sich an Leben und Eigenthum derselben. Der brutalen Gewalt gegenüber aber konnte der gedrückte Jakob nicht einmal seiner Entrüstung lauten Ausdruck verleihen. Nur Gott stellte er die gerechte Vergeltung anheim, nicht etwa im persönlichen Interesse, sondern vielmehr im Hinblick auf die Heilszukunft der Gesammtmenschheit. Die Sprache der Unschuld soll zu ihrem Rechte gelangen, das ist ein erhabener Gedanke im Neujahrsgebete der Juden. v'bn'vb nv pnno „Gewähre Oeffnung des Mundes denen, die Deiner harren, rve pspn nrfrjn, die Gewaltthat möge ihren Mund verschließen, n'brri ftwo niw jwvi bri und alle Bosheit wie Rauch entschwinden. Am Neujahrsfeste, dem Tage des Weltgerichts, entringt sich diese Bitte den Lippen des gläubigen Juden. Laut wie der Schofar und frei möge die Sprache der Unschuld ertönen überall auf Erden, und verstummen das Wort des Unrechts und der Gewalt. (Diese universalistisch gefaßte Bitte zeugt laut von Israels Gemeinsinn, der egoistische Wünsche nicht kennt, die man so gerne hegt bei der Jahreswende! —). Der Gedanke an die Sprache der Unschuld leitet auch den hochheiligen Tag des TB3 vn ein. Wie viele, unendlich viele Anhaltspunkte hätten doch die Weisen finden können gerade für die Eröffnung dieser hohen Feier. So aber ertönt in weihevoller Stunde das »ru b2 in unseren Ä'ndachtsstätten und offenbart den furchtbaren Ernst, die eiserne Strenge, ivelche wir in Bezug auf unser Wort, auf unsere Sprache walten lassen sollen. Wer solche Sorgfalt bekundet, selbst auf das unabsichtlich vernachlässigte Versprechen, das die eigene Person betrifft, wer gerade das zum Ausgangspunkte seiner Betrachttungen nimmt am höchsten Gerichtstage, der ist ein würdiger Sproß des Patriarchen Jakob, der strebt mit allen Kräften dahin, mit dem Stammvater die Sprache der Unschuld reden zu können am Tage der großen Abrechnung. — . , Seit alten Tagen hat man aus Bosheit und Verblendung giftige Pfeile gegen das n j bs. geschleudert, unsere Gewissenhaftigkeit im Wort, Gelübde und Schwur verdächtigt, selbst in der erleuchteten Gegenwart. Gerade die Jetztzeit darf sich unS nicht auf- .