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Der Israelit · 1904-11-21 · Heft 92 (21.11.1904) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 92 (21.11.1904)
Date
1904-11-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1968 der Rücksprache mit Lea und Rachel, daß es Jakob nicht leicht fiel, den Abzug auf solche Art zu organisiren, der Plan könnte illegal erscheinen. Doch war es die ultima, ratio. ein anderer Ausweg bot sich nicht. Aus der Unterhandlung mit seinen Frauen über das Vorhaben, entnebmen wir die Rechtfertigung desselben. Wir haben hier den Hintergrund gezeichnet. auf dem sich die hochdramatischr Szene im heutigen Wochenabschnitte abspielt; erst so können wir sie psychologisch würdigen, in ihren Motiven recht begreifen. Laban eilte Jakob nach, furchtbare Rachegedanken im Herzen. Die Hagada stellt ihn als einen größeren Feind dar. als Pharao in Egypten. trjyB pS ^27» dk Laban suchte mit der Wurzel die ganze Jakobsfamilie auszurotten, nicht etwa nur die Männlichen wie ."onv. Er hätte das Leben der eigenen Kinder und Enkel nicht geschont, wenn Gott nicht eingegriffen und ihm die strengste Reserve auferlegt hätte; weder „Gutes noch Böses" soll Laban mit Jakob reden. In Eilmärschen verfolgt Laban seinen Schwiegersohn und holt ihn bald ein. In mühsam verhaltenem Grimm sagt Laban, daß nur Gottes Wort ihn abhalte, von der weitüberlegenen Kraft unheilvollen Gebrauch zw machen. Das heimliche Entweichen findet er unrecht. aber auch 1 höricht. Laban heuchelt Liebe zu seinen Töchtern, die er durch Jakob's Flucht nicht erst habe küssen können, wie es sich für Scheidende gebührt. Den Jakob selbst — so betheuert Laban — hätte er mit klingendem Spiele und in Freuden ent-' lassen, wenn nur der Weggang sich in normalen Formen gehalten hätte. Doch auch das will Laban noch übersehen; welchen Zweck soll aber die Entwendung der Terafim, der labanischen Hausgötter haben? D2M nvi??v6k dk Warum hast du meine Götter gestohlen? — Da erlaubt Jakob die Durchsuchung aller Zelte! Sichkeiner Schuld bewußt und den gleich reinen Sinn bei allen Angehörigen fest voraussehend, ruft Jakob die schwerste Strafe auf den herab, bei welchem die Terakim entdeckt würden. Laban durchsuchte nun die Zelte der Mägde, das Zelt Jakob's, Leas und Narhel's, aber er fand nichts. Es ist leicht denkbar, wie kränkend eine solche Haussuchung seitens des Vaters und Schwiegervaters sein muß. Treffend bemerkt v'rbll in seinem Kommentar msom mw, daß Laban nicht nur nach den Göhen gesucht, sondern sein Mißtrauen auch bezüglich anderer Dinge bekundete. Da riß endlich auch unserem Patriarchen Jakob der Faden der Geduld, die Laban gar lange mißbraucht hatte. Und er rafft sich auf zu einer gewaltigen Abrechnung mit seinem unnatürlichen Schwiegervater: pbs. 2pv'^ ini Und es verdroß den Jakob und er stritt mit Laban. Jakob hob an und sprach zu Laban: „.Was. ist meine Missethat und mein Vergehen. daß Du mir so hitzig nachsetztest? Denn Du hast durchwühlt alle, meine Geräthe, was hast Du gefunden von allen Deinen Hausgeräthen? .Lege es doch einmal hierher vor meine und Deine Bruder und sie mögen entscheiden zwischen uns Beiden! Diese zwanzig Jahre war ich bei Dir. Deine Mutterschafe und Deine Ziegen haben nicht fehlgeboren, die Widder Deiner Schafe habe ich nicht gegessen! Zerrissenes brachte ich nie zu Dir, ich hatte es zu ersetzen, von meiner eigenen Hand fordertest Du es, sowohl das bei Tag als das bei Nacht Gestohlene. Wo.ich bei Tage war, da verzehrte mich die Hitze, und der Frost in der Nacht, und es wich mein Schlaf von meinen Augen. Diese 20 Jahre erging es mir so in Deinem Hause; ich diente Dir 14 Jahre um Deine beiden Töchter und sechs Jahre um Deine Schafe, doch Du hast meinen Lohn zebnmal gewechselt. Wenn nicht de.r Gott meines Vaters, der Gott Abraham's und die Ehrfurcht Jsak's mit mir gewesen wäre, wahrlich, leer hättest Du mich forrgeschickt! Mein Elend und die Mühe meiner Hände sah Gott an und er wies Dich gestern zurecht!" Und was weiß Laban diesem donnernden „J'accuse" entgegenznsetzen?" Offenbar hatte er eine solche Sprache Jakob's. des dd v'X des schlichten unschuldigen Mannes, nicht erwartet. In der Verblüffung findet er nur die Worte: ..Die Töchter sind meine Töchter und die Sohne meine Söhne, die Schafe meine Schafe und alles, was Du siehst, gehört mir. llnd meinen Töchtern, was soll ick diesen heute thun oder ihren Kindern, die sie geboren? Und nun komm', wir wollen einen Bund miteinander schließen und er werde zum Zeugniß zwischen mir und Dir." Auch ohne große Kenntniß der Dialektik ist es unschwer. hier in jedem Satze die S p r a ch e der Ve r q l e g e n h e i t zu finden. Samson R. Hirsch s. A. bemerkt auch, daß man nicht weiß, was Laban eigent-. lich damit sagen wollte. Es könnte vielleicht den Durchbruch menschlicher Gefühle bekunden. Wie kleinlaut nimmt sich die Replik Labans aus gegenüber den Worten des sonst so gefügigen Jakob! Die Gewalt schmilzt zusammen in Nichts vor dem Entrüstungssturm der berechtigten Gegenwehr. Der Patriarch spricht eben —die Sprache der Unschuld! Diese Sprache ist eine eigenartige,! nach Ursache, Form und Wirkung bemerkenswerth. Die Sprache der Unschuld ist zunächst die laute Stimme des guten Gewissens. So wenig es dem Menschen gelingt, das Gewissen ans der eigenen Brust zu scheuchen, in die es Gott als Zeugniß seines Daseins und der gerechten Weltordnnng einsetzte, ebenso wenig vermag man die Sprache der Unschuld auf die Dauer zu unterdrücken und zu ersticken. Sie ist eine Macht, mit der selbst Despoten und gefürchtete Gewalthaber rechnen, eben weil sie auch die Sprache der Wahrheit ist. Ihrem Banne kann sich der Mensch aber nicht entziehen, lo gerne er auch möchte. Es bedarf großer Anstrengung.

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