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Der Israelit · 1904-05-25 · Heft 41-42 (25.5.1904) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 41-42 (25.5.1904)
Date
1904-05-25
Page
– (sequence 27)
Language
German
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887 Diener, „wenn wir Sie ein wenig warten lassen, aber wissen Sie, mein Mann ist ein Gelehrter und kann deßhalb nicht lesen. Doch trinken und essen Sie inzwischen nur nach Herzenslust, wir haben noch mebr von der Sorte." So viel Berständniß der Diener auch für diese letztere Aufforderung sofort an den Tag legte, so ungereimt kam ihm die Bemerkung vor, daß Herr Troler ein Gelehrter sei und deßhalb nicht lesen könne. „„Ich kann selber nicht lesen," bemerkte er, „aber nicht weil ich ein Gelehrter, sondern weil ich ein Ungelehrter bin. Aber Herr Troler ist doch Weinhändler, was sagen Sie denn da von einem Gelehrten?" Wie sollte die arme Frau dem Diener begreiflich machen, daß ihr Mann seine Jugend der Wissenschaft der Thora gewidmet und deßhalb keine Zeit und keinen Sinn fiir's Lesen und Schreiben anderer Sprachen gehabt habe, als kür die heilige? Daß er nach ihrer Berheirathung ein Wcingeschäft angefangen habe und deßhalb doch ein Gelehrter fein könne, das wäre vollends über den Horizont des Dieners gegangen. Sie beschränkte sich daber auf die Bemerkung, daß sie es in anderem Sinne verstanden habe, als sie vorhin ihren Mann einen Gelehrten nannte. „Ach, jetzt verstehe ich's," enigegnete der Diener, „Ihr Mann ist neben seiner Eigenschaft als Weinhändler noch Wundarzt!" Der gute Mann hatte erst vier Becher voll starken Tokaver zu sich genommen, er konnte also noch nicht aus Trunkenheit so svrechen; denn bei einem Diener des Grafen Esterhazy ist das erst der erste Tropfen auf de'n heißen Steine. „Wie meint Ihr das?" fragte befremdend Frau Troler. „Na. ich weiß es ja vom Arender selber, daß der Graf wegen eines Beschneidcrs hierher geschrieben hat. Dem Arendar seine Frau hat im Thurm einen Jungen bekommen, Montag soll die Bcschneidung sein und die soll Herr Troler vornehmen." Daß man diesen Akt vornehmen könne, ohne Wundarzt zu sein, konnte Frau Troler ihrem Gast auch nickt auseinander setzen. Aber sie war froh, daß sie jetzt wußte, was in dem gräflichen Schreiben stand. Sie ließ ihren Gast allein und eilte zu ihrem Manne an die Purimtafel, um ihm diese Mittheilung zu machen. Inzwischen war auch Reb Scheftel Dusinenitz gekommen. Bedächtig setzte er seine Brille auf und los nun das Schreiben geläufig vor. Dasselbe enthielt in der That die Bitte des Graten, Herr Troler möge Montag nach Tihanv kommen und bei dem neugeborenen Knaben seines Arendars. der mit seiner Frau im Schuldgcfandniß weile, die Beschneiduna zu vollziehen. Als es aber am Schlüsse hieß, Herr Troler solle seine Rechnung für die Operation bei der Schloß lasse einrcichen, mußten alle laut äuflachen. „Was lacht Ihr?" sagte Tusmenitz. der keine Gelegenheit vorübergehen ließ, ohne seine Umgebung die Bildung und Ueberlegenheit fühlen zu lassen, die er seinem vielfachen Verkehr mit hochgestellten Nichtjuden zugeschrieben wissen vollte. „Soll der Graf den Din im Schulchan Aruch wissen, daß es nicht den Gepflogenheiten der Nachkommen Abrahams entspricht sich diese Mizwo mit Geld bezahlen zu lassen?" „Es ist doch Purim!" bemerkte begütigend der Hauswirth. „Wenn wir jetzt nicht lachen sollen, wenn dann?" „Ich meine," entgegnete Tusmenitz. „wir hätten jetzt etwas viel ernsteres zu thun, als zu lachen." — Mit gedämpfter Stimme fügte er dann hinzu: „Wir sind gegen Reb Mosche Scholem wahrhaftig nicht iauze ld. h. wir genügen nicht unserer Pflicht), daß wir ihn so in seiner Gefangenschaft schmachten lassen. Wir sind schon vor sechs Wochen, noch bevor er gefänglich eingezogen war, aufmerksam gemacht worden; Ihr wißt es so gut. wie ich. Er ist zu bekowed (ehrenhaft), er hat sitz an keinen gewondt. Aber dürfen wir ihn deshalb sinken lassen?" »Ihr habt mir das Wort aus dem Munde genommen," bemerkte darauf Reb Mendel, „aber unsere Weisen sagen, daß. wer eine Mizwo anfängt, der soll sie auch zu Ende führen. Deßhalb bitte ich Euch. Herr Tusmenitz. sagt Ihr zuerst Eure Meinung. Ihr werdet gewiß wieder, wie immer, das Rechte treffen." ' Reb Mendel wußte, wie man seinen langjährigen Freund Reb Scheftel anpacken mußte, daß er ein angeregtes gutes Werk auch weiter fördern und zu Ende führe. Dieser fand die ihm zuerkannte Bevorzugung ganz selbstverständlich. Aber trotz dieser kleinen Schwäche von Eitelkeit war Tusmenitz ein Mann mit hellem Kopf und einem warm schlagenden Herzen. Cr bewies dies auch jetzt wieder, indem er anhob: „Was die Sache hier schwierig macht, ist die Höhe der Summe. Neuntausend Gulden bringen wir nicht zusammen, und tvenn ich sie hier liegen hätte, ich könnte mich nicht entschließen, sie dem Grafen in den unersättlichen Rachen zu jagen. - Ich habe schon vor fast einem Jahre mit Mosche Scholem darüber gesprochen: er hat mir seine Bücher gezeigt; in Wirklichkeit ist er dem Grafen gar nichts schuldig. Der Graf wird ihn aber mit Frau und Kind ewige Zeit im Schuldthurm halten, indem diese gräfliche Liebe auf die jüdische Barmherzigkeit spekukirt. Dem müssen wir ein Ende machen." „Schon recht," unterbrach ihn einer der Gäste, „aber wie?" ~ „Nur Geduld. Hirsch." fuhr Tusmenitz fort, „Ihr werdet's sogleich hören. Wir müssen der armen Familie zur Flucht aus dem Thurm verhelfen. Tausend Gulden bekommen wir leicht für den bekoweden, nnglücklichen Mann zusammen. Damit soll er flüchten . und sich weit, weit von hier unter fremdem Namen eine Zukunft gründen."

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