Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 41-42 (25.5.1904)
- Date
- 1904-05-25
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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886 vor meiner Ankunft in Tetuan hatte die Stadt einen neuen Gouverneur erhalten, zu dessen Begrüßung die Landedelleute in die Stadt gekommen waren. Diesen erschien die Anwesenheit von beschuhten Juden in den rechtgläubigen Vierteln und auf dem Markte als eine allenguten Sitten hohnsprechende Herausforderung und sie besannen sich nicht lange, um auf die armen Jstaeliten einzuspringen, sie mit Peitschenhieben in ihr Viertel zu treiben und sogar ihre langen Flinten auf die armen Teufel abzufeuern. Die Geängstigten suchten eiligst durch das Thor, welches aus dem Judenviertel auf den Marktplatz einmiindet, zu entfliehen: aber im Thore staute sich die Menge und ehe sie alle in Sicherheit waren, hatten die rechtgläubigen Bergbewohner einige Juden erschlagen und viele verwundet. Um sich gegen derartige Vorkommnisse zu sichern, stellten sich viele Juden unter den Schutz europäischer Konsulate und besonders die spanischen und französischen Eonsuln, in zweiter Linie die englischen, deutschen und amerikanischen Vertreter haben so eine zahlreiche Klientel von Schützlingen. Die maurischen Juden beobachten die Vorschriften ihrer Religion viel strenger und starrer als ihre europäischen Glaubensgenossen. Am Samstag sind alle Läden geschlossen und kein Insasse des Judenviertels thut ein Werk. Ein europäischer Reisender, der sich einen Juden als Führer genommen hatte, mußte , sich am Samstag von einem Mohammedaner herumsühren lassen. Und damit noch nicht genug, gab sein jüdischer Führer nicht einmal zu, daß der Reisende das einem Juden gehörige Maulihier am Sabbat bestieg; nicht nur die Menschen, sondern auch die Thiere sollen ihren Ruhetag haben. An zwei Tagen der Woche, am Freitag und Sonntag, besuchen die Juden im festlichen Gewände die Gräber ihrer Anverwandten, und der lange Zug der geputzten Frauen bietet ein überaus malerisches Bild. Die Jüdin im Sabbatstaat trägt einen schwarzen Rock, woran vorn ein dreieckiger Zipfel, dessen Spitze am Gürtel und dessen Basis unten am Saume sitzt, mit rother Seide ausgeschlagen und mit Goldstickereien geschmückt ist. Um die Schultern schlagt sie ein feines, weißes Seidentuch, genau dem Manton der Spanierin entsprechend, und der Kopf wird von einem bunten Seidentuche bedeckt, dem Merkmal der verheiratheten Frau. Die Männer tragen einen langen, vorn zugeknöpften Rock, eine rothe oder violette Seidenschärpe um den Leib und eine kleine, schtvarze Filzmütze. Die Synagogen ähneln im Ornament den arabischen Moscheen, unterscheiden sich aber in der allgemeinen Anlage sehr wesentlich von den arabischen Gotteshäusern, indem sie keinen Hof haben, sondern nur aus einem mehr oder weniger großen Raume bestehen, der einige Stufen unter dem Niveau der Straße liegt und dessen Dach auf Pfeilern ruht. Diese Gotteshäuser sind am Sabbat ganz von laut betenden Menschen angksüllt, die sich durcheinander drängen und schieben, ohne daß dabei irgend eine Feierlichkeit in unserem Sinne zu bemerken wäre. Auch die Juden haben zahlreiche Läden und sie sind nicht nur Händler, sondern auch Handwerker, einige Gewerbe, wie z. B. die Goldschmiederei. haben sie fast ganz in ihren Händen. Mine vereitelte Don Dl. Mshmr. oifjtit 12. Fortsetzung. II Sechs Wochen später saß Reb Mendel Troler zu Veßprim mit einem Kreis angeheiterter Freunde bei der Purim-Mahlzeit, als ein Diener des Grafen Esterhazy mit einem Schreiben seines Herrn angemeldet wurde. Der Brief war an Herrn Mendel Troler adressirt und der Diener wartete auf Antwort. Jetzt war guter Rath theuer. Reb Mendel konnte kein Wort deutsch lesen und einige der Anwesenden, die sich sonst ihrer Kenntniß der deutschen Sprache rühmten, konnten kaum eine Silbe der gräflichen Schnörkel entziffern. Reb Mendel gab Ordres, daß man den c äflichen Diener in ein Nebenzimmer führen und ihn - ort bei Kuchen und Wein warten lasse, bis man der' Inhalt des Briefes kenne. Zu diesem Zwecke solle man zu j Reb Schestel Tusmenih schicken, der in fortwährendem I Geschäftsverkehr mit den Aebten der Benediktiner | stand; er könne sicher deutsch lesen. Dieser Ausweg, den Inhalt des Briefes zu erfahren, war Reb Mendel zwar unangenehm, denn möglicher Weise handelte es sich um ein Geschäft mit dem Grafen, und er mußte so einem Dritten Einblick in seine Geschästsverhältnisse gestatten, bevor er sie noch selber kannte. Auf andere Weise war jedoch nicht zu erfahren, was in dem Briefe stand. Aber Frau Mendel Troler, die dem gräflichen Diener Wein und Kuchen brachte, erfuhr den Gegenstand des Briefes noch, bevor Reb Scheftel Tusmenih zur Stelle war. ' „Sie müssen entschuldigen*, sagte sie zu dem