Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 41-42 (25.5.1904)
- Date
- 1904-05-25
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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888 „Und wie denkt Ihr Euch die Möglichkeit eines solchen Fluchtversuchs?- fragte Reb Mendel. „Das kann ich jetzt nicht sagen/ erwiderte Tusmenitz, „denn ich kenne die Oertlichkeit und Lage des Thurmes nicht genau genug. Aber das müßt Ihr besorgen, Reb Mendel. Ich schreibe jetzt sofort in Eurem Namen einen Brief an den Grafen, daß Ihr die Beschneidung annehmet und zwar ohne Ansvrüche auf die Schloßkasse. Ihr müsset aber das Kind schon einige Tage vorher sehen, um Euch zu überzeugen, daß es gesund und kräftig genug sei und werdet zu diesem Zwecke morgen oder übermorgen auf dem Schloßgut vorsprechen. Den Brief gebt Ihr dem gräflichen Diener, und Ihr seht Euch morgen oder übermorgen die Gegend an. bemerkt auch dem Grafen, wenn Ihr ihn selber sprechet, daß ein Minjan (Zehn) erwachsener Juden bei dem Akt zugegen sein müsse; kurz, es müßte wunderbar zugehen, wenn nicht alles nach Wunsch verlaufe/ Die Anwesenden wollten sich in Lobeserhebungen über den so rasch und so scharfsinnig ausgedachten Fluchtplan Reb Scheftels ergehen. Aber dieser hatte sich vom Hauswirth rasch in seine Schreibstube führen lassen und schrieb dort den Brief an den Grafen, den Rabbi Mendel Troler Unterzeichnete. Als er das Schreiben dem gräflichen Dienereinhändigen wollte, fand er ihn in einem hochgradig^deinseligen Zustande. Hätte er hier noch weiter Purim mitgefeiert, so hätte cs nur auf Kosten seiner Marschfähigkeit geschehen können. Es handelte sich also um einen recht kurzen, raschen Abschied. „Hier hat Er die Antwort/ sagte der Hauswirth. indem er den Brief dem Diener überreichte. „Entschuldige Er. daß wir Ihn so lange warten ließen. Aber wenn Er jetzt direkt fortgeht, so kann Er die Antwort heute noch abgeben.-- „Ich habe gemeint/ lallte der Diener, indem er den Brief von allen Seiten betrachtete. „Ihr wäret ein Gelehrter und könntet nicht einmal lesen.- „Da hat Er ganz recht gemeint/, erwiderte der Hauswirth. „lesen kann ich nicht, nur schreiben; ich bin aber ein Scbriftgelebrter, Lese-Gelehrte gibt's ja gar nicht/ Das leuchtete dem Diener ein und er schwankte mit dem Briefe dem Schlosse zu. III. Am anderen Morgen, am Schuschan Purim. eS war noch nicht zehn Uhr. pochte Reb Mendel Troler bereits an das Thor des gräflichen Schlosses zu Tihany. Der Pförtner öffnete ihm mürrisch. Aber als der Einlaß Begehrende kaum seinen Namen genannt hatte, war der Schloßhuter wie umgewandelt. Der gestern Abend zurückgekehrte Diener hatte dem Pförtner nicht genug erzählen können von der Herzlichkeit des Empfanges und der herrlichen Bewirthung, die er bei Troler gefunden. Der Thorwart glaubte daher, ein so liebenswürdiger Wirth bewähre seine Freigebigkeit auch außer dem Hause und er hatte sich nicht geirrt. Troler gab dem Pförtner sofort zwei Gulden für seine prompte Bedienung, er habe große Eile und deßhalb sei es ihm doppelt lästig, lange warten zü müssen. „Wollen Sie mich nun sofort beim Grafen antMlbtn?“ „Der Herr Graf sind heute in aller Frühe auf die Jagd gegangen, ich bedauere lebhaft, Ihrem Wunsche deßhalb nicht entsprechen zu können.- In Wirklichkeit hatte Troler gar nichts bei dem Grasen zu thun. ja, er hatte von Treibern, denen er unterwegs begegnet war, bereits erfahren, daß der Graf auf der Jagd sei. Er wollte den Pförtner nur glauben lassen, daß sein Besuch in erster Reihe dem Grafen und erst in zweiter Reihe dem Gefangenen gelte. „Wenn der Herr Graf, abwesend ist, bin ich hier rascher fertig, als ich dachte/ bemerkte Troler. „Ich muß jetzt noch nach dem eingezogenen Arendar mich umschauen oder eigentlich nach seinem neugeborenen Knaben.- „Ich weiß es, der Herr Graf hat vor seinem Ausritt hinterlaffen, daß man Sie in den Thurm lassen soll. Aber ich muß dem Herrn Inspektor davon Miitheilung machen, da Niemand den Gefangenen ohne Zeugen sprechen darf/ Troler hätte sich mit dem Eingekerkerten auch in Gegenwart eines Aufsichtsbeamten in einem Idiom unterhalten können das diesem fremd war. aber für seine Beobachtungen und die Fixirung der ganzen Oertlichkeit wäre ihm ein Dritter lästig gewesen. „Mit dem Gefangenen habe ich eigentlich kein einziges Wort zu sprechen und mit einem vier Tage alten Kinde gibts auch nicht viel zu reden. Bis der Beamte da ist, geht wieder einige Zeit verloren. Zeigen Sie mir den Weg und wenn Sie es für nothwendig halten, schicken Sie den Beamten nach. Aber ich glaube nicht, daß es nötbig ist/ Bei diesen Worten gab Troler dem Schloßhüter noch einmal zwei Gulden und dieser war merkwürdigerweise nun auch der Ansicht, zur Besichtigung eines neugeborenen Kindes bedürfe es nicht noch eines Zeugen. Der Pförtner nahm den schweren Schlüssel, der die Thurmtbure öffnete, von der Wand und begleitete Troler zum Thurm, öffnete ihn und führte den Fremden drei enge Treppen hinauf, dann zeigte er ihm die Thure zum Aufenthalt der Verhafteten und zog sich zurück. (Fortsetzung folgt.) Verantwortliche Redaction: OSear L« bmann in Main». Expedition de« .Ttftracfit* gföottftcage Rr. 2. Main». Druck und Verlag der Job. Wirth'scheu Hofbuchdrnckerei Actien-Gesellschaft in j