Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 41-42 (25.5.1904)
- Date
- 1904-05-25
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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r 878 Ein derartiges, auf bewußter und erkannter gegenseitiger Liebe gegründetes Verhältniß muß naturgemäß die beiden Theile immer näher, immer enger zusammenschließen. So bildet denn auch die Versicherung, daß Gott uns sein Angesicht zuwenden, also uns stets nahe sein werde, des Priesterssegens Schlußverheißung, auch damit wieder so recht deutlich einen Charakterzug jüdischen Wesens darstellend. Nicht suchen oder wünschen wir die Gottesnähe, daß uns durch sie der materielle Segen, die Fülle geistiger Güter zufließen mögen, alle unsere irdischen Besitzthümer, Geld und Gut, Verstand und Erkenntniß sollen uns vielmehr stets der Realisirung und Förderung der uns von Gott vorgezeichneten Ziele näher führen, damit wir durch eignes Thun und Lassen uns würdig zeigen und würdig machen des Glückes der beseligenden Gottesnähe. Indem all unser Wollen und Streben sich um dieses erhabene Ziel konzentrirt, gelangen wir zu jener harmonischen Entwicklung unseres ganzen Wesens, die in dem Worte zrkv ihren beredetesten Ausdruck findet. Die Geschichte der Ahnen führt uns gewissenmaßen, in materieller Hinsicht abwärts. Um so mehr erhebt sich dagegen die Seelen- und Geistesenwicklung aufwärts. Und gerade bei dem dritten Patriarchen Jakob, dessen Name schon die physische Schwäche andeutet, finden wir die herrlichste Hoffnung geistiger Erhebung ausgesprochen. Bedeutsam wird darum gerade das jüdische Volk in dem Momente, als zw m angesprochen, der ihm das herrlichste, geistige Gut, die Gotteslehre bringen soll. Sie aber-, die Thora ist es ja, die uns stets die Gottesnähe fühlen läßt, sie ist es ja, die, wenn sie zum wahren Gemeingut der Gesammtmenschheit durch die Vermittlung des rpv' rj'B geworden ist, als herrlichste Zukunftshoffnung den wahren als Endziel der Zeiten zeiget, den Frieden im Menschen, den Frieden in der geschaffenen Welt, die Harmonie der Menschheit mit ihrem Schöpfer. Die Segnungen des aufrichtigen Glaubens, die Bethätigung der durch Gottes Gnade verliehenen körperlichen und geistigen Kräfte in hingebender, aufopfernder Liebe, sie stärken unsere Hoffnung auf immer innigere Gottesnähe, auf den wahren, ewigen Frieden, den die Welt ersehnt. Und so erblicken wir im Priestcrsegen das auf uns vererbte der Väter, die Basis jüdischer Lebensanschauung, den Glauben, die Liebe, die Hoffnung. Zeitungsnachrichten und Corrcsporrderrzeir. Frankreich. Paris. Die Niederlage der Antisemiten bei den Gemeindewahlen war eine so vollständige, daß selbst die „Libre Parole", welche sonst den Mund so voll zu nehmen pflegte, diesmal den Rückgang des Antisemitismus in Frankreich trauernd zugibt. Nicht nur haben die Nationalisten in Paris zehn Sitze verloren, sie mußten es sogar erleben, daß an ihrer Stelle vielfach — Juden gewählt wurden. So ist in Paris selbst Mr. Fribourg, ein sozialistischer Republikaner, mit großer Mehrheit gewählt worden, ebenso zahlreiche Juden in Algier. In manchen französischen Gemeinden sind Juden sogar zu Bürgerlneistern gewählt worden. So Mr. Guggenheim in Cbaumont und Leon Dreyfus 'in Lourches. Letzterer, ein Schwiegersohn des vor Kurzem verstorbenen General See. wurde gewählt, trotzdem die Bergbangesellschaft von Lourches, deren Verwaltungsrath aus lauter Jesuiten besteht, mit aller Macht gegen ihn gekämpft hat. In Algier haben die Republikaner fast überall triumphirt. In der Hauptstadt selbst hat Max Regis eine schwere Niederlage erlitten. Von Juden wurden gewählt: In Batna, Guelma, Hamma und Khencheta je einer, in M'Silan und Tebes je 2 und in Setif 3. In Konstantine sind die Antisemiten so tief gesunken, daß sie bei den Juden um Stimmen betteln mußten. Sie versprachen ihnen goldene Berge, schmeichelten ihnen und bettelten so lange, bis diese sich wirklich dethören ließen und ihre ehemaligen Schlächter selber wählten. Der gewesene Deputirte besuchte sogar den Purimball der rein jüdischen „Union Scolaire", feierte mit den Juden die Niederlage Hamans, während seine Frau mit den „jüdischen Jünglingen" bis zur Erschöpfung tanzen durfte. Durch solche und ähnliche Kniffe gelang es, die Juden soweit rumzukriegen, daß 130 von ihnen direkt für die Morinaud'sche Liste stimmten, während 180 sich der Stimmenabgabe enthielten. Auch in Oran ist es den Antisemiten in Folge der unglaublichen Nachlässigkeit ihrer Gegner gelungen, sich noch einmal in das Stadthaus einzuschleichen. Am Wahltage fanden Unruhen statt, in deren Verlauf ein Jude ermordet wurde. Wie sehr der Antisemitismus in Frankreich ans den Hund gekommen ist, beweist die Thatsache, daß nur wenige Antisemiten es bei den jüngsten Wahlen gewagt haben, sich offen und unumwunden als solche zu bekennen. Judcnfeinliche Plakate kamen selten zum Vorschein und die Dreyfusaffaire scheint für die Judenfresser nicht mehr zu existiren. Der Niedergang des Antisemitismus ist ein Beweis dafür, daß die französische Nation auf dem besten Wege ist, sich aus dem Staube zu erheben. Der Niedergang Frankreichs, der mit dem aus Rußland importirten Antisemitismus seinen Tiefstand erreicht hat, ist endgiltig Lberwunden. Die in zwei Jahren stattfindenden allgemeinen Wahlen zur Deputirtenkammer werden hoffentlich mit dem Antisemitismus vollends aüfräumen. England. London. (Sie wollen alle keine Antisemiten sein!) Der englische Premierminister Mr. Arthur James Balfour tritt in einen»