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Der Israelit · 1904-05-25 · Heft 41-42 (25.5.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 41-42 (25.5.1904)
Date
1904-05-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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867 „Sie sind bei Glaubensgenossen, lieber Herr/ entgegnete die Wirthin, sich zu ihm neigend, „sehen Sie dort an der Thür die Mesußoh?" Ein Lächeln erhellte für einen Moment das Angesicht des Kranken, dann aber fragte er wieder: „Wie bin ich hierher gekommen?" „Ich glaube, Sie sind im Tunnel aus dem Coup,^e gefallen und haben sich den Arm verletzt," *agte seine freundliche Pflegerin, „und weil unser Haus in der Nähe ist. hat man Sie zu uns gebracht. Aber Sie sollten sich jetzt nicht anstrengen, nicht mit Denken und nicht mit Sprechen, wenigstens nicht bis der Herr Doktor wieder da gewesen ist." Der Kranke erwiderte nichts, ruhig träumerisch lag er da, doch bin und wieder entrang sich seiner Brust ein leises Aeckizen und in seinem Angesicht zuckte cs, wie von unsäglichen Schmerzen. Die Wirtbin war eine äußerst gescheidte Frau, der Verwundete war augenblicklich, dem Anscheine nach, bei klarem Bewußtsein, doch wie lange dieses anhalten würde? ob er nicht durch Wundsieber oder dergleichen das Bewußtsein wieder verlieren würde? — ..Sehr bald wird der Herr Doktor kommen." sagte st?, als sie ibn wieder ächzen horte, „er bat gesagt, er wird ein schmerzstillendes Mittel bringen, damit Sie nicht so sebr leiden müssen, lieber Herr, und wir werden gewiß, alles-für Sie thun, was in unseren Kräiten stellt. — Aber wäre es Ibnen nicht doch angenehmer, wenn jemand von Ihrer Familie Herkommen würde? — Wenn Sie mir eine Adresse angeben wollen, schreibe ich ste auf und wir telearavhiren sofort." „Ja, ja," sagte der Krank«', lebhafter als er bisher gestochen batte . bitte, schreiben Sie." Die Wirtbin batte rasch das Erforderliche zur Stelle, der Kranke diktirte, mit sichtlicher Anstrengung sprach er abgebrochen und matt, aber doch deutlich: ...Heinrich Müller — Gutsverwalter — Neudorf bei G . . . — Leo Grün Wald — verunglückt — nein, bitte — streichen Sie verunglückt —* ..Soll ich leicht verwundet schreiben?" ..Ja bitte. — leicht verwundet — nicht gefährlich — erwartet Tochter mit Begleitung — und dann, bitte, Ihre Adresse." Di' Mirtbin entsprach seinem Wunsche und las ihm die Develche vor. Ein A"sdruck der Befriedigung malte sich in seinen Züaen und wie erleichtert athmete er auf. ..Dank' Ihnen, Dank' Ihnen — sie wird gleich abreifen —" ..Höchst wahrscheinlich wird Thre Tochter alcich abreisen, ich werde die Depesche sofort zum Telegrafenamt schicken —" „To — aber bitte, noch eine —" „Sie wollen noch eine Depesche abschicken? — bitte zu diktiren —" . „Doktor Müller — Wallstraße 10 W_— Leo Grünwald verunglückt — kommen Sie sofort — und Ihre Adresse —" „So, Herr Grünwald, jetzt ist alles in Ordnung, ich werde die Depeschen sofort abschicken und Sie werden seben, Ihre Angehörigen werden sehr bald hier sein. — Aber Sie haben sich sehr angestrengt — armer Herr! -- Sie müssen ein paar Tropfen nehmen und dann müssen Sie sehen, daß Sie schlafen." Sie flößte ihm wieder einige Tropfen ein. er nahm sie, doch anscheinend bereits wieder ohne Bewußtsein. Der Ausdruck seiner Züge hatte sich vollständig wieder geändert. Die Familie Müller saß beim Abendbrod in traulicher Unterhaltung. Der Verwalter hatte soeben eine Frone an Frieda gestellt, die diese in seltsam verkehrter Weise beantwortete. Selma lachte laut auf, er aber schüttelte den Kopf. .„Dieses mal bin ich nicht mit Ihnen zufrieden, Sie sind nur halb hier." „Halb?" wiederholte Frieda zerstreut. „Ach. nicht einmal halb." sagte Selma ärgerlich, „mit drei Vierteln Deines Seins bist Du in Ungarn bei Deinem Papa und nur mit einem Viertel bist Du hier bei uns." „Du übertreibst," versetzte Frieda, ein Lächeln erzwingend, „aber eigenthümlich ist's, beständig ist es mir, als würde mein Papa mich rufen." „Sie sind eine allzu zärtliche Tochter, liebe Frieda," sagte Frau Müller lächelnd „und in den letzten vier Jabren —" Sie ward unterbrochen, ein Klopfen an der Thür, der Telegraphenbote trat in das Zimmer. Frieda sprang auf, an allen Gliedern bebend streckte sie die Hand nach der Depesche aus. die Müller in Empfana genommen hatte. „Bitte!" flüsterte sie „bitte! —" ..Was haben Sie, Kind?" fragte Frau Müller. ..die Depesche ist an meinen Mann gerichtet, vermuthlich von Krawanni." Müller war in das anstoßende Zimmer gegangen, um den Empfangsschein zu unterschreiben. Das Telegramm hatte er mitgenommen und feine Frau durch einen Blick a lfgekordert, ihm zu folgen. Friedas Zäbne schlugen aneinander, wie im Schüttelfrost, wie der Stütze bedürftig hielt sie sich an der Tischkante. Frau Müller betrachtete sie kopfschüttelnd. ..Kind, Kind, Sie regen sich all zu sehr auf. Um Sie zu beruhigen, werde ich meinen Mann um die Depesche ersuchen, damit Sie sich überzeugen, daß sie nickt Sie betrifft." Es p'or ibre Absicht gewesen, dem jungen Mädchen. eine am selben Tage angelangte Depesche des Gutsbesitzers statt der eben eingetroffenen LÜ. übergeben. Doch als sie diese gelesen, erkannte sie die Unmöglichkeit, ihr dieselbe vorzuenthalten. Und e? war

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