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Der Israelit · 1904-05-25 · Heft 41-42 (25.5.1904) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 41-42 (25.5.1904)
Date
1904-05-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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866 Inspektor der Rabbinerschule zu Shitomir und gleichzeitig zum Zensor für hebräische Schriften ernannt. Mit der Schließung der beiden ruffischen Rabbinerschulen zu Wilna und Shitomir sah sich Slonimski veranlaßt, die von ihm schon 1862 als Wochenschrift begründete „Hazepbirah" zuerst in Berlin, dann aber im Vereine mit Nachum Sokolow in Warschau herauszugeben und später in ein Tagblatt umzuwandeln. Slonimski kann in seinem Werdegang und svätern Leistungen als typisch für das Leben und Wirken der ganzen russischen Judenheit gelten. Mit großen natürlichen Geistesgaben ausgerüstet und wie dazu berufen, eine große führende Rolle zu spielen, mußte er unter dem auf den Juden in Rußland lastenden schweren politischen und sozialen Drucke mit Bescheidenem sich begnügen. Sein theoretisches Wissen mußte er sich schwer und auf großen Umwegen erringen und zur vollen Berwerthung seines gewaltigen Erfindertalents fehlte ihm die nur auf den technischen Hochschulen zu erlangende Erudition. Slonimski mußte, um die nackte Existenzfrage zu lösen, schon zu einer Zeit lehren, während er noch eigentlich zu lernen hatte. So mußte er sich begnügen, in der Gelehrtenwelt nur als genialer Autodidakt anerkannt zu werden. Dennoch hat er als Lehrer der gesammten, nur hebräisch lesenden jüdischen Jugend. Großes geleistet. Tausende von jüdischen Männern, die später auf den verschiedensten Universitäten Europas und Amerikas eine reguläre Bildung genoffen haben, verdanken die erste Anregung den Slonimskischen naturwissenschaftlichen Schriften. Aber auch die übrige Masse der Leser hebräischer Schriften hat von Slonimski werihvolle Anregungen erhalten. Wenn das Ghetto jetzt vielleicht weniger Träumer als vor 75 Jahren zählt, das russische Judenthum hat es in erster Reihe Chajim Selig Slonimski zu verdanken, dessen Schriften ihn noch lange überleben werden. Feuilleton. Wahrheit und Richtung. Von Friedrich Rott. i-w Jetzt entstand ein lautes Lärmen und Durcheinanderschreien, alles drängte hinaus.-den muthmaßlich Verunglückten zu suchen. Windlichter waren rasch zur Stelle und sehr bald fand man den Unglücklichen zwischen den Rädern des dritten Waggons. . Er lag in einer Blutlache, ob er lebte? — Es kostete große Mühe, ihn, ohne ihn noch mehr zu verletzen, hervorzriziehen. Ob er lebte, wußte, man noch immer nicht. Mitten im Tunnel ließ sich auch nichts machen. Borsichtig hob man ihn und legte ihn auf die weich gepolsterte Bank des Eoup^es. dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung und nach wenigen Minuten war die Station erreicht. Wiederum mit größter Vorsicht hob man den Verunglückten. der sich noch nicht geregt hatte, aus dem Waggon und rief einen sich im Zuge befindenden Arzt herbei. Der Pole, der neben ihm gesessen, hatte seine Effekten genommen und dieselben dem herbeigeeilten Stationschef übergeben. „Der Unglückliche ist Israelit," sagte er. „Sie kennen ihn?" fragte der Beamte. „Rein, aber ich habe ihn beten gehört." „Ach so —* „Und dann möchte ich aufmerksam machen, er scheint eine bedeutende Baarschaft bei sich zu haben, wäre es nicht gut, wenn der Herr Stationschef sein Portefeuille aufbewahren würden?" „Sie haben recht," erwiderte dieser, ,,in Ihrer und eines der anderen Herren Gegenwart werde ich das Portefeuille öffnen und die Barschaft zählen. Sie und der andere Herr können es sich notiren und ich werde das Ganze einschließen." Der Verwundete hatte sich noch immer nicht geregt, aber der Arzt versicherte, daß er lebe, der linke Oberarm war überfahren worden, war vollständig amputirt, die Bewußtlosigkeit schien Folge des Blutverlustes, doch war es nicht ausgeschlossen, daß auch innere Verletzungen vorhanden, was sich jedoch im Augenblick nicht konstatiren ließ.. Man kam überein, nach dem ersten Nothverband den Verunglückten in ein nahe gelegenes israelitisches Gasthaus.zu transportiren und, da Mittel vorhanden waren, erbot sich der Arzt aus der nächsten Stadt, für einen Wärter. Medikamente und überhaupt alles Erforderliche zu sorgen, denn ein weiterer Transport schien nicht gerathen. Die Besitzer des Gasthauses wurden verständigt und hatten sehr bald ihr bestes Zimmer zur Aufnahme des Verwundeten in Bereitschaft gesetzt. Die Wirthin hatte versprochen, bis zur Ankunft des Wärters das Krankenzimmer nicht zu verlassen, und die Anordnungen des Arztes, der in einigen Stunden selbst wieder nachschauen wollte, pünktlichst zu befolgen.. Sie saß an dem Bette und bljckte voll Theilnahme auf das bleiche Angesicht, das durch die dunkel glänzenden Kopf- und Barthaare noch leichenhafter erschien. Doch jetzt zuckten die Lippen, sie versuchte einige Tropfen, die der Arzt zu diesem Zwecke da gelassen hatte, ihm einzuflößen. Es gelang und bald darauf schlug er die Augen auf und blickte staunend auf die ihm fremde Umgebung. „Wo bin ich?" flüsterte er.

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