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Der Israelit · 1904-08-17 · Heft 65-66 (17.8.1904) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 65-66 (17.8.1904)
Date
1904-08-17
Page
– (sequence 30)
Language
German
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1412 Riefelten, überseeischen Prozesse? sich schon seit Wochen in Newport aufhält. Da klopft es leise. Das Mädchen dringt den .dückenzettel und fragt an. ob die Anordnung der gnädigen ftmu recht sei. Genuss, es ist ihr ganz recht. Der scharfe Don der elektrischen (Miede läs'.t ^niu '.Kclenfelb einen vcrRuinderten Blict ans die kleine Broncc Uhr über dem Kamine werfen. „Erst elf Uhr und schon Besuch!" langsam richtet sie sich aus ihrer nachlässigen Stellung auf. zieht die Schnüre de« .Uleides fester und blickt neugierig nach der Thür. „Frau Nordheimer," meldet das Mädchen. Ein paar feine Fältchen erscheinen über den schön geschwungenen BrautN. aber nur für die Dauer einiger Sekunden. Dann geht die junge Frau mit ausge streckten Händen ihrem Besuche entgegen. »Herzlich willkommen! Wie lange Sie nicht bei mir waren!" „Liebe Frau Rosenseld, ich störe doch nicht." sagt die alte Dame, die schon tadellos für einen Besuch ge kleidet ist. Nur den fast weißen Scheitel deckt statt des Hutes eine leichte, schwarze Spitzeuhaube. Fro.u Nordbeimer belvohnt mit ihrem Sohne die zweite Etage und ist den Nosenfeld's seit langen Jahren deireundet. „Nicht im Geringsten," erwidert die junge Frau. ..Lina," Rundet sie sich an das Mädchen, „bringen Sie noch eine Taffe!" „Für mich nicht, bitte!" lehnt die alte Dame sreundlichst ab. „Ich habe schon vor einigen Stunden mit meinem Sohne gefrühstückt. und ein zlveites Frübstüct nehme ich grundsätzlich nicht. Das verdirbt mir den Mittag. Bitte, lassen Sie sich nicht stören!" . . . Frau 'Nordheimer lässt sich in einem der braunen Ledersessel nieder, deren Nucken das in Gold der s.hlungene Monogramm des Ehepaares ziert. Die junge ftrnu nimmt aus dem zierliclx'n Silberlörbchen ein Bisguit. Im Stillen aber kragt sie sich verwundert, Rnis wohl dieser frühe Besuch bedeute. Und die alte Dame hält auch nicht lange damit hinter dem Berge. „Liebe Iran Rosenseld. Sie lvissen doch, dass Sie eine Freundin an mir baden seit den zehn Jahren, die lvir n«:i bald zusammenwohnen. und auch, dass ick Ihrem verehrten Manne und den Kinderchen herzlich zugethan bin. nicht wahr?" Und als die junge Frau nickte, fährt sie zögernd fort: .Ich möchte Sie zu Ihrem Besten etwas fragen, das Sie vielleicht beleidigen könnte, aber denken Sie dann, dass ich an Stelle Ihrer so früh Heimgegangenen Mutter, die mir eine liebe Jugendfreundin R»ai, hier sitze." ... ftrau Nosenfeld ist um einen Schatten bleicher geworden, aber um ihre Lippen zuckt es wie in verhaltenem Trotz. .. „Sehen Sie. eine alte Frau wie ich." fährt Frau Nordheimer fort, „bat schon viele Erfahrungen ge sammelt, auch die. dass man auf ein ..<»» »lif, das Ge rede der Alltagsmenschen keinen Werth legen soll. Sie bauen sich zumeist auf Klatsch und Bosheit auf. Wenn ich in diesem Falle dennoch eine Ausnahme marhe. so treibt mich die llnrube, das Interesse für mir liebge wordene Menschen dazu. Ich will nicht über religiöse Fragen mit Ihnen streiten: ich habe in einem langen Leben erfahren, dass es kein undankbareres Thema gibt, als dieses. Bon hundert Menschen sogar ein und desselben Glaubens baden nicht zwei die gleiche Aus fassung, und der wabrc Glaube ist den meisten Men schon ein Buch mit sieben Siegeln. Eines der höchsten Gebote der Religion ist meiner Ansicht nach die Pietäl. die Heilighaltung der Bande des gemeinsamen Blutes. Und diele, sagt man mir, wollen Sie zerreißen, nein, nicht nur das. Sie »vollen hingehen und sie verratheu. Sie wollen meineidig werden! Ein Ueberläufer! In meinen Augen ein verächtliches Geschöpf! 'Verzeihen Sie. meineliebe Frau Rosenseld. diese etwas starken Ausdrücke! Aber der Gedanke allein bringt mein Blut in Wallung. Sehen Sie. als mir dieses Gerede zu Ohren kam. als ich aus eigener Anschauung den in innen Berkehr mit der Stadträthin Heiberg beobachtete, wahrnahm. wie sehr Ihnen die Freundschaft dieser Dame schmeichelte, cs Ihren Ehrgeiz befriedigte, dass deren Anhang Ihr Haus frequentirte. da ahnte ich wohl. dass man ein verirrtes Schaf zur grossen Heerde treiben wollte. Ich dachte aber auch an Ihre Mutter. Sie hat oft mit mir darüber gesprochen. wie sehr es sie beruhigt, daß mein seliger Mann als Bormund über Sie eingesetzt wurde, dass er über Sie wachen. Sic b? hüten könnte. Ich freue mich, dass sie den heutigen Tag nicht mehr erlebte, denn sie war eine gute Jüdin, wenn sie auch nicht an Formen hing. Durchschauen Sie das Treiben dieser Leute, die da in Ihrem Hause ein.- und ausgeben, nicht? Finden sie es denn nicht eines anständigen Menschen unwürdig? Wir Inden machen keine Prosclvten. unsere Religion verbietet cs geradezu und ich finde, das ist der wahre Stolz, die rechte Würde einer Religionsgesellschaft. Verächtlich ist das Gebahren der andern. Run sagen Sic mir nur eins: Haben Sie thatsächlich Schritte unternommei.. um Ihre Kinder einem anderen Glauben zuzuführeu ohne Einverständniss Ihres Galten?" Eine kleine Pause trat ein. da keine Antwort erfolgte. und Frau Rordheimer bemerkte mit peinlicher Deutlichkeit, dass eine glühende Röthe das hübsche Gesicht der jungen Frau bis in die Haarwurzeln überfluthete. Unbeirrt fuhr sie fort: „Und wie denken Sie sich später das Berhaltmss der christlichen Kinder zu den jüdischen Eltern? Harmonisch? Ich denke es mir voller Widersprüche. Ich kann Ihnen aus meiner reichen Erfahrung mit einem

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