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Der Israelit · 1904-08-17 · Heft 65-66 (17.8.1904) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 65-66 (17.8.1904)
Date
1904-08-17
Page
– (sequence 26)
Language
German
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Doch mit dem Eintritt des Monats Elu» ging mit unserem R. Mendel eine plötzliche Veränderung vor. Der sonst so bescheidene, seine Sidurim und neuesten Luchoth anpreisende Handelsmann, begann plötzlich ein Srlöstbewußtsein zur Schau zu tragen, welches dem eines berühmten und gefeierten Opern tenors nicht weit nachstand. Er behandelte feine Bekannten und Freunde mit einer gewissen Herablassung, als müßten sie sich es zur Ehre anrechnen, von ihm angesprochen zu werden. Auf feinen, eine gewisse Selbstzufriedenheit ausdrüclenden Zügen schwebte ein fortwährendes Lächeln, als wollte R. Mendel Kow.orner jedem damit sagen: Wartet nur noch kurze Zeit, dann werdet ihr mich hören und be wundern können. Dieses Selbstbewußtsein steigerte sich noch mit dem Beginn der Selichothtage. Von dieser Zeit konnte man R. Mendel Morgens und Abends nur mit aufgestülptem Kragen, aus Furcht vor Erkältung und obendrein noch den Hals mit einer Shaw! ulnwunden sehen, so daß seine Stimme (Mott behüte, nicht durch Luftzug Schaden nehme und er nicht von der Feindin der Sänger und Chasonim, der Heiserkeit, heimgesucht werde. Reb Mendel, der sonst in Folge seines kärglichen Verdienstes nicht genug zu essen hatte, zehrte gerne an seinem verflossenen Ruhme und seine stereotype Phrase, die er oft in seinem Ge spräche wiederholte, war: Ja. als ich noch EHasan der großen Gemeinde N. gewesen, da hättet ihr mich hören sollen. Wenn ich am Rosch Haschono") und Jom Kippur') den Nnsane Totes") gesungen, oder die Malchioth. Sichronoth und Schofroth') gesagt, da war Alles entzückt und tief ergriffen und kein Auge blieb thränenleer. Heute bin ich wohl nicht mehr, was ich früher gewesen. doch bin ich noch immer hörenswerth. wenn ich bei Stimme und gut disponirt bin. und nehme ich eS mit den anderen Dutzend-BaaleTefilloth auf. die keinen Tunst von gut Dawenen haben und »velche tveiß Gott was geleistet zu haben meinen, wenn sie wie mein Nachbar R. Dowid Leb Katz der Eisentandler, wie ein „Kalekbauer" schreien. Auf Letzteren war unser R. Mendel nicht aut zu sprechen und nicht mit Unrecht, denn er schrie fürchterlich und dabei klang seine Stimme so rostig wie das «edle Metall", tvelches er verkaufte. Doch welche Mühe und Sorgfalt wendete hingegen R. Mendel Komorner beim Mussafvorbeten an. um den Beifall seines andächtigen Auditoriums zu erringen! Wie mußte er sich in Acht nehmen, um seinen Minjanunternebmer zufrieden zu stellen! Mit welcher Andacht betete er das dem Mussaf-Kadisch vorangebende Gebet «Möge es Dein Wille sein, mir heute eine schöne angenehme Stimme zu geben, daß diese nicht versage etc.". Es mußte ihm auch, dem armen, mit t>) Neu jahrSfetz. 7) BerföbmmgStag. 8) Eines der ergreifensie» Gebete an» AeujahrOieft. U) Wchtige« Gebet an» Neulahr«- zahlreichen Kindern gesegneten Manne, der obendrein t cch eine kranke Frau batte, sehr viel an der Gunst des Minian Unternehmers und an dem Beifall der andächtigen Beter gelegen sein, da davon nicht nur fein Renommee und die Aussicht auf sein Wiederengagement itn nächsten Fahre, sondern auch die Größe und die Zahl der Nedowes abhing, welche letztere aber, wenn er keinen Beifall hatte, ausblieben. Doch abgesehen von detu materiellen Erfolg, zitterte er bei dem Gedanken. das bedauernstverthe Loos anderer Baake Tefilloth. die nichts können, zu theilen. vom „Omed" wegzugehen und den ironischen Blicken des andächtigen, aber kritischen Auditoriums zu begegnen, welches „stumm wie ein Fisch" sich verhält and ihm nicht ein mal den obligaten „Iejascher Koach"'") zuruft. Von den rücksichts. und taktlosen Menschen gar nicht zu sprechen, die mit ihrer Meinung nicht zurllckhalten und ihm im Vorübergehcn allerlei Sottisen sagen, z. B. Schande, dieses sei einmal einem schlechten Baal De fillo zugerufen worden. „Es war ein wahrer Zaar Baale Ehajim zu sehen, wie sich der angestrengt, und doch nichts gekannt." Eine solche Schmach wollte unser ehrgeiziger R. Mendel vermeiden und er beinühie sich nach Kräften, durch sein schönes Borbeten den Beifall seiner Zuhörer zu erwerben. Die schönsten Aigunim") entnahm er seinem reichen Melodienschatz, um diese z. B. zu einem „Melech Eljon" oder „Jmre leelohitn" zu venverthen. Oft kostete es ihn Ueberwindung, diese lustigen Melodien, die sich zumeist wie ein schöner Marsch anhören, zu singen, da es ihm seit der Er krankung seiner guten Frau, die in Folge eines unheilbaren Leidens zumeist an's Bett gefesselt war, nichts weniger als fröblich zu Muthe gewesen. und getreu dem alten jüdischen Svrichworte „Ganew mach dir ein Herz", mutzte er die lustigen Weisen singen, um seinem andächtigen Publikum zu gefallen. Doch bei dem Re citiren des Unsane Dankes und der Berausch Haschono jelot hewun'") war er in seinem Elemente. In diesen herzergreifenden Gebetstücken konnte er wie viele seiner Kunst- und Leidensgenossen sein Herzleid ausiveinen und feinem bedrückten Herzen Erleichterung bieten, aber auch zugleich auf seine Zuhörer durch seine traurigen, zu Thränen rührenden und zur Andacht stimmenden Melodien vortheilhaft einwirken. und sich deren Gunst und Beifall erobern. Dieses Gcbetstück ist es bekanntlich neben der Abodo und den Malchioth, Sichronoth und Schofroth. die gut „gesagt" werden müssen, bei welch' Letzteren sich die Kunst des Baal Tefilloth zeigen muß. und wo die Eoloratur des Chasans") bei dem Triller des Schlußsatzes „umaasin Truoh" den Glanzpunkt bildet, der Probirstein für die Chasonim. Diesen 10) Eine Art Gratulation, »uie z. B. „Glück auf'. 11) Melodie, u 12) Wichtige« ergreifende« Gebet au, Neuiahröseft. 13) Kantor.

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