Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1904-08-17 · Heft 65-66 (17.8.1904) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 65-66 (17.8.1904)
Date
1904-08-17
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2449986-2450047--61254-2521676
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1400 stimmigen Chorus um meine Ohren brausen, der mir die lieblichsten Schmeicheleien zum Bewußtsein führt, vielleicht gar den großen Bannfluch „der Unkollegialität." der ^Bildungsfeindlichkeit" gegen mich schleudert. Ich kann nicht helfen, aus meinem Herzen keine Mördergrube machen. Ich kann zum Beispiel nie und nimmermehr den Sah unterschreiben: der Rabbiner hat den Religionsunterricht nicht zu inspiciren! Kann er auch das „Wie" nicht so erforschen, da ihm die Pädagog. Vorbildung abgeht. das „Was" vermag er genau zu erkunden. Der Rabbiner soll und muß wissen, was in den Religionsschulen gelehrt wird. Wo steuern wir denn hin? Der Staat erkennt unsere Rabbiner als die berufensten und offiziellen Vertreter der jüdischen Religionslehre an. und die jüdischen R e l i g i o n s lehrer sprechen ihnen das Recht ab. den Religionsunterricht zu inspiciren? Wagt man in anderen Kreisen, dem protestantischen oder katholischen Pfarrer zu verwehren, den Religionsunterricht ihrer Konfession zu prüfen? Und wenn der „Methodiker" meine Schule viütirt. muß er mir auch in seinen Rcligionskenntnissen. die doch auch einmal dazu gehören. genügen? Mir stoßen hier auf das Autoritätsprinzip. ohne das kein Staatswesen Bestand hat. Schließlich bleibt doch die Leistung einer Schule die Hauptsache, nicht die Inspektion. Mag immerhin in christlichen Kreisen der Kampf zwischen Lehrer und Geistlichkeit toben. Bei uns Juden, die wir als Juden eine „anerkannte Religionsgemeinschaft" bilden, die wir als Juden Konfessionsschulen fordern, üidisch? Seminarieu. jüdische Lehrervereine brauchen, indische Lehrerzeitungen, jüdische Lehrerkonferenzen wünschen. — bei uns hat der Satz keinen Sinn: der Rabbiner hat den Religionsunterricht nicht zu inspicircn! W-nn unsere Religion und deren Unterricht nichts weiter drückt als der „unmetbodische". nicht pädagogische gebildete Rabbiner, dann hat'? aute Wege. Wir haben wirklich anderes noch zu thun. anderes noch zu erstreben, wenn wir für unser Iudenthum. für den heiligen Väteralauben wirken wollen. Wir können durchaus nicht mit Herrn Steinhardt-Maadebnrg. iRr. 20. 19041 aus der Insvektionsanaelegenheit „eine Lebensfrage für die jüdische Lehrerschaft" machen, uns auch nickt darüber so sehr ereifern, wenn ein Rabbiner auf seine Visitenkarte „Rabbiner und Königlicher Bezirksschulinspektor" drucken läßt. Cin Keck im Lehrerstande wacht letzteren noch nickt lächerlich, und heim Rabbineritande ist's ebenso. Dagegen aebe mit Koll Steinhardt einig, daß die Araae einmal m den Lehrervereinen erörtert tverde. Sicher wird sie in un parteiischer, objektiver und reiflicher Erwägung nach obigen Gesichtspunkten aelölt werden. So wenia wir der Inspektion des Religionsunterrichts durch einen Nicht rabbiner das Mort reden, so wenig können wir mit dem Verbandsorgan bezüglich der Bezirksrabbinate einig gehen. Wenn es in Rr. 40. 1902. in einem Artikel „Bezirksrabbinate" heißt: „Es dürfte wohl kaum eine Großgcmeinde geben, in der ein solch blühendes Schulwesen, in der ein solch reges geistiges Leben an.zutreffen ist. wie z. B. in der r a h binerlosen Provinz Westpbalen." so weiß ich nicht, was ich damit ansangen soll. Worin besteht das „rege geistige Leben" und das blühende Schulwesen? Wird dort im profanen Wissen mehr erreicht? Steht der Religionsunterricht und die Religiosität auf höherer Siufe? Blüben dort mehr Litteraturvereine oder ist sonst mehr jüdisches Interesse vorhanden? Und Ivel > chen Zusammenhang bat dies mit der Rabbinerlosigkeit? So lange mir jemand diese Frage nicht beantwortet. erkläre ich jenen Lobgesang auf Westphalen für eine schwülstige Redensart, für eine Phrase corame it faut und — für eine Beleidigung, für eine Herausforderung de? Rabbinerstandes. — Auf dem gleichen; Niveau steht der Artikel in der jüngsten Nr. 29. 1904, der Bl. f. Erz. u. U. «Die Bezirksrabbinate vor de«' westphälischen Gemeindetage". mit einem redaktionellen zustimmeuden Nachsaß. versehen. In dem Artikel heißt es n. a.' „Ueberall sei man bestrebt, den Lehrerstand zu heben, wo aber Bezirksrabbinate eristiren würde er herabgewürdigt: nur in sechs Gemeinden Westphalen?. von denen keine dem Verbände angehöre, sei das Lehr amt mit dem Schäckterdienste verbunden." — ferner wurde die Resolution angenommen: „Der 44. Ge meindetag des Verbandes der Snnagogengemeruden Westpbalcus lehnt die Errichtung von Bezirksrabbi naten aus ideellen und materiellen Gründen ab." - Aus „ideellen" Gründen! Damit vielleicht in West phalcn keine Sckaalos gevaskent werden, daß der Lehrer aanz frei, obne rabbmatlicke Aufsicht sei. Ich wüßte sonst keine ..idealen" Grunde. Aber im Ernste gesprochen: wenn die Animosität gegen den Rabbiner stand in dem Verbandsorgan solch wunderbare Blüth-n treibt und freudige Zustimmung findet, so ist es be greiflich. daß nickt nur orthodore Kollegen, sondern einsack denkende Menschen sich mit Widerwillen ab wenden von solchem Dreiben. Wieder die Frage: wo hin steuern wir denn? Bis jeßt glaubte man in simplen Kreisen, daß die Einziehung vieler Rabbinats siße in Deutschland ein bedauerliches Zeichen des reli giösen Verfalls und des Indifferentismus sei. Die Rabbinatssvrenael nehmen eine unbeimlich große terri toriale Ausdehnung an. im Gegensatz zur idealen Berufsarbeit de? jüdischen Geistlichen. Ganze Provinzen „haben genug" an einem Rabbiner. „Mai mehani lonu rabonon?" Was nütren uns die Rabb's? Die alte Fraae des Dalmud wirft ibr dumvfes Echo in unsere Tage und wir „Lehrer der Rekiaion" sollte» das bearüßen wegen — der oeistlichen Schulinspektion oder der „Nnabhängiakeit" des Lehrers?! — Rein, da thun wir nicht mit. Wir hatten dann kon-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.