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Der Israelit · 1904-08-17 · Heft 65-66 (17.8.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 65-66 (17.8.1904)
Date
1904-08-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Friedhofswachter herbeizurufen. damit er das Thor ihm offne. Da gewahrte er. daß die Pforte nicht geschloffen war. sondern einem leichten Druck gegen dieselbe wich. Ungehindert trat er ein. „Hans des Lebens," flüsterte er abermals und wandelte langsamen Schrittes vorwärts, den Gräbern zu und dann die Gräberreihen entlang. Sein Blick schweifte suchend über die vielen langen Gräberreihen, wo waren denn die Gräber, die er suchte? — Richtig, dort in der dritten Reihe, er hatte sie bereits gefunden. Unwillkürlich blieb er stehen und las die Inschriften, S waren die Ramen seiner Eltern. Einen Augenblick war es ihm. als stocke sein Herzschlag, gleich darauf pochte es rascher und immer rascher, er wollte hinstürzen zu den ifim so tbeueren Gräbern, eine ehrfurchtsvolle Scheu hielt ihn jedoch von jeder rascheren Bewegung zurück und langsam schritt er weiter. Jetzt hatte er sic erreicht. Mit überströmenden Augen schlang er die Arme um die kalten Grabsteine, bald um den. der das Grab des Vaters bezeichnete. bald um den auf dem Grabe der Mutter. Dann aber griff er in die Tasche nach einem kleinen Gebetbuche, das er neben den Gebetriemen aufbewahrt und mit sich genommen hatte. Er wollte das übliche Gebet sprechen am Grabe der Eltern, doch Thränen verdunkelten seine Augen, er konnte kein Wort entziffern. So beiete er dann, was sein Herz ihm eingab. „Vater! Mutter! verzeihet, o verzeihet! — Vater! Mutter! bittet Gott, daß er mir verzeihe! — O Gott! mein Gott! verzeihe mir! — nimm meinen freiwilligen Tod als Sühne an. für mein frevelhaftes Leben! — Vater! Mutter! —" Plötzlich hielt er inne, wie lauschend mit vorgeneigtem Oberkörper stand er da. — Und ihm war's. als dringe aus dem Grabe der Mutter ihr bitterliches Schluchzen und aus dem Grabe des Vaters schien des Vaters Stimm; zu dringen. „Verblendeter' durch neuen Frevel glaubst du den früheren sühnen zu 'önnen? wehe! wehe! —* Da fiel es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen und erkannte das Wahnwitzige s-'ines Vorhabens. Verzweiflungsvoll rang er die Hände: „Verzeihe? verzeihe mir. o Gott! — aber wie kann ick sühnen all meinen Frevel?" Da war's ihm wieder als antworte ihm die Stimme seines Vaters. „Rur durch ein reines gesetzestreues Leben kannst Du Dein früheres frevelhaftes sühnen." Da ward es mit einem Mal bell und leicht in seinem Herzen, ein Strom von Thränen entstürzte seinen Angen und schluchzend rief er: ..Vater' Mutter! ich gelobe es! ich gelobe es! Ich werde zurück treten und werde fortan leben wie Ihr gelebt habt, nnr bittet Gott, daß er mir verzeihe! —" Und wieder breitete er die Arme aus, als könne er die Heimgegangenen umfangen, und im Uebermaß seiner Gefühle warf er sich nieder zur Erde um die Scholle zu lüffcn. die den ihm theueren Staub deckte. Da erscholl plötzlich eine Detonation und ein Aufschrei. Aus dem Wächterhause stürzten L;ute und blickten suchend umher, woher der Schuß gekommen, von der entgegengesetzten Seite des Friedhofes eilte ein junges Mädchen direkt auf die beiden Gräber zu, zwischen denen Keßler der Länge nach ausgestreckt, mit dem Gesicht der Erde zugekehrt, laa. Sie winkte den Andern. „Hier!" rief sie „hier!" Die Leute eilten herbei, es war der Friedhosswächter und ein Arzt, der zu der kranken Frau des Erstereu gerufen worden war. Vor Allem bemühten sie sich, den auf der Erde Liegenden umzuwenden und auf den Rücken zu legen. „Kennen Cie ihn?" fragte der Arzt, indem er sich um ihn bemühte. „Rein." versetzte der Wächter, der erst seit wenigen Jahren seinen Posten bekleidete, „das muß kein Hiesiger sein, den habe ich noch nie gesehen. — Schrecklich! schrecklich' - fo'n nobler Herr, g- Aber was hat er denn da in der rechten Hand?" „Ve-mulhlich den Revolmr, mit dem er sich erschossen hat. — Doch nein. nein, das ist kein Revolver, das ist ein Buch — vermuthlich ein Gebetbuch - wie fest er es hält —" „Dann hat er sich auch nicht erschossen." flüsterte das junge Mädchens das mit einem Gefäß mit Wasser, das sie von dem nahen Brunnen geholt hatte, näher trat. „Sie haben recht. Fräulein, das schein! ein unglücklicher Zufall gewesen zu sein sagte der Arzt, indem er den Revolver aus der Brusttasche des Verunglückten zog. „Schreckliche Unvorsichtigkeit, einen geladenen Revolver in der Brusttasche zu tragen! —" Das Mädchen hatte die Stirn des Verwundeten mit kaltem Wasser befeuchtet. „Gott sei Dank! ~ die Augenlider zucken — er lebt —" „Roch lebt er." stimmte der Arzt zu. ..aber hier läßt sich nichts machen, am besten wir schaffen ihn in's Hosvital. Haben Sie nicht eine Matrazre?" wandte er sich an den Wächter „und ein paar handfeste Männer — cs ist ja nicht weit, kaum zehn Minuten - ..Eine Matrazze habe ich und zwei krallige Burschen sind in der Nähe, gleich werde ich alles herleischaffen." „Eilen Sie. eilen Sie. je rascher er an Ort und Stelle kommt, ^esto mebr Hoffnung hätten wir. ihn durchzubringen." Der Wächter eilte in's Heus, das sunge Mädchen kniete neben dem Verwundeten. Aus ihren dunkeln, wcitqeöffneten Augen floß langsam Thränc auf Thräne. Der Arzt betrachtete sie staunend. „Kennen Sie den Unglücklichen. Fräulein Keßler?"

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