Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 65-66 (17.8.1904)
- Date
- 1904-08-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1388 in der Praxis ausnimmt, lehrt am besten der folgende Fall, welchen wir der Berliner «Voltszeitungentnehmen: Ein Jude Namens Zleismann ist nach siebenjähriger Ehe seiner Frau und seiner Kinder überdrüssig geworden; er verliebte sich in ein christliches Mädchen, ließ Frau und Kinder im Stich und trat zum orthodoxen Christenthum über. Es vergingen zwei Jahre, die verlassene Frau ernährte sich und die Kinder so gut sie konnte —■ sie hörte von ihrem Ehemanne nichts. «Eines Tages wird die eheverlassene Frau verhaftet und gefesselt durch die Stadt transportirt und in's Gefängniß geworfen. Was war die Ursache? Ihr zum Christenthum bekehrter Mann verlangte die Herausgabe seines Sohnes, und dazu hatte er gesetzlich das Recht. Alles Weinen und Jammern der Frau nützten nichts — das Kind ist ihr auf polizeilichem Wege abgenommen worden. Nachdem sie eine zeitlang im Gesängniß geschmachtet hatte, wurde sie entlassen.. Das Kind wurde sofort getauft und einem alten ausgedienten Unteroffizier gegen eine jährliche Entschädigung von 9 Rubeln zur Pflege gegeben. Denn der Christ ge wordene biedere Ehemann hat sich natürlich nicht um sein Kind gekümmert, er hat es nur seiner Frau weggenommen, um von ihr Geld zu erpressen, nachdem er die erwartete Summe nicht erhalten hatte. Das getaufte Kind der Mutter zu belassen, die es mit Freuden toieder zu sich genominen hätte, ging nicht an; es mußte einem „Rechtgläubigen" zur Erziehung übergeben werden — bei dem alten ausgedienten Unteroffizier, der ganze neun Rubel jährlich an Pflegegeld erhielt, war es natürlich „ausgezeichnet" aufgehoben! Die arme Frau blieb noch an dieses Muster von Ehemann gekettet. da sie kein Geld hatte, um die Scheidung von ihm zu erkaufen. Petersburg, 22. Juli. (Heldenthaten eines Juden mädchens.) Aus Mukden gehen den Blättern Berichte über muthige Thaten eines tapferen russischen Mädchens zu. welches sich bei genauerer Nachforschung nach ihrer Persönlichkeit als eine karaitische Jüdin zu erkennen gab. Das beherzte Mädchen, das erst 29 Jahre alt ist. hatte sich als Mann verkleidet, nannte sich Michael Smolko und bewährte sich insbesondere glänzend und hilfreich als Meldereiter und Dolmetsch. Wenn besonders gefährliche Arbeit zu verrichten war und Freiwillige hierzu aufgeboten wurden, war sie die erste, die ihre Dienste an bot. um die japanischen Stellungen auszukundschaften. Am 2k. Juni führte sie eine kleine Abtheilung Kosaken und konnte nicht bloß die für den russischen Kommandanten nöthigen Informationen einholen, sondern es gelang ihr auch, eine große Menge von Vieh, welche von den Japanern erbeutet worden war und von Chinesen in ihr Lager getrieben wurde, den Russen wieder zurückzubringen. Feuilleton. ung. Bon Friedrich Statt. <57 Er benützte einen der vor dem Bahnhof haltenden Wagen und fuhr in die Stadt. Dort aber stieg er aus und eilte hastigen, sicheren Schrittes durch das Gewirr von Gaffen und Gäßchen. bis er diejenige erreicht hatte, in der das israelitische Gotteshaus, die Synagoge, sich befand. Noch einmal wollte er die Töne hören, die ihn gestern so mächtig erschüttert. ' noch leinmal wollte er jenes Gebet sprechen, das die Söhne in Israel alljährlich an dem Sterbetag der Eltern sprechen. Doch konnte durfte er denn beten? War nicht jedes Gebet des Abtrünnigen Blasphemie? Aber er war so unsäglich elend, war so vollständig gebrochen durch die Schwere seiner Schuld, daß er wähnte, vor Gott käme es auf eine Sünde mehr oder weniger nicht an und vor den Menschen-. Seit vierzehn Jahren war er nicht hier gewesen, er drückte den breitkrämpigen Hut noch tiefer in die Stirn, daß er sein bleiches Gesicht nahezu vollständig beschattete — er hoffte, es werde ihn niemand kennen. Und es erkannte ihn niemand, keiner abnte. daß der elegant gekleidete Herr, oer mit von Tbränen oft erstickter Stimme das Kadischgebet kaum verständlich sprach, bereits vor vierzehn Jahren den Vater verloren hatte. Als der Gottesdienst beendet war. ward wieder in das Widderhorn geblasen. Er lauschte vis der letzte Ton verklungen war, dann richtete er sich entschlossen auf. „Ich komme." flüsterte er in sich hinein, „ich komme" und verließ das Gotteshaus. Hastigen Schrittes, als würde er irgendwo erwartet. durcheilte er die Gassen und Gäßchen der alterthümlichen Stadt bis hinaus in's Freie. Dann schlug er einen graden Weg links ein und hatte nach einer Viertelstunde das Ziel seiner Reise erreicht. Vor einem hoben, breiten Thor blieb er stehen und blickte unwill kürlich hinauf und unwillkürlich las er die Inschrift, die dort oben in großer, weithin leuchtender, hebräischer Qnadratschrift prangte. „Beth Hachajim, Haus des Lebens.* Wie ein Schauer durchrieselte es ihn. „Haus des Lebens", stammelte er. Was war sein Wissen, was die Gelehrsamkeit aller Andern, gegen jene hehre Weisheit, die aus den wenigen Worten dort oben sprach? — Er neigte sich und suchte den Glockenzug, um den Wahrheit und