Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 39-40 (19.5.1904)
- Date
- 1904-05-19
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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649 kiederveißend, was sich ihm in den Weg stellte, in das Thal hinab. Große Felsstücke, entwurzelte Baume, Theile niedergeriffener Hauser riß die tobende Fluth mit in dcn Thalgrund. Aber wo war denn das herrliche, stolze Anwesen! de? Bürgermeisters? David fuhr sich mit der Hand über die Augen, da er glaubte, sich zu tauschen. Nein, ts war Wirklichkeit: Alle Scheunen, Ställe. Remisen — alles, alles hatte das entfesselte Element zusammengerissen! Nur das Wohnhaus stand noch, umbrandet von der wilden Fluth. „Seht, Männer, seht." rief David, „aus dem Haus des Bürgermeisters dringt schwarzer, qualmender Rauch, der Blitz hat dort gezündet!" Jetzt zeigten sich an den Fenstern händeringende Menschen, deren Hilferufe durch Mark und Bein drangen. „Sie sind verloren!" meinte einer der Männer. „Es ist nicht möglich, über den wild rasenden Berg ström zu ihnen hinüberzukommcn.-Da seht — um Gotteswillen! — Der ganze Seitenflügel des Hauses stürzt soeben in sich zusammen! Die armen Menschen — Gott steb' ihnen bei!" „Hilfe! Hilfe! Rettet uns!" schallte es aus einem Fenster des llehengebliebenen Theils des Hauses herüber. „Wir müssen sse retten, Burger!" rief David dazwischen. „Ich bitte Euch, zögert nicht, jede verlorene Minute kann ein Menschenleben kosten." „Es ist unmöglich, der Rest des Gebäudes brennt von innen und kann jeden Augenblick durch die anprallenden Wassermengen einsturzen!" Ein anderer meinte: ,.Bis es uns möglich ist, hinuberzukommen. sind sie, selbst, wenti der Theil des Hauses so lange noch Widerstand leistet, längst erstickt!" „Vir müssen es dennoch wagen! Wer bilft mir. sie zu retten!?" rief David blitzenden Auges. Zwei Glaubensgenossen stellten sich noch zu David und erklärten sich bereit, ihm bei dem Rettungsversuch zu hellen, die llebriaen standen noch unentschlossen da. „Vorwärts denn, mit Gottes Hilfe an's Werk!" rief der mutbige -junge Mann. „Schnell ein großes Seil herbei!" Nun rannten auch die übrigen in die verschiedenen Nachbarhäuser und bald hatte man durch Aneinanderknüpfen eine ausreichende Länge Seiles hergestellt. David schlang sich dasselbe mit dem einen Ende um den Leib, das andere sollten die am Lande Zuruckbleibenden — langsam nachqebend — festhalten. Nun eilte der nmge Mann ungefähr dreißig Schritte oberhalb de', dem Verderben aeweibten Hauses und stürzte sich mutbig in die brodelnden, zischende» Wassermassen. Fast athemlos sahen die Burger dem kühnen Retter zu, wie er mit dem ansiurzenden. ihm bis an die Brust reichenden Wasser rang. Endlich erreichte er. nach angstvollen Minuten, wenn auch fast erschöpft, die nach unten zu gelegene Seite des Mauerwerks des Hauses. Hier faßte er Pcsto und warf dem am Fenster stehenden Bürgermeister das Seilende zu. Dann schwang er sich i selbst hinauf, band dasselbe an einen aus der Mauer hervorragenden Halen und rief den drüben stehenden Männern zu, dos Seil straff zu ziehen. Das Zimmer, in das sich die Familie des Bürgermeisters mit den Mägden geflüchtet hatte, war zwar auch schon von dem eindringenden Rauch angefüllt, immerhin aber konnte man zur Noth noch eine kurze Zeit sich darin aufhalten. „Frau Müller, schnell, schnell, ehe es zu spät ist," rief David der Bürgermeisterin zu. die vor Angst und Schrecken bleich und keines Wortes mächtig dastand. David sprang wieder zum Fenster hinaus. „Helfen Sie Ihrer Frau heraussteigen, Herr Müller, ich nehme sie in Empfang, nur rasch, rasch?" Der Bürgermeister that, wie ihm geheißen, und beide Männer schafften dieselbe nun, an dem gespannten Seil sich festhaltend, hinüber auf die andere Seite. Die Mägde folgten dem Beispiele und bald waren Alle in Sicherheit. Mittlerweile hatten sich Hunderte von Neugierigen eingefunden, die der Rettungsthat David Mosers mit Spannung zusahen. Am Dache des stehengebliebenen Theils des Hauses schlug jetzt die helle Lohe heraus, da der Regen etwas nachgelassen hatte. In diesem Augenblicke stürzte die Bürgermeisterin aus einem der Nachbarhäuser, in das sie gebracht worden, mit dem Schreckensrufe: „Mein Sohn! Wo ist mein Sohn? Rettet meinen Sohn!" An diesen hatte Niemand gedacht. Er mußte sich noch in dem brennenden Hause befinden, und war vielleicht verletzt, da ihn Niemand gesehen hatte. Als David dies vernahm, machte er sich noch einmal auf den gefahrvollen Weg. Er erreichte auch glücklich das brennende Haus, schwang sich in das Fenster und drang von hier aus in das von Qualm erfüllte Nebenzimmer, in dem die Hälfte der Decke eingestürzt war. Hier fand er seinen Todfeind, bewußtlos aus dem Boden liegend, vor, mit einer klaffenden Wunde am Kopfe, die von einem herabgestürzten Balken berrührte. Er hob den Verletzten auf und schaffte ihn mit vieler Mühe an das Fenster d:s Nebenzimmers, um die frische Luft auf ihn einwirken zu lassen. Dann rief er um Beistand. Nunmehr fanden sich mehrere Bürger bereit. den lebensgefährlichen Weg an dem Seil entlang durch das noch immer wild dahinschießende Wasser zu machen und vereint brachten sie den Schwerverletzten zu den unglücklichen Eltern.