Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 39-40 (19.5.1904)
- Date
- 1904-05-19
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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84S T er Schein war sehr gegen David Moser. Denn dc^ Bürgermeisters Sohn und deffen Complize hatten den Spieß herun gedreht und behaupteten, an dem fraglichen Abend, etwas nach 10 Uhr, den Angeschuldigten in sehr verdächtiger Weise an dem abgebrannten Anwesen angetroffen zu haben. Außerdem fiel erschwerend in's Gewicht, daß der Abgebrannte der einzige Concurrent Moser's in dem Städtchen und der ganzen Amgegend war.' David behauptete, daß er die beiden Zeugen kurz nach 10 Uhr an der Scheuer betroffen, er aber ruhig seines Weges weitergegangen wäre. Um halb elf Uhr sei er bereits zur Ruhe gegangen, was seine alte Haus' hälterin bezeugen müsse. Es stand also Aussage gegen Aussage. Bei der Gerichtsverhandlung wurde David zwar freigesprochen, aber nur wegen — Mangel an Beweisen. Don dieser Zeit ab wollte aber kein christlicher Einwohner mehr mit David Moser verkehren; sie wichen ihm bei jeder Gelegenheit aus und ließen ihn fühlen, daß sie von seiner Schuld — trotz der Frei-' sprechung — überzeugt seien. Dieser ungerechte Verdacht brachte den jungen Mann fast zur Verzweiflung. Da war es Sarah, seine Verlobte, die ihm Trost zusprach, und ihn aufrüttelte aus dem Tiefsinn, dem er zu verfallen drohte.-,- Da — eines Abends nach Sabbat-Ausgang — durchtönte abermals der Schreckensruf „Feuer. Feuer!" das Städtchen. Es brannte ein großer Strohhaufen, der auf einem Grundstück saß. welches an das Vesitzthum David Moser's' grenzte. Bei dem heftigen, fast orlanstarken Winde war das Anwesen Moser's auf's höchste gefährdet, da dieser Sturm einen wahren Funkenregen dorthin trieb. Es war ein schaurigschöner Anblick, dieses lodernde Feuermeer. Tausende von Menschen umstanden die Feuerstelle, doch Niemand rührte sich. Rettungsarbeiten zum Schuhe der bedrohten Gebäulichkeiten zu machen, im Gegentheil riefen einige Stimmen aus der Menge heraus: „Setzt ibm den rothen Hahn auf das Dach! Dem Vrandstifter, dem elenden Juden, denn er hat auch dieses Feuer angesteckt!" Der brennende Strohhaufen gehörte nämlich den Eltern des als Zeuge gegen ihn aufgetretenen Burschen. Als einige Glaubensgenossen sich anschickten. Wasser herbeizuschaffen, wurde dasselbe von der johlenden Menge wieder ausqeschütiet. und machtlos und ohnmächtig gegen das verheerende Element, mußte David Moser zusehen, wie das Feuer in sein Anwesen übersprang. Jetzt leckten die Flammen bereits an einem an der äußersten Ecke des Hofes stehenden Stallgebände. DaS Vieh war zwar daraus entfernt worden, aber stand der Ställ erst in Flammen, dann gab es kein Hallen mehr für das Feuer, denn Gebäude hing an Gebäude, und Niemand seiner christlichen Mitbürger rührte sich zur Rettung seiner bedrohten Habe. „O Gott, o Gott, gibt es denn keine Rettung mehr?" stöhnte David Moser, händeringend und schier verzweifelnd in das Flammenmeer starrend. Da hallte ein mächtiger, langanhaltender Donner über das Städtchen hin. Niemand hatte in Folge des Brandes das Heraufziehen eines schweren Wetters beobachtet. Unheilschwangere Wolken jagten, sich ballend und austhürmend, pfeilschnell über das Gebirge heran. Der vorher orkanartige Wind hatte sich vollständig gelegt. Es trat eine unheimliche Stille ein, nur von dem Knistern des Feuers und ab und zu von dem dumpfen Grollen des Donners unterbrochen. - Die meisten der müßigen Zuschauer hatten sich gleich nach dem ersten Anzeichen des nahenden Gewitters in ihre Behausung geflüchtet, nur einige Glaubensgenossen blieben zurück und halfen David das bereits glimmende Dach des Stalles mit Wasser begießen, so daß jede Gefahr beseitigt wurde. Jetzt hörte man hoch in den Lüften ein dumpfes Sausen und Brausen. und kaum einige Sekunden später brach ein Unwetter über das Städtchen herein, wie keines seit Menschengedenken mehr stattgefunden. Blitz folgte auf Blitz und ein unaufhörliches, ohrenbetäubendes Donnern und Knattern erfüllte die Lust. Da — ein greller Blitz, ein furchtbarer Donner — es hatte eingeschlagen. Angstvoll sahen sich die Menschen an. — wen hatte es betroffen, — und wo?! Doch Niemand wagte sich auf die Straße, denn jetzt Hagelten taubeneigroße Eisflücke hernieder, alles znsommenschlagend, was in ihren Bereich kam. Dem einige Mi nuien anhaltenden Hagel folgte ein wolkenbruchartiger Regen, so daß nach kurzer Zeit die Wassermassen wie ein tosender, alles niederreißender Strom durch die Straßen des an einen Berg sich anlehnenden Städtchens schossen. Und immer noch folgte Blitz auf Blitz. - Donner auf Donner, als ob die Erde aus ihren Grundfesten gehoben werden sollte. Horch — was ist das? Wie klagend und wimmernd klangen die Töne der Nothglocke an die Ohren der in Angst und Schrecken versetzten Menschen. „Es läutet Sturm!" rief David den noch in seinem Anwesen befindlichen Glaubensgenossen zu. „Kommt. Männer, es sind vielleicht Menschenleben in Gefahr!" Und fort stürmte er hinaus in das tobende Unwetter bis an den Knieen im eiskalten Wasser watend, der Hauptstraße des Städtchens zu. Dort hatten sich bereits eine kleine Anzahl Männer eingefunden, die mit allen Zeichen des Schreckens nach dem etwas tiefer gelegenen Stadttheil hinsahen. Ein grausiger Anblick bot sich den Ankommenden da. als sie die Stelle erreichten. Auf dem Berge war ein Wolkenbruch niedergegangen und nun wälzte sich ein verderbenbringender, breiter Strom, alles vor sich