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Der Israelit · 1904-05-19 · Heft 39-40 (19.5.1904) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 39-40 (19.5.1904)
Date
1904-05-19
Page
– (sequence 19)
Language
German
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dem Städtchen hinausjagen würden." Und fo zogen fie unter Johlen und den unfläthigsten Schimpfereien hinter mir her." „Kinder, Kinder, wo soll das hinaus?" warf der Vorsteher sorgenvoll dazwischen. „Dieser Max Müller stört den jahrzehntelangen Frieden unseres Städtchens und Gott allein weiß, was daraus werden soll!" „So unerträglich wird's wohl nicht werden," warf David zur Beruhigung ein. „Schlimmskn Falles ziehen wir von hier weg!" „Ihr jungen Leute könnt das wohl, aber wir Alten, die wir hier mit jeder Faser unseres Herzens festgewurzelt sind, unser ganzes bisheriges Leben hier verbrachten — nein, nein, Gott verhüte einen solchen Ausgang." Seufzend wandte sich Moses Goldstein seinen heiligen Büchern zu, in ihnen Trost und Beruhigung suchend.- Es war gegen zehn Uhr. als. David das Haus seines zukünftigen Schwiegervaters verließ. Die Straßen des Städtchens lagen im tiefsten Dunkel, da noch keine öffentliche Beleuchtung vorhanden war, nur ab und zu drang ein Lichtschein aus einem Fenster irgend einer Wohnung, in der die Bewohner noch wachten. Gerade, als David in die Straße einbog, in der sein Anwesen lag, gewahrte er zwei dunkle Gestalten, die sich in verdächtiger Weise an der Scheuer eines Glaubensgenoffen zu thun machten. In dem einen erkannte er seinen Widersacher Max Müller. David ging ruhig seines Weges weiter, ohne die beiden zu grüßen. Zu Hause angekommen, gab er der auf ihn wartenden alten Haushälterin, Martha, noch einige Aufträge für den nächsten Morgen, da er Geschäfte halber frühestens in eine benachbarte Stadt reisen müßte, und begab sich dann zur Ruhe. Die Eltern David's waren einige Jahre vorher kurz nacheinander gestorben, ihrem einzigen Sohne ein gutgehendes Eisenwaaren- und Landesprodukten-Geschäft hinterlassend, das er mit einem zuverlässigen Gehilfen in schwunghafter Weise betrieb. Außerdem bewirthschaftete er den nicht unbeträchtlichen Landbesitz, auf dem er ausschließlich Getreide baute. Es war gegen zwölf Uhr Nachts, als David durch heftigen, von der Straße heraufdringenden Lärm aus seinem Schlas aufgeschreckt wurde. „Feuer! Feuer!" tönte es in gellenden Rufen durch die Nacht. In kürzester Zeit war David angekleidet und eilte nun die Treppe hinunter, um. wie es jedes Bürgers Pflicht war, dein« Löschen de? Brandes zu helfen. Kaum hatte er die Straße betreten, als er auch schon den Herd des Feuers erblickte. Es brannte dos Anwesen desselben Glaubensgenossen, bei dessen Scheuer er einige Stunden vorher die beiden jungen Leute in so verdächtiger Weise angetroffen hatte. Zn retten war da allerdings nichts mehr. Denn die mit Getreide gefüllte Scheuer war bereits ein brodelndes Feuermeer und es galt nur noch, das Feuer auf seinen Herd zu beschränken. Als David die Brandstätte erreichte, traf er schon eine große Anzahl hilfsbereiter Bürger an, die sich wunderten, daß er erst jetzt erscheine, da er doch so nahe wohne. „Ja, ja," warf des Bürgermeisters Sohn dazwischen, „wenn es nicht gerade der einzige Concnrrent wäre, dessen Habe abbrennt, dann allerdings wäre David Moser schon eher am Platze gewesen, aber —" „Schweigt mit Euerem Lügenmund!" brauste David auf. „Wer weiß, wem das Feuer zu verdanken ist?" Und er trat dicht an Max Müller heran. „Ich Hab' Euch wohl erkannt, als ich am Abend hier vorbeiging." ' Der Angeredete zuckte zusammen, faßte sich aber sogleich wieder und sprach in höhnischem Tone:' „Ja. es thut hier im Städtchen wirklich noth, daß man hie und da einzelne Straßen spät abends noch einmal abpatrouillirt,' cs wäre vielleicht schon manches Bubenstück unterblieben, das obendrein andern, und zwar Unschuldigen, in die Schuhe geschoben wurde!" „Was wollen Sie damit sagen," fuhr David auf Max Müller los. „Das werden Sie morgen schon zeitig genug erfahren, bis dahin müssen Sie sich noch gedulden," entgegnete Max Müller boshaft. „Achtung! Platz da!" schallte die Stimme eines Fuhrmannes, der ein gefülltes Wasserfaß auf einem Wagen heranbrachte. Das Feuer nahm, trotz der geradezu unmenschlichen Anstrengungen der Bürger, stetig zu. Und in demselben Augenblick, als die Scheuer »n sich zusammenstürzte, sprang das alles verzehrende Element auf das Wohngebäude über. In kurzer Zeit stand auch dessen Dachstuhl in Hellen Flammen. Das Haus brannte bis auf die Mauern ebenfalls ab; erst jetzt war des Feuers Macht gebrochen, und die erschreckten Bürger konnten, nachdem eine Brandwache aufgestellt war, ihr Lager wieder aufsuchen. Des andern Morgens in aller Frühe durcheilte die Kunde das Städtchen: David Moser sei, der Brandstiftung dringend verdächtig, verhaftet worden. Der Sohn des Bürgermeisters und ein Freund desselben, hätten die Anzeige gemacht. Ter Vorsteher der Gemeinde berief eine Versammlung ein. um Stellung gegen diese ungeheuerliche Beschuldigung zu nehmen. Alle waren sich darüber einig, daß David unschuldig sei, und die Anzeige nur ein neuer Streich dieses Judenhassers Max Müller gegen die jüdische Gemeinde wäre.

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