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Der Israelit · 1904-05-19 · Heft 39-40 (19.5.1904) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 39-40 (19.5.1904)
Date
1904-05-19
Page
– (sequence 18)
Language
German
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846 Mehrere Bürger verpflichteten sich, nächtliche « Patröuittiengänge zu machen, und auch unter diesen waren wieder vorwiegend Juden vertreten. Von dieser Zeit ab unterblieb zwar jedwedes ähnliche Vorkommniß. aber fortgesetzt wurde die Bürgerschaft durch gegen die Juden gerichtete Flugblätter und Schmähschriften aufgehetzt. Etliche Wochen nach den oben geschilderten Vorkommniffen sag der Vorsteher der Gemeinde, Moses Goldstein. mit seiner Familie, bestehend aus Frau und zwei Töchtern, Sarah und Judith, beim Abendessen zusammen. Nach verschiedenen allgemeinen Gesprächen brachte Moses Goldstein die Rede auf den Bürgermeisterssohn. „Ich befürchte," sagte er, „wir sehen hier im Städtchen einer unruhigen Zeit entgegen. Bürgermeisters Max wühlt und hetzt fortwährend, öffentlich und heimlich, auf die hiesigen Glaubensgenossen, und die böse Saat beginnt bereits aufzugehen, denn als ich heute Nachmittag dem Knecht Jean über die schlechte Futterstreu für's Vieh Vorwürfe machte, sagte dieser mir frech in's Gesicht hinein: „Für das Vieh eines Juden ist die Streu grade gut genug." Ihr könnt Euch denken, daß ich über eine solche Antwort eines Knechtes empört war; ein Wort gab das andere, und schließlich mußte ich demselben die Thüre weisen. Beim Weggehen rief er mir noch zu: „Wart nur, Blutsauger, wir rechnen bald ab!" Aber mit dem einen Fall war's noch nicht genug! Ich schickte sofort die Magd herum, um einen neuen Knecht herbeizuschaffen — aber Niemand fand sich, der bei mir eintreten wollte, selbst solche Arbeitslose lehnten ab, die früher sich förmlich dazu drängten, bei mir in Stellung zu treten. Auch unser übriges Gesinde steckt bereit die Köpfe zusammen und tuschelt sich heimlich zu. Ihr werdet sehen, meine Lieben, es bereitet sich etwas vor!" „Weil Du gerade von Bürgermeisters Max redest,, lieber Vater," warf Sarah, die ältere Tochter, ein, „so muß ich Dir kund thun, daß dieser junge Mann mir in aufdringlichster Weise nachstellt. Ich habe ihn schon mehrmals energisch in seine Schranken gewiesen, aber immer wieder lauert er mir auf, und kaum setze ich d?n Fuß vor die Thüre. io ist er gleich hinter mir drein. Ich habe ihm sogar gestern gesagt, er möge mich dock mit seinen faden Schmeicheleien verschonen; außerdem sei ich ja schon mit dem jungen David Moser verlobt. Da geberdete er sich wie wüthend und schwur, daß er schon dafür sorgen werde, daß aus dieser Heiraih nichts werde. Was soll ich nur machen, lieber Vater, um den lästigen, aufdringlichen Menschen loszuwerden?" „Gehe vorerst nicht mehr aus dem Hause, liebes Kind! Dieser Wüstling ist zu allem fähig. Du mußt auch Deinem Verlobten, David Moser, Kenntnitz davon geben, daß er sich vor diesem ränkesüchtigen Menschen in Acht nehme." „Gewiß, Vater, David muß jeden Augenblick eintreffen, dann werde ich ihm Mittheilung machen." Das Mädchen trat bei diesen Worten an's Fenster und schaute erwartungsvoll die Straße entlang. Sarah war eine herrliche Erscheinung. Ihr wahrhaft klassisches Profil mit blitzenden, schwarzen, schier unergriindlicken Augen umrahmte eine überreiche Fülle dunklen Haares. Die Gestalt zeigte eine gewisse Rundung der Formen, die der Größe ihres Körpers nur zum Vortheil gereichte. In diesem 'Augenblicke wurden laute, schreiende Stimmen von der Straße her laut. Ein Trupp junger Burschen hatten einen Mann umzingelt, diesen mit Schimpsworten und Drohungen am Weitergehen verhindernd. Kaum hatte das Mädchen einen Blick auf die Gruppe geworfen. als sie auch schon eilenden Laufes zur Thiire hinausstürmte, das Hofthor aufriß und resoluten Ganges auf die tobenden jungen Burschen losschritt. „Was geht denn hier vor?" herrschte sie dieselben an. „Schämt Ihr Euch nicht. Sechs gegen Einen! Und auch Sie. Herr Müller, des Bürgermeisters Sohn, bethciligen sich an solchen Skandalszenen?" Der also Angeredete senkte beschämt den Kopf. '..Kommt, Kameraden," sagte er zu den Burschen, „aufgcschoben ist nicht aufgehoben!" Und einen' haßerfüllten Blick auf den begünstigten Nebenbuhler werfend, trat er einige Schritte zurück. „Warum, was soll das heißen? Hat Euch David Moser etwas zu Leide gethan?" fragte das Mädchen. „Laß sie doch. Sarah." warf David, der blitzenden Auges inmitten des Kreises stand, ein, „ich werde schon mit ihnen fertig. Meine Schuld ist einzig und allein in ihren. Augen, daß ich — Jude bin." Die stärnmige, kraftvolle Gestalt des jungen Mannes schien die Gegner in Respekt gehalten zu haben, so daß sie nicht wagten, zu Thätlichkeiten überzuaehen. sie hatten sich aber, aufgehetzt durch des Bürgermeisters Sohn, zu den rohesten Insulten hinreißen lassen. Sarah nahm den Arm David's in den ihren und schritt mit ihm an den Burschen vorbei in das Hans zurück. „Wie ist denn das gekommen, lieber David?" frug sie ihren Verlobten, als sie das Zimmer betraten. „Ich kenne den eigentlichen Grund gar nicht. In der Obergaffe begegnete ich den Raufbolden. Ohne jede Veranlassung singen sie an, mich, in gemeinster Weise zu beschimpfen. Ich frug sie ganz erstaunt, was ihr Schimpfen eigentlich bedeute, ich hätte ibnen meines Wissens doch nichts zn Leide gethan. „Was das bedeute," schrieen sie mich an. „das bedeute, daß sie uns Wucherjuden. Halsabschneider und Christenmorder aus

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