Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 39-40 (19.5.1904)
- Date
- 1904-05-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Niv M MI für das rthodsxe abqti-a^W 00 $r 40. 19. Mai 1904. < [»*. 14 ilf®. Line Schowuaus-Lrzählung von <Lmit Knegten—M a i n z. In dem schönen, herrlich gelegenen, sächsischen Städtchen M. befand sich im Jahre 18 . . eine kleine jüdische Gemeinde, deren Mitglieder, hochgeehrt und geachtet von ihren nichtjüdischen Mitbürgern, in Ruhe und Friede ihren Geschäften nachgehen konnten. Denn bis in diesen stillen, friedlichen Winkel war das Gift des Antisemitismus noch nicht gedrungen, hatte die Gemüther der Andersgläubigen noch nicht verseucht, und so kam es, daß die jüdischen Bürger selbst zu allen möglichen Ehrenämtern berufen wurden. Eines Tages traf der Sohn des Bürgermeisters, der in der Hauptstadt seinen Studien abgelegen und wegen seines ausschweifenden. Lebens' Wandels und seines rauflustigen Charakters relegirt wurde, im Städtchen wieder ein, um nun seine verwerfliche Lebensweise auch hier, wenn auch in anderer Art, fortzusetzen. Es war ein zudringlicher Mensch, der, gestützt auf die hohe Stellung seines Vaters, sich gar viel erlaubte, und bald liefen vcn allen Seiten Klagen über den jungen Mann ein, die aber von dem gestrengen Herrn Bürgermeister mit der Aeußerung: „leicht verzeihliche Jugendstreiche", stets abgewiesen wurden. Zum Theile aber waren dem hinterlistigen jungen Manne selten oder gar nicht jene Streiche direkt nachzuweisen. Des Bürgermeisters Einziger war der Abgott seines DaterI, nach dessen Meinung ein Ausbund von Gescheidtigkeit, und nur die Kurzsichtigkeit der neidischen Mitmenschen wollte dies nicht anerkennen. Fast jeden anbrechenden Morgen durcheilte das früher so friedliche Städtchen eine neue Skandalgeschichte, oder es war irgend ein Bubenstreich ausgeführt worden, so daß schließlich die Bürger in stetiger Angst und Aufregung lebten, daß auch sie einmal das Opfer irgend einer Unthat werden würden. In der jüngsten Zeit waren nun ausschließlich die Juden, im Städtchen das Ziel aller möglichen Schandthaten. Bei dem einen war über Nacht fast die ganze Seite seines Daches abgedeät worden, die Ziegel wurden auf dem Grunde des Weihers hinter dem Städtchen aufgefunden, dem anderen wurde durch Ausroden eines jungen Weinberges ein kolossaler Schaden zugefügt, ein dritter Glaubensgenosse fand eines Morgens seine Obstbaumschule durch Anhauen und Abbrech^n der jungen Bäumchen total vernichtet, so daß eine mühselige, jahrelange Arbeit mit einem Schlage vernichtet wurde, kurz, die Freveltbaten häuften sich in geradezu erschreckender Weise, so daß die Bürger, vorwiegend veranlaßt durch die jüdische Gemeinde, eine öffentliche Versammlung einberiefen, um über die Mittel und Wege zu beratbcn, damit der oder die Urheber all dieser ruchlosen Unthaten eruirt und dem strafenden Arme der Gerechtigkeit überliefert würden. Falt unverblümt wurde auf den Sohn des Bürgermeisters, als den Anstifter dieser himmelschreienden Schandthaten, hingewiesen; denn allem Anscheine nach mußten es mehrere Personen sein, die nach einem regelrechten Plane verfuhren.