Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 39-40 (19.5.1904)
- Date
- 1904-05-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450023--60669-2521629- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
833 die großen Betrage, die, obwohl ebenfalls aus jüdischen Taschen geflossen, doch als von Juden herruhrend nicht ausdrücklich bezeichnet sind, da sie zusammen mit nichtjüdischen Spenden in den allgemeinen Tagesblättern veröffentlicht wurden. Auffallend ist der Patriotismus der jüdischen Aerzte, welche in großen Schaaren Frau und Kind verlassen, um sich im fernen Osten dem Vaterlande zur Verfügung zu stellen. So sind aus Charkow am 15. März zwölf Aerzte — lauter Juden — nach dem Kriegsschauplätze abgegangen. Von den 67 Aerzten, die am 20. März Warschau verließen, um in der Mandschurei ihrem Vaterlande zu dienen, waren 50 Juden und nur 17 Christen. Dieser so stark zu Tage getretene Patriotismus ist um so bemerkenswerther, als die im Ansiedelungsrayon lebenden Nichtjuden sich keineswegs durch besondere Opferfrendigkei! auszeichnen. Ihr Patriotismus reicht nur zu billigen Straßenkundgebungcn mit dem obligaten Gejohle und gelegentlichen Ausschreitungen aus. Ihre Aerzte bleiben hübsch zu Hause und ihre Sammlungen für das Rothe Kreuz bleiben weit hinter den der Juden zurück. So wurde in Lippowitza, einem Städtchen im Gouvernement Kiew, an einem Sonntag gleichzeitig in der einzigen Synagoge des Städtchens und in den beiden Kirchen gesammelt. Die Samnilung in der Synagoge brachte 102 Rubel, die in den Kirchen ganze 3 Rubel und 93 Kopeken. Trotz dieses in so elementarer Weise zu Tage getretenen jüdischen Patriotismus, der selbst die Behörden gerührt und sie veranlaßt hat. den Juden mancher Ortschaften von der Kanzel herab feierlich den Dank des Kaisers auszusprechen, können die berufenen Vertreter des russischen Antisemitismus selbst in diesen für Rußland so schweren Tagen es nicht unterlassen, gegen die Juden in frechster und verlogenster Werse zu hetzen. Der elende Kruschewan. der in seinem ganzen Leben noch niemals eine einzige Kopeke für sein Vaterland geopfert hat. sowie der Geschäftsantisemit Suworin. welcher durch eine 25-jährige, fvstematisch betriebene Judenhehe sich von einem armseligen Zeitungsschreiber zu einem schweren Rubelmillionär emporgeschwungen hat, werden nicht müde, das über Rußland hereingebrochene Unglück zu einer willkommenen Judenhetze zu mißbrauchen. Die Juden werden mit den Japanern identifizirt und dem Volke als die Helfershelfer denunzirt. Herr Menschikow von der «Nowoje Wremja" nennt die Japaner „die Juden des Ostens", während der edle Kruschewan die Juden nicht anders wie «Japaner mit Pries" nennt. Zur Ebre der Wahrheit muß hervorgehoben werden, daß die Re- ' gierung diesmal den Hetzereien völlig fernsteht. Herr v. Plehwe ist viel zu klua und ein viel zu guter Patriot, um bei diesen schlechten Zeiten sich leichtfertig die Sympathien der Juden zu verscherzen. Die Regierung tritt daher den ausgestreuten Gerüchten, namentlich tvenn sie gegen einzelne namhaft gemachte Juden sich richten. offiziell entgegen und droht sogar hie und da. gegen die Hetzer auf Grund des Belagerungszustandes vorzugehen. Trotzdem wird die Verhetzung der verschiedenen Bevölkerungsklassen gegen einander in Rußland nicht eher aufhören, als bis den Kruschewans. Suworins und Komarows ein Maulkorb aufgesetzt wird. Es kann doch der Regierung nicht gleichgiltig sein, ob die Juden, welche gegenwärtig schon in der Stärke von 30,000 Mann im fernen Osten vor dem Feinde stehen, gewissenlos verleumdet und gebrandmarkl werden. Eine Wiederholung der Ereignisse von. Kischinew könnte für Rußland zur jetzigen Zeit schlimmere Folgen als eine verlorene Schlacht haben. ' Marokko. Seffrou. In einem Briefe dom.11. März de? «richtet Herr Valadji, Schuldirektor in Fez, über die mißliche Lage der Juden in Seffrou wie folgt: «Ihnen dürfte wohl bekannt sein, daß die Gemeinde Seffrou unter der Verwaltung des Caid Omar el Joussi steht. Man kann sich kaum einen Begriff von der Tyrannei dieses Herrschers machen, den der Sultan selbst fürchtet, denn er weiß, daß er über mächtige und aufrührerische Stamme verfügt, die er unumschränkt beherrscht und im Zaume hält. Während sich alle übrigen Stämme gegen die Herrschaft des Sultans in letzter Zeit auflehnten, blieben die Joussis allein in Frieden, nicht aus Ehrfurcht vor ihm, sondern aus Angst vor ihrem Caid Omar el Joussi. Mit einem solchen Manne haben es die armen Juden aus Seffrou zu thun. Er behandelt sie wie wahre Sklaven. Will er sich ein Haus bauen lassen, so schickt er seine Leute in das Mellah, wo so viele Handwerker, als der Caid haben will, aufgegriffen werden: dazu muß noch die jüdische Gemeinde Ziegel, Kalk und Holz ihm liefern. Will er schlechtes Kory los werden, das auf seinem Boden verfault, so n'öthigt er die Juden, ihm dasselbe abzukaufen, und wenn sie bei desien Verzehrung erkranken sollten, was augenblicklich der Fall ist. Will er Oliven pflücken lassen, so ertbeilt er den Bewohnern des Mellabs den Befehl, sich in seine Güter zu begeben, um die Arbeit ohne jede Belohnung zu verrichten. Wenn er Sattel. Safe. Saumthiere, u. s. w. braucht, so wendet er sich ebenfalls du die Juden, die sich in seine Willkür fügen müssend Sie wagen sich nicht einmal über diese ihre Lage vor denr Sultan Klage einzulegen, sollte nämlich El Joüse.dä«! von erfahren/ so würde er sie noch grausamer be«' handeln.- ‘ r!V- . .,, : •: - * Jedoch muß alles ein Ende haben. Viele' Juden starben an den Kraukheisrn. die das ^schleHe' Horq'.rr/ zeugt hatte. Ferner machte ihnen der 'Preis der Lebensmittel das Leben unmöglich. Einige vornehme