Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 39-40 (19.5.1904)
- Date
- 1904-05-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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spruch. Auf der einett Seite der nie rastende Körper, auf der anderen der müßige Geist, auf der einen Seite der von Schweiß triefende irdische Mensch, auf der anderen der in Unthätigkeit und Trägheit versumpfende und verkommende geistige Mensch. Es war dadurch der ganzen Schöpfung der Stempel des Unfertigen. Unausgeglichenen und Unharmonischen aufgedrückt. Mit nun |xio wurde auch diese letzte Spur des Unvollkommenen aus der Welt geschafft. Der Mensch erhielt am Sinai das Mittel, das seinen Geist erziehen und durchbilden sollte, sein Geist erhielt dort seinen Inhalt und seine Aufgabe, die ihn für ewige Zeiten vollauf beschäftigen sollten. Der Mensch erhielt seine Thora, die ihrer Unendlichkeit und Unermeßlichkeit wegen allein geeignet ist, den Menschengeist für ewige Zeiten mit immer neuen Inhalten und Gedanken zu füllen, die ewig neu und jung bleiben, die den Menschen immer und immer wieder anziehen, die ihn noch am letzten Tage seines Lebens Neues zu bieten wissen, die seinen Geist und seinen Verstand in steter Spannung zu erhalten verstehen — und die darum allein geeignet sind, lebengestaltend und lebenerfüllend zu wirken, vb P'M 1 "tp onöTjn Alles Erschaffene schwebte und stand bis zum sechsten Siwan. Auf der einen Seite war ein stetes Schweben zu bemerken; der Mensch gönnte seinem Körper keine Rast, keine Ruhe und keine Erholung, er flog von einer Arbeit zur anderen, die eine Thätigkeit löste die andere ab. die eine Mühe wurde von der anderen überholt — und d’iötjm auf der geistigen Seite ein Stillstand, eine dumpfe und stumpfe Gleichgültigkeit, eine gähnende Leere und furchtbare Oede, die dem ganzen All das Zeichen der Unausgeglichenheit aufprägte. Es war noch ein schreiendes Mißverhältnis zwischen den zwei Hälften des Menschen da; hier vwbn eine stete Unruhe, dort b'tbw eine fühllose Unbeweglichkeit, hier ein Sichüberstürzen, dort ein Sichgebenlassen. hier eine Ueberfülle, dort eine klaffende Leere, hier rastlose Thätigkeit, dort Grabesrrihe, hier fruchtbarer Fortschritt, dort unfruchtbare Stagnation, bis dann der sechste Siwan diesem Zustande ein Ende machte. Der Geist erhielt dort seine Schwingen, die zu entfalten feine Aufgabe geworden, der' Mensch dort seine Flügel, die zu gebrauchen ein Gebot der Selbsterhaltung ist. Am Sinai wurde jener merkwürdige Parallelismus geschaffen, wonach ein jedes Geschehen auf der einen Seite seinen Grund in einem Geschehen auf der anderen Seite hat. von dort stammt jene merkwürdige Arbeitstheilung im Hcmshalte der Menschheit, nach der sich Geist und Körper freundnachbarlich in der aufgehäuften Masse der Arbeit theilen. von dort jenes ordnende Prinzip, das auch der Thätigkeit des Körpers Grenzen seht und alle Arbeit in planmäßig symmetrische Ordnung bringt. Man kann ruhig behaupten, daß seit der Offenbarung am Sinai der Schwerpunkt aller Arbeit nach der geistigen Seite verlegt wurde. Unser ganzes Leben und unsere ganze Entwicklung erfuhren eine derartige Durchgeistigung. daß unsere Entwicklung mehr eine solche des Geistes als der körperlichen Geschehnisse ist. In all unseren Thaten ist eine vernehmbare geistige Oberströmung zu beinerken, der Flügelschlag jener Flügel, die wir am Sinai erhallen haben. Diese Flügel nun haben -die Eigenart, daß sie desto kräftiger und stärker werden, ie mehr sie gebraucht werden, sie erhalten ihre Elastizität nur durch fortwährende Bewegung und sie werden schlaff und müde, wenn der Mensch sich zur Vorsinaitischen Unthätigkeit verurtheilt, sie werden schwach, wenn sie zur Ruhe gezwungen werden und senken sich beim Stillstand derer, denen sie zum Gebrauch übergeben worden sind. pre» nrsin eis». Beim Stillstand, ruft die Gottesstimme, senken sich die Flügel, die die Menschen tragen und erheben sollten, rr» »anwn Toipoo h -nna -p-Q Sna rwn nn« sorw. Mich aber, so schließt der Porphet erhebt und trägt der Geist und weit hinter mir höre ich ein großes Getöse, gepriesen sei Gott von seinem Standorte. Der Geist erhebt uns über den Lärm des gewöhnlichen Lebens und führt uns vorwärts. Unsere Zeitgenossen schwärmen immer für den Fortschritt, für die Entwicklung, nur vergessen sie immer, daß Fortschritt an sich ein leeres Wort ist. ein Schall, gut genug, um der Masse als Köder vorgeworfen zu werden, ein Irrlicht, das blenden, aber nicht erleuchten kann. Wohin wollen unsere Zeitgenossen sich und die Menschheit entwickeln, wo ist das Ziel, dem sie zustreben? Uns führt der Geist und wir schreiten fort auf der Bahn der Erkenntniß. sie führt uns zur Bekennung des einen einzigen Wesens und läßt uns Ihm danken, der unseren Geist aus seinem fchlafahnlichen Zustande erweckte, der ihm die Schwingen gab, die zu gebrauchen nun seine vornehmste Bestimmung und seines Lebens heiligste und lohnendste Aufgabe geworden, der uns durch seine Thora seinen Weg zeigte, den Weg des Lebens und des Fortschritts zu dem Ziele, für das er uns und die Welt erschaffen hat und h i n t e r uns in rückwärtsschreitender Bewegung begriffen, müht sich die übrige Menschheit. Und uns trägt und schützt der Geist und die Töne des Hasses, des Hohnes und Spottes hören wir hinter uns. Hier ist die Lösung der Frage, die wir gestellt. Wir sind Träger des Geistes und der Geist trägt uns.- Als Gott am Sinai Sein Volk um den Berg schaarte. als das Volk mit Spannung und Ehrfurcht auf den rauchenden Berg blickte, mit Zittern und Beben den rollenden Donner hörte, als es beim Anblick der Blitze zagte, da zeigte Gott dem Volke, daß die Gefahren einem zum Einstürze bereiten Berge gleich über ihrem Haupte schweben ivr» *n im daß sie unbedingt umkommen müssen, wenn nicht Seine Thora sie schütze. Und dieser nva .m schwebt noch immer über unserem Haupte. Bitter ist der Haß der Volker, der