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Der Israelit · 1904-05-16 · Heft 38 (16.5.1904) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 38 (16.5.1904)
Date
1904-05-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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. 817 einen gangbaren Weg zur Aufbringung und gerechten Vertheilung der betr. Mittel angegeben. Auch in Betreff anderer organisatorischer Forderungen der Neuzeit dürfte die K. isr. Oberkirchenbehörde mehr Initiative an den Tag legen. Wir nennen hier Abschaffung, resp. Ablösung der Stolgebühren. eine Forderung, welche die Evangelische Kirchenbehörde stramm durchgeführt hat. Schon im Jahre 1865 stellten die Orthodoxen Württembergs in ihrem Organisationsstatut diese Forderung auf. Heute ist ihre Erfüllung möglich, weil — wie oben bemerkt wurde — ein Vorgang geschaffen ist, und weil der Gedanke in Rabbiner- und Lehrerkreisen zahlreiche Anhänger findet. Oesterreich. Wien. (Konfessionelle Wohlthä- 1 higkeit.) Der Haustier Jakob Kästenbaum war des Betruges angeklagt, weil er beim Sammeln von Spenden für einen wohlthätigen israelitischen Verein sich nicht nur an seine Glaubensgenoffen, sondern auch an C h r i st e n wendete. Der Angeklagte hatte im Jahre 1900 die Bewilligung erlangt, für einen israelitischen Krankenverein Spenden zu sammeln. Nach der ihm vom Vereinsvorstande ertheilten Instruktion sollte er jedoch nur bei Glaubensgenosten sammeln. Kästenbaum sprach jedoch auch in der Hernalser Hauptstraße bei einzelnen christlichen Geschäftsleuten vor, und deßhalb war er in Folge Anzeige des Spielwaarenhändlers Rudolf Lehner wegen Betruges angeklagt. Er gab an. daß er seiner Instruktion gemäß nur bei Glaubensgenossen sammeln dürfte und nur durch Jrrthum hiergegen gefehlt habe. — Richter: Sie sprachen aber auch in christlichen Geschärten vor? — — Angeklagter: Das kann schon sein, in Wien kann man die Juden von den Christen nicht unterscheiden. (Heiterkeit.) — Der Richter bemerkte zum staatsanwaltschaftlichen Funktionär: Ein Schwinde! liegt Wohl in dem Vorgehen des Angeklagten nicht vor; wer für wohlthätige Zwecke etwas hergibt, fragt nicht nach der Konfession der zu betheilenden Personen. — Staatsanwaltschaftlicher Funktionär: Nicht Jedem wird es gleichgiltig sein, für welche Zwecke seine Svende verwendet wird. — Der Spielwaarenhändler Rud. Lehner, welcher die Anzeige gegen den Angeklagten veranlaßte, erklärte als Zeuge, daß er dem Angeklagten nichts gegeben habe und auch nichts für einen jüdischen Verein bergeben würde. — Richter: Was hat der Angeklagte gesagt, als er bei Ihnen vorsprach? — Zeuge: So viel ick mich erinnern kann, sagte er. daß er für Kranke sammle^ — Richter: Woher sollte der Angeklagte wissen, daß Ihr Geschäft ein christliches ist? — Zeuge: Das mußte er sofort erkennen. — Richter: Woran denn? — Zeuge:: An der Solidität der Auslage. (Heiterkeit.) — Richter: Ich selbst habe, Herr Zeuge, in Ihrem Geschäfte Spielwaaren gekauft, und wußte bis heute nicht, ob Ihr Geschäft ein jüdisches oder christliches ist. — Zeuge: Der Name Lehner ist doch gewiß ein arischer. — Der Zeuge Max Kusla erklärte, daß er, trotzdem er Christ sei, dem Angeklagten beim Absammeln einen Kreuzer gab. und es ihm egal sei, ob das Geld für christliche oder jüdische Zwecke verwendet werde. — Der siaatsanwaltschaftliche Funktionär beautragie die Bestrafung des Angeklagten wegen Uebertretung des Betruges. Der Richter sprach den Angeklagten frei, da durch das Vorgehen des Angeklagten Niemand geschädigt oder irregeführt worden sei. Ungarn? Budapest. Die Repräsentanz der Pester israelitischen Kultusgemeinde hielt vor einigen Tagen unter Vorsitz des Hofrathes Sigmund Kohner ihre Generalversammlung. Der Kostenvoranschlag für das Jahr 1904 präliminirt an Auslagen 1,269.253 Kr., an Einnahmen 1,240.015 Kr., in Folge dessen sich ein Defizit von 29.243 Kr. ergibt. Weiland Ignaz Wechselmann testirte der Kultus - Gemeinde 3,400.000 Kr. zu folgenden Zwecken: 1,400.000 Kr. für ein durch die Religionsgemeinde zu verwaltendes Vlindcninstitut, 2,000.000 Kr. aber für ein Lehrer- Pensionsinstitut. Beide Institute dienen zur Hälfte für Angehörige der israelitischen, zur anderen Hälfte der übrigen Konfessionen. Alexander v. Hatvany- Deutsch hat zum Andenken seiner Mutter und Gattin 200.000 Kr. für eine besondere Frauenabtheilnng im Spital der Kultusgemeinde gespendet. Frankreich. Paris, 12. Mai. Eben ist der Jahresbericht des hiesigen Rabbinerseminars erschienen. In einer sehr feinen und beredten Vorrede weist Herr Zadoc Kahn auf die hohe moralische Wirkung der Anstalt hin und ermahnt unsere Glaubensgenossen, sie thatlräitigst zu unterstützen. Es folgt darauf ein höchst interessanter Aufsatz des Herrn Israel L<*vi, der an der Anstalt jüdische Geschichte vorträgt, über die Geschichte der Juden in Frankreich. Herr Israel Levi, der in allen Fragen der jüdischen Geschichte höchst kompetent und weit über die Grenzen Frankreichs bekannt ist. weist darauf hin, daß die Geschichte der Juden in Frankreich nicht nur die französischen Juden, sondern das gesammte Judenthum interessirt. Denn vom zehnten bis zum vierzehnten Jahrhundert waren Frankreich und Spanien der Schwerpunkt des Judenthums, und noch heute folgt die jüdische Civilisation der Anregung, die ihr iw diesen beiden Landern gegeben wurde.*) Der Direktor der Anstalt,. Herr Rabbiner Lehmann, augenblicklich wobl ohne Zweifelnder beste Talmudkenner unter den französischen Juden, erstattet dann den Bericht über den in der Anstalt ertheilten Unterricht. Die Unterrichtsgegenstände sind:. Talmud. •) Nur schade, daß die fjcute,in Frankreich fabrieirten Rabbiner so wenig mehr den nißoin ’Tya gleichen. Red.

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