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Der Israelit · 1904-05-11 · Heft 37 (11.5.1904) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 37 (11.5.1904)
Date
1904-05-11
Page
– (sequence 19)
Language
German
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807 Wer den Mann mit feinem durchgeistigten Gesichte, mit seinen großen flammenden Äugen auf der Kanzel sah, wer ihn hörte, wie sein mächtiges Wort bald dem dröhnenden Donner glich, so er den Hochmuth und den dünkelhaften Stolz der Menschen beugen wollte, bald wie ein wuchtiger „Hammer, der Felsen zerschmettert", die Hartherzigkeit und die Selbstsucht traf. — bald sanft, melodisch, schmelzend klang, wie Horfenton aus Himmelssphären, wenn er den lindernden Balsam des religiösen Trostes in die blutenden Wunden des vom Schicksal Gebeugten träufelte; wer da sah, wie sein Auge sprühte, seine Gestalt stolz sich hob. wenn er von der Geschichte Israels, von seinen Propheten und Dichtern, seinen Weisen und Lehrern, seinen Helden und Märtprern, seinen Kämpfen und Siegen sprach: wie sein Antlitz sich verklärte, wenn er mit gläubiger Scheu in die Zukunft den endlichen Sieg des Rechtes und des einen, reinen Gottesalaubens auf Erden verkündete; der mußte sich faaen: Wahrlich, ein Zauber ruht auf den Lippen dieses Rednerfürsten; der mnsite es euerkennen. daß er ein Gottbegnadeter sei. auf dessen Livven der Engel der Beredsamkeit den Kuß der Weihe gedrückt, der von sich sagen tonnte wie der Prophet Jesajas: „Der Geist Gottes ruht auf wir. weil Gott m'.ck a-weiht. Heil zu künden." Ich habe die größten Meister der Rede, ich babe Mannheimer Jellinek. Meisel gehört, aber Hirsch vereinigte in sind all das. was diese Männer auszeickn-ie. Mit Mannheimer ibeilte er die hinreißende Maßt!<r Uninitte'lalkeit und des heiligen Ernstes, nur Jellinek den Gedan>'enreichthum und die meisterhafte Auslegung und Anwendung der Schriftverse und der Hagada, mit Meisel die tropischen Bilder und den dichterischen Schwung der Sprache. Und all diese Predigten sprach er frei, ohne sie je niedergeschrieben und vorbereitet zu haben. Es wäre das auch nicht möglich gewesen, denn oft predigte er drei Tage hinter einander, wenn nämlich ein Sabbat einem Feste voranging oder folgte. Man sah also gleichsam den Werdeprozeß, den Aufbau einer solchen Meisterrede. Da traf wie ein Blitz aus heiterem Himmel unsere begeisterte Iüngerschaar ein schwerer Schlag. Eines Tages verbreitete sich in der Gemeinde wie ein Lauffeuer das Gerücht, der Landesrabbiner habe seine Kündigung emgereicht und gehe nach Frankfurt am Main zu einer kleinen Fraktion, die sich von der dortigen Gemeinde losgesagt hat. Niemand wollte dem Glauben schenken. „Er wird doch nicht das erste Rabbinat des Kontinents, das Landesrabbinat von Mähren und Schlesien, ein wahrhaftes Fiirstenthum anfgeben? Und wofür? Für etwas, das noch gar keine Gemeinde ist?" So sagte sich alle Welt, und dennoch war es wahr, es war bereits eine unumstößliche Thalsache; der Entschluß des Landesrabbiners war unabänderlich. Es kamen Deputationen aus allen Gemeinden. Der berühmte Philanthrop Hirsch Kolisch, der Begründer der jüdischen Normalschule und des Taubstuvimen-Jnstituts in Nikolsburg, der später unter dem Direktor Tool Deutsch nach Wien übersiedelte, machte sich dem Landesrabbiner erbötig, er wolle, wenn der Rabbi bliebe, für jedes seiner Kinder — und er hatte schon damals fünf — den Betrag von zehntausend Gulden hinterlegen — es half nichts. Seine stereotype Antwort war: „Ich habe in Frankfurt mein Wort gegeben." Kolisch reiste nach Frankfurt, damit die Männer dort, die stch um den Rabbiner Hirsch bewarben, ihn seines Wortes entbinden. Sie wollten nicht und so verließ der Landesrabbiner seinen Ehrensitz, den er kaum fünf Jahre innehatte. Was der Beweggrund, seines aller Welt unfaßbaren Entschlusies aewesen sein mochte, konnte kein Mensch von ihm erfahren. Er war eine ernste, in sich gekehrte, durchaus nicht mittheilsame Natur und hielt' jede Vertraulichkeit von sich fern. Wahrscheinlich hatte er noch immer in Nikolsburg sich nicht heimisch gefühlt. Er stand eben an der Wende zweier Zeitverioden. Die neue Zeit war aekomwen, aber die alte, entschwindende warf noch immer ihre Schatten in die Geaenwart hinein, und er hatte auf Schritt und Tritt, bei jeder Neuerung, die er ins Leben rieß bei jeder Veränderung, die er vornahm, wenn sie auch reliaiös aerecktfertiat. ia. geboten war. aegen die unareifbaren Schatten der Vergangenheit zu kämpfen, neuen jene unsichtbare Macht: „das ewig Gestrige, was immer-war und immer wicderkehrt. und morgen gilt, weil's heute hat gegolten." Die Wahrheit dieses Satzes mußte Hirsch einmal an einem Jom Kivpur-Abend an sich erfahren, wo er in ganz gemeiner Weise öffentlich in der Synagoge von einem alten reichen Manne insnltirt wurde. Der Landesrabbiner hatte nämlich, entgegen dem alten Gebrauch, die Anordnung getroffen, daß das „Kol-nidre". das ist die Lösung von den Gelübden, welche der Jude bezüglich seiner Person auf sich nimmt, nicht wie bisher nach, sondern vor der üblichen Predigt vorgetragen werde, von der richtigen Erwägung geleitet, daß nach dem Religionsgesehe die Lösung der Gelübde nur am Tage, nickt aber in der Nacht vorgenommen werd-n darf. Wenn aber zuerst gepredigt wird, so wird Kol-nidre immer in der Nacht gesagt, was vorschriftswidrig ist. Aber der alte Schw., ein erbgeseffener „Balbos der Altschul", lehnte sich dagegen auf. „Lauter neue Sachen", schrie er. Was unsere Großen seit Jahrhunderten, was der heilige Nebbe R. Mordeckai Beneth, das Andenken des Frommen sei zum Segen, für gut befunden, das will der.

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