Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 37 (11.5.1904)
- Date
- 1904-05-11
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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806 hohe, ehrfurchtgebietende Gestalt des R. Mordechai Beneth im langen seidenen Kaftan, mit der hohen Pelzmütze auf dem Kopfe, begleitet von seinem Diener und einem seiner Schüler durch die Gaffe schritt und Frauen und Mädchen sich scheu zurückzogen, — ging „der Landrabbiner" Samjon Rafael Hirsch mit lurzgeschorenem Backenbart, in kurzem modernen Salonrock täglich spazieren und lüftete höflich den Hut vor jedem und — jeder Grüßenden. Während R. Beneth in seinem fünfzigsten Lebensjahre, sich von seiner Gattin, mit der er in ungetrübter Eintracht lebte, mit ihrem Einverständnisse deßhalb lossagte, um sein ganzes Leben ausschließlich der Thora, der asketischen Frömmigkeit, besonders aber dem Studium der Kabbala zu widmen, war die stete Begleiterin des Landrabbiners Hirsch bei seinen täglichen Spaziergängen seine Frau, was man mindestens sehr ungewöhnlich fand. Was Wunder, daß die Alten in der Gemeinde über einen solchen „Landruw" bedenklich den Kopf schüttelten und die Rabbiner Mährens, die alle noch zur alten Garde gehörten, in die Oberhoheit dieses Landrabbiners nur widerhaarig sich fügten. Nur der Boskowitzer Rabbiner Abraham Placzek und der Eibenschützer Rabbiner Beer Oppenheim hielten treu zu ihm. Bei dem feierlichen Empfang desselben gab sich auch diese Aversion durch folgende ebenso verfängliche als malitiöse Frage kund, welche der greise Pohrlitzer Rabbiner an Hirsch richtete. „Herr Landrabbiner!" — schon in diesem gemessenen,- amtlichen Titel statt des anerkennenden devoten „Rebbe“, Meister, lag der Mangel an Hochachtung —' „folgende Frage taucht soeben in mir auf. Es ist uns religiös geboten, wenn wir einen großen Gelehrten zum erstenmal sehen, durch einen Segensspruch Gott zu danken, „daß Er einen Strahl seiner Weisheit einem Sterblichen zu Theil werden ließ." Nun habe ich aber den Herrn Landrabbiner schon im Bilde gesehen, — ich frage daher: muß ich, ja darf ich diesen Segensspruch auch jetzt noch sprechen?" Die Frage war an und für sich nicht so leicht zu beantworten, aber die Malice lag darin, daß. aus derselben der Vorwurf herausklang, daß Hirsch zu dem Bilde gesessen, während die alten frommen Rabbiner sich stets geweigert hatten, im Bilde sich verewigen zu lassen. Hirsch ließ sich diese Opposition nicht nahe gehen, festen Schrittes, unentwegt, ohne nach rechts oder links abzulenken, verfolgte er sein Ziel, dem Prinzipe Geltung zu verschaffen, das in dem kurzen Satz sich zusammenfassen läßt: Altes, glaubenstreues Judenthum in modernem Gewände. Und darum galt Hirsch, der einige Jahre später der Begründer der Orthodoxie in Deutschland wurde, zur damaligen Zeit in Nikolsburg als Reformer. Es , war eben der Kampf der alten, untergehenden Zeit mit der neuen, die eben zu dämmern begann. Er verfaßte eine Synagogenordnung, in welcher er den Gottesdienst bis ins kleinste Detail regelte. Diese Synagogenordnung, welche in der Vorhalle aller jüdischen Bethäuser Mährens und Schlesiens affichirt wurde, war der Geßlerhut, vor dem die Rabbiner der Gemeinden in stillem, ohnmächtigem Grimme die Reverenz machen mußten. Er führte die Trauung im Tempel und die Trauungsrede ein. was bis dahin nirgends war und was bekanntlich die Orthodoxie Ungarns heute noch perhorreszirt und als schwere Sünde bezeichnet. Hingegen aber drang er darauf, daß bei einer Trauung die Frauen, mit Ausnahme der zwei Brautsührerinnen, auf der Frauengallerie Platz nehmen müßten; und als einmal, seinem Verbote entgegen, einige Frauen dennoch in den für Männer bestimmten Raum eindrangen, da unterbrach er seine Rede und wies sie mit strengen Worten hinaus. Neben dem Gymnasium besuchte ich die Talmud- Vorlesungen des Landesrabbiners. „Vorlesungen" — das ist die richtige Bezeichnung für diese Vorträge, die so ganz anders geartet waren, als diejenigen, die ich bisher gehört hatte. Auf dem Katheder stehend, „las" er eine ganze Seite Talmud vor. „Und nun wollen wir Raschi „lesen" — und nun wollen wir Taussefaus „lesen", während wir gewohnt waren, nach jedem einzelnen Satze des Textes zu sehen, was Raschi „macht" und was Taussefaus „fragt". Es ist wahrscheinlich, daß ich viel zu wenig reif war, diese Art des „Lernens" zu würdigen, aber nach Rabbi Quetsch mit seiner wunderbaren Geistesgymnastik, mit seiner verblüffenden Gelehrsamkeit, mit der er die scheinbar schärfsten Gegensätze in harmonischen Einklang zu bringen wußte — dieses ruhige, nüchterne „Lesen" ohne irgend eine Diskussion, ohne Einsprache und Gegenrede oon Seiten der Hörer, und noch dazu — was ich schon gar nicht fassen konnte — ohne den hergebrachten Singsang beim Talmudlernen, den ich als conditio sine qua non betrachtete, das war mir so fremd, so eigenartig, so wenig packend, daß ich — Gott verzeihe es mir — so rechte Langeweile dabei hatte und herzlich froh war, wenn „die Stunde" vorüber war. Ganz gewiß lag die Schuld nur an mir. Hingegen war ich begeistert, wahrhaft berauscht von den Predigten, die der Landesrabbiner allsabbatlich von 9—10 Uhr hielt, nicht im Rahmen des Gottesdienstes, welcher erst nach der Predigt seinen Anfang nahm, sondern zu einer Zeit, wo es den Besuchern aller I 12 Synagogen Nikolsburgs möglich war. in die „Alt- ' schul" zur Predigt zu kommen.