Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 37 (11.5.1904)
- Date
- 1904-05-11
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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808 Umstürzen! Das ganze Jahr sind wir keine Juden, sollen wir es Jom Kippur auch nicht sein?" Der Landesrabbiner verließ sofort die Synagoge und ging nach Hause, ohne an diesem Abende wiederzukommen. Die Aufregung hatte ihn zu sehr angegriffen. Der Beleidiger wurde mit hundert Gulden bestraft und durfte ein Jahr lang die Alischule nicht besuchen, was ihn um so empfindlicher traf, als er in der ersten Reihe seinen Sitz hatte. Wenn auch ein solch skandalöser Vorfall nur ein einziges Mal sich ereignete, so mögen doch kleine Nadelstiche, aus ähnlichen Motiven ihm versetzt, den Sitz in Nikolsburg ihm verleidet haben. Doch das war nur Vermuthung. Gewiß ist, daß Rabbiner S. R. Hirsch, von dem heiligsten Eifer beseelt, den Beruf in sich fühlte, die Sache des gesetzestreuen Judenthums in Deutschland. die damals sehr bedroht war, in seine starke Hand zu nehmen und ihr zum Siege zu verhelfen. Sein Idealismus ließ ihn an sich selbst vergessen. > Nicht mehr als 1). sage elf Mitglieder waren es. die seine neue Gemeinde in Frankfurt a. M. bildeten und an deren Spitze er sich stellte! Sein selbstloses! Streben aber ward mit dem glänzendsten Erfolge ge-! krönt. Um sein Banner scharten sich gar bald Hunderte : und Hunderte, seine religiösen Einrichtungen in Frankfurt. besonders die von ihm gegründete Realschule, wurden nrnstergiltig; die von ihm redigirte Monatsschrift »Jeschurun" ward zum beredten Verkünder seiner Ideen, und bald konnte er — wie Stammvater Jakob — von sich sagen: „Mit dem Wanderstabe zog ich ber. und nun bin ich — zu zwei Lagern geworden." j Denn seine Gemeinde hatte sich auch getheilt. Doch blieb er bis zu seinem Tode (1888) der unbestrittene Schöpfer und Führer der Orthodoxie in Deutschland. Wir aber, seine in Nikolsburg zurückgebliebenen Jünger, fühlten schmerzlich seinen Abgang, wir blieben „wie eine Heerde ohne Hirten". Mische Stadevlev in der modernen Eltterstar. Zwei Bücher liegen uns vor, die das Studentenwesen behandeln.*) Beide verurtheilen sie die heutigen studentischen Sitten, und beide gehen in schärfster Weise gegen den Duellunfug vor. Aber doch wie verschiedenartig sind diese beiden Werke. Das erste, ironisch von der ersten bis zur letzten Seite, behandelt das Schicksal eines Studenten, von dem Tage an. wo er das Gymnasium verläßt, bis zu dem Tage, an dem er im Pistolenduell wegen einer Nichtigkeit fällt und seine alte Mutter allein in Schmerz und Trauer zurückläßt. Das zweite Buch ist der erste Band einer Nomanserie. die die Geschichte einer Jugend in vier Bänden schildern soll. Ein abschließendes Urtheil über ihn zu fällen, ist daher heute noch nicht möglich, doch uns gehen ja weniger die Helden der Erzählung an, als die Art und Weise, wie Juden in ihnen behandelt werden. In ..den Memoiren eines Couleur-Studenten", die, wie schon gesagt, als einziger schreiender Protest gegen das deutsche Studentenwesen aufzufassen sind, ist vor allen Dingen charakteristisch, wie der Jude als Geldverleiher betrachtet wird. So heißt es einmal: »Nun bleibt also nichts übrig, als zum Juden zu gehen. Da habeich auch schon Geld aufgebracht. Der Kerl ist gar kein Jude, sondern ein heruntergekommener Adliger." DaS *) Abel»Musarawe. Kurt.Memoiren eines Couleurstudenten. 2. Aust. 156 S. Berlin c. 19. E. Heckendorff 1603. Stilgebanr. Edward. lSöp Krafit. Die Geschickte einer Jnqeno.l- Mit tausend Masten. 316 S. Br. Mk. 4.—. Berlin. Richard Bong. 1601. heißt mit anderen Worten, daß Wucherer gleichbedeutend mit Jude ist! Um wieder auf den jüdischen Studenten zurückzukommen, so tritt er uns in beiden Werken in zwei vollständig verschiedenen Typen entgegen. Einmal ist der Asiimilationsstudent geschildert, ein Protz, dessen einziges Ziel ist als vollberechtigt in den Reihen der christlichen Commilitonen ausgenommen zu werden. Dort begegnet man ihm mit Spott und Hohn und trotzdem er die größten Geldopfer bringt, ist er schließlich doch der Betrogene. Hierbei kann man unter den Studenten zwei Kategorien von Antisemiten unterscheiden, die Vertreter der einen mißhandeln den Juden, bevor er sich durch sein Geld den Eintritt in die Verbindung erkauft hat. hiernach aber schlägt ihre Stimmung zur^ kriechenden Freundlichkeit um. was so lange anhalt," als der Geldbeutel des Juden gefüllt ist. Der Vertreter der anderen Kategorie tritt den Mißhandlungen mit^ aller Energie entgegen, da sich sein Gerechtigkeitsgefühl dagegen auflehnt, meldet aber sofort seinen Austritt an. nachdem der Jude Aufnahme in der Burschenschaft gefunden. Ich glaube, daß diese Art Antisemitismus in der großen Masse nur sehr wenige Anhänger hat. In dem zweiten Werke begegnen wir einem völlig anders gearteten jüdischen Studenten, wenn auch dem gleichen Antisemitismus. Der hier geschilderte Jude > ist geradezu eine Jdealgestalt. Ein Heller Kopf, ein 4