Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 37 (11.5.1904)
- Date
- 1904-05-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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7*J5 gestemmt und rang nach Athem. Doktor Peters betrachtete ihn mitleidig. „Fassen Sie sich, Herr Grünwald, bedenken Sie. es sind ja doch nur Kinder." „Meine Kinder!" flüsterte er und barg das zuckende Antlitz in den Händen. Nach einigen Minuten jedoch liest er die Hände sinken und blickte angstvoll forschend auf den ihm gegenüber Sitzenden. „Sie haben mir noch etwas mitzutheilen?" Der Doktor schüttelte den Kopf. „Meine Mittheilungcn sind zu Ende. Doch um auf den eigentlichen Zweck meines Besuches zu kommen, ich glaube, es wäre wünschenswerth, wenn Ihre Haushälterin in meiner Gegenwart über die Veranlassung der Abreise, der sog. Flucht Ihrer Söhne, von einem Gerichtsbeamten befragt würde, dadurch könnte vielleicht mancherlei Unannehmlichkeit vorgebeugt werden." „Ich werde sofort hinaus in die Villa telephoniren, dast die Haushälterin Herkommen soll, sie ist allerdings die geeignetste Persönlichkeit, die lügenhafte Affaire aufzuklären. So traurig die Angelegenheit auch ist, so kühle ich mich Ihnen aufrichtig verpflichtet, dast Sie mir rechtzeitig Mittheilung davon gemacht. Uebrigens werde ich auch gleichzeitig meinen Rechtsanwalt telephonisch Herbitten, er weist doch noch besser, als wir. was zu geschehen hat." Grünwald hatte seine gewohnte Energie rasch wiedergefunden. Doch sein Entschluß bezüglich der Trennung von seiner Gattin war nun unwiderruflich gefaßt und sollte bereits in den nächsten Wochen ausgeführt werden. Die ruchlosen Verleumdungen seiner Söhne waren durch die Aussagen der Haushälterin und der übrigen Dienstboten, die sich sämmtlich über die Frechheiten der unbändigen Knaben oft genug geärgert hatten, sofort widerlegt, hatten daher nach außen hin keine weiteren Folgen, doch der Bruch zwischen dem Vater und den Söhnen war dadurch für immer besiegelt. Auch fand es Niemand auffallend, dast Grünwald bald darauf, nachdem er sein Geschäft einem Konsortium übergeben hatte, mit seiner Tochter in die Hauptstadt ubersiedelte, während seine Frau in ihrer bisherigen Wohnung verblieb. Sie erzählte jedem, der es hören wollte, daß es ihr allzu schwer geworden wäre, sich von ihrem gewohnten geistlichen Rathgcber zu trennen, westhalb sie dem Gatten nicht in die Residenz gefolgt wäre Frieda war überglücklich, sie sah sich am Ziel ihrer sehnlichsten Wünsche, denn ihr Vater hatte ihr mitgetheilt. daß er ihre frühere, langjährige Haushälterin wieder engagirt habe, und dast er einen streng-religiösen Haushalt durch sie führen lasse. Er hatte seine frühere Absicht, sich mit Frieda auf's Land zuruckzuziehen, für die nächsten Jahre aufgegeben, so lange sie noch des Unterrichts bedurfte, war die Stadt besser für sie. Das einzige, was ihre Freude trübte, war die Trennung von ihrer Freundin Selma und auch von den übrigen Gliedern der Familie, in der sie sich so glücklich gefühlt hatte. Aber dast ihr Vater, wie sie mit Zuversicht hoffte, fortan kein llnrecht mehr begehen würde, das ging ihr über alles. Sic hatte auch mit Selma einen regen Briefwechsel verabredet, und außerdem hatte diese bereits die Zusage ihrer Eltern erhalten, ihre Frieda Hill und wieder auf einige Wochen besuchen zu dürfen; überdies hatte Max Müller gegen Ende des vorigen Semesters sein Maturilätsexamen mit Auszeichnung bestanden und sollte nun mit Beginn des kommenden Semesters seine Universitätsstudien in der Hauptstadt beginnen. Daß er mindestens an jedem Freitagabend und am Sabbat ihr Gast sein würde, war selbstverständlich. Für Griinwald begann ein neues Leben, das, ie länger es wäbrtc. desto mehr an Reiz für ihn gewann. Anfangs batte er doch alles nur um seines Lieblings Willen gethan hätte Frieda gewünscht, er möge nach den Lehren des Eonknzins leben, er hätte auch ihren Wunsch erfüllt, selbstverständlich nur in ihrer Gegenwart. An dem ersten Sabbat in ihrem neuen Heim, während seine Tochter sich in der Schule befand, war er ohne Arges dabei zu denken, im Begriff gewesen, sich eine Eigarre anzuzünden. Weshalb hätte er es eigentlich nicht tbun sollen? — Da aber vergegenwärtigte er sich den Ausdruck ibrer Freude, als er ihr mitgetheilt hatte, daß sie fortan im rituellen Haushalt leben würden und er nichts thun wolle, was sie als verboten betrachte. Doch was konnte es schaden, wenn er in ihrer Abwesenheit eine Eigarre rauchen würde? — Doch nein, ihm war. als könne er ihr nicht wieder frei in das liebliche Gesichtchen blicken, wenn er das Wort brechen würde, das er ihr gegeben. Er schleuderte die Ciaarre fort und niekam ihm wieder ähnliches in den Sinn. Und je länger er sich wieder nach jenen Lehren ri'.btete, die ihm in seiner Jugend Norm gewesen waren, desto freier, desto heiterer, desto jugendfrischer fühlte er sich. Wenn seine Frieda als .Hausmütterchen am Frei-' taa Abend die Sabbatlichter anzündeie und den Tisck sabbatlich gedeckt hatte mit den üblichen geflochtenen Weißbroden und dem funkelnden Weine in der Kristallslasche. dann war's ihm oft, als müßten s-ine verstorbenen Eltern in's Zimmer treten. Und wenn sie ihn dann schmeichelnd bat, er möge Kiddusch machen — anfanas batte er es nicht aerne gethan. aber eine Bitte von ihr konnte er doch nicht verweiaern, und dann hatte er sich gefreut, dast es noch so glatt aegangen war. dast er es noch nicht vergessen hatte. — Und wenn dann bei der Mablreit seine Lieblinassvejsen aufaetraaen wurden und sie unter heiteren Gesvrächen. oft auch unter Lacken und Scherzen. so traulich beisammen fasten, dann alanote er jenes unbeschreiblich wobliae Gefühl zu empfinden, das er von seinem Vater als sabbatliche Wonne hatte bezeichnen hören. Am Sabbat war Mar