Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1904-05-11 · Heft 37 (11.5.1904) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 37 (11.5.1904)
Date
1904-05-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449986-2450021--60627-2521585
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

793 München, 6. Mai. Heute Vormittag passierten den hiesigen Hauptbahnhof ca. 40 Personen russischer Juden, von Fürth kommend, um, über Kufstein- Verona. Brindisi reisend, sich von dort nach Ptolemais einzuschiffen. Sie lagerten während des 1'^stündigen Aufenthaltes im Bahnhofsdurchgange und wurden von Reisenden und Passanten förmlich belagert. Der Führer der Gesellschaft erzählte, daß derartige Auswanderungen nach Hunderten erfolgen und viele der Emigranten Nordamerika als fernere Heimath auserwählen. Das Reiseziel dieser Truppe sei Palästina. Männer. Frauen und Kinder zeigten eine leicht begreifliche, gedrückte Stimmung, und trugen deren Gesichter durchweg den Stempel herbster Entbehrungen. Der Münchener Wohlthätigkeitssinn .bewährte sich auch den armen, bedauernswerthen Flüchtlingen gegenüber. Man bedachte sie von allen Seiten mit Geldspenden und Lebensmittel, welche mit herzlichen Dankcsworten seitens der Unglücklichen willige Annahme fanden. Möge ihnen eine bessere Zukunft beschieden sein. Oesterreich. Lemberg, 9. Mai. (Exzesse in Galizien.) Dem „Slowo Polskie" wird aus Kolomea telegraphirt: In der Gemeinde Zabie. im Bezirk Kossow, sind dieser Tage aus Anlaß der Militärassentirung juden- und polenfeindliche Exzesse ausgebrochen. Die Bauern bemühten sich, die telegraphische Verbindung zwischen Zabie und Kossow zu zerstören, wurden aber durch die Gendarmerie daran gehindert. Die polnische und die jüdische Bevölkerung von Zabie wendete sich an die Statthalterei mit der Bitte um Entsendung einer Militärabtheilung. Aus Kolomea soll eine Jnfanterielompagnie nach Zabie abkommandirt werden. — In Folge von Drohungen, welche in den Ortschaften Zabie und Kuty von Bauern gegen die polnische und jüdische Bevölkerung ausgestoßen wurden, hat der Bezirkshauptmann von Kossow Maßregeln zur Sicherung der Ruhe und Ordnung verfügt. Rußland. Petersburg. (Die Verhütung antisemitischer Krawalle in Rußland.) Der Direktor des Polizeidepartements des russischen Ministeriums des Innern, Herrn Lopuchin, hat an sämmtliche Gouverneure des Ansiedelungsrayons ein strengvertrauliches Cirkular gerichtet folgenden Inhalts: „Rach Mittheilungen, die beim Polizeidepartement einlaufen. herrscht in Orten mit größerer jüdischer Bevölkerung ein scharfer Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden. In Folge dessen habe ich die Ehre, Ew, Excellenz zu ersuchen, alle Vorkehrungen zu treffen, um die auf Grund dieser Feindschaft entstehenden Unruhen im Keime zu ersticken. Jede Vergewaltigung des einen Theils der Bevölkerung durch den anderen werde ich als Beweis mangelhafter und unzweckmäßiger Ausführung der gewünschten Vorbeugungsmaßregeln ansehen.* In Folge dieser nachdrücklichen Instruktion an die Gouverneure wurde die Ruhe während der kritischen russischen Ostcrfeiertage nicht gestört. Die Thatsache, daß die Regierung keine Excesse wollte und ihren Willen den untergeordneten Organen unzweideutig kundgab, bat zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung genügt. Man ersieht daraus, wie wenig in Rußland dazu gehört, anriscmitische Krawalle zu verhüten, und wie leicht es der russischen Negierung gewesen wäre, die Greuel von Kiscliinew und Homel nicht geschehen, zu lassen. Der Antisemitismus von unten nimmt in Rußland die Dimensionen an, die inan von oben will. Jakutsk in Sibirien, 19.^März. Obgleich ich Nichtjude bin. lese ich doch mit großem Interesse Jh?e geschätzte Zeitschrift, da ich, wie der größte Theil meiner Landsleute, viel Theilnahme für die Geschicke Ihres Volkes hege. Umsomehr, als ich hier Gelegenheit habe, täglich mit zahlreichen Glaubensgenossen von Ihnen zu verkehren. Dieselben sind theilweise aus Rußland « hierhergekommen, theilweise hier geborene Söhne | früherer Verbannter. Das Land birZt hier noch große i Schätze, sowohl in Bezug auf Ackerland, wie Bergban. Es ist thatsächlich das Land, in dem, wenn es kulturell richtig bearbeitet würde, Milch und Honig fließt. Jndeß fehlt es hier an jedem kulturellen Hilfsmittel. Ihre unbemittelten Glaubensgenossen leben in Armuth dahin, genau so wie in dem russischen Ansiedelungsrayon. im Kampfe aller gegen alle. Die jüdische Gemeinde zählt hier mehrere hundert Mitglieder, jedoch ist sie seit Jahren ohne Führer und Leiter, ohne Rabbiner und Lehrer, und in Folge dessen in einer Unwissenheit, die jeden Westeuropäer mit Schauder erfüllen würde. Hier wäre es. wo Ihre Stammesgenossen einsctzcn müßten, gebildete Lehrer, Wanderredner müßten von jüdischen Philanthropen hierhergeschickt werden, um Aufklärung und Zusammenschluß herbeizuführen und den Leuten auch die Mittel an die Hand zu geben, sich in materieller Beziehung zu heben. Vielleicht gelingt es mir, durch diese Zeilen Ihre Glaubensgenossen im fernen Westen für das Elend der breiten Masse, die hier ohne Bewußtsein dahinlebt, zu interessircn. Aalta (Krim). Der Gouverneur von Taurien hat seinerzeit dem Ministerium des Innern eine^ Petition der am Südufer der Krim lebenden Tabak» Pflanzer um Zulassung von Juden zum Aufenthalt in Dalta übersendet und das Ansuchen dieser Tabak- Pflanzer tvärmstens befürwortet. Das Ministerium dirigirte diese Petition an den Verein der Weinhandler

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.