Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 37 (11.5.1904)
- Date
- 1904-05-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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791 „braucht man Sie nicht. Dazu sind liberale Kreise genug da. Wenn Sie aber Mitwirken, so fragt man sich, ob denn dieser Herr nicht auch Jude sei und nichtsdestoweniger schon langst mit dem Schächten aufgeräumt habe. Diese Frage drängt sich Vielen auf und das sollten Sie vermeiden." Wir also, um kurz zu resumiren, erblicken in einem Zusammengehen mit den Streifen der Liberalen eine Gefahr, wenn auch nicht für uns selbst, so doch für die große Masse und namentlich auch für unsere Kinder. Sodann erblicken wir keinen einzigen Vortheil, der uns vielleicht als Aequivalcnt dienen könnte, im Gegentheil, auch nach außen hin verliert die jüdische Sache, wenn sie von unjüdischen Juden vertreten wird. Darum bleiben wir bei unserem alten Standpunkt nrrr, bxzv nach links eine ablehnende und zmpo pv' nach rechts eine eifrig fördernde und sammelnde Haltung einzunehmen, bis es wirklich keine Unterschiede mehr zwischen rechts und links geben wird, bis Alle sich um die Fahne der jüdischen Gesetzeslehre schaaren werden. Bis dahin aber wollen wir getrennt bleiben, um unsere Zukunft nicht zu gefährden. Die größten Männer des Judenthums im vergangenen Jahrhundert haben für die Möglichkeit der Trennung gekämpft und nun, da sie es erreicht und uns die Lehre hinterlassen haben, daß wir in dieser Exclusivität verharren sollen, wollen wir nichts mehr von Trennung wissen? Es ist wahrlich keine Feigheit und lein Zweifel an der siegreichen Kraft der von uns vertretenen Sache, die uns ein Zusammenwirken mit den „Neuen" fürchten lassen, sondern es ist die Erfahrung, die es uns gezeigt hat, daß cs für uns in erster Reihe gilt, die Festung des jüdischen Gesetzes innerhalb der Festungsmauern zu befestigen. Wahrlich unsere. Großen hatten keine Angst vor den seichten Gewässern der Reformgrößen, sie wußten sich Männer genug, uin die Haltlosigkeit und Unwahrheit der neuen Lehren nachzuweisen und was baben sie denn Zeit ihres Lebens anderes gethan. als gegen die falschen und unheilbringenden Lehren der Reform angekämpft; man denke nur an die Namen Hirsch und Lehmann s. A., die Rufer im Streite -- und diese Großen wollten nichts von einem Zusammenwirken mit den Liberalen wissen — und nun kommen Pygmäen und predigen Frieden! Was haben diese Herren denn schon für das Judenthum geleistet? Man täusche sich doch nicht. Diese Herren haben gar nichts, aber auch absolut nichts geleistet. Was in den Kreisen der Compromißorthodoxen gut ist. ist nicht in Folge der Thätigkeit der Friedensapostel gut. sondern t r o h der Thätigkeit dieser Herren gut. Das Verhältniß ist dann in der Regel, daß in der Gemeinde ein wahrhaft orthodoxer Führer gewirkt hat und es dem Mischmaschmann, noch nicht gelungen ist, die Spuren der Thätigkeit dieses Mannes aus seinen Kreisen zu tilgen, und so zehren sie von der Thätigkeit derjenigen, die sie verdrängen wollten. Wenn das Ei kluger sein lottt als die Henne, so bricht es gewöhnlich — nun wir können warten! Zeitungsnachrichöerr u«v Eorresponvenzen. Deutschland. Berlin. Das Unglaublichste an alberner Verdrehung der Thatsachen lischt die „Kreuzzeitung" ihren Lesern aus Rußland auf. Sie schreibt u. a.: „Es dürfte wenig bekannt sein, daß das Judenthum Rußlands an vielen Orten die Bevölkerung verinocht hat, ihren orthodoxen Glauben aufzugcben und die jüdische Religion anzunehmen. Es sind das Bauern, an deren russischem Ursprung nicht gezweifelt werden kann, die aber nach ihrer Konvertirung auch äußerlich als Juden zu erscheinen sich bemühen. Die „Missionär-Rundschau" schreibt über diese eigenthümliche Erscheinung des russischen Volkslebens: „Wenn diese Sektierer sich vom Christenthum lossagen, geben sic auch ihre russische Nationalität auf und suchen sich von der russischen Sprache zu trennen. Sie haben den Glauben der Juden in vollem Umfange angenommen und theilen sich mit den Juden in Talmudisten, die den Talmud anerkennen, und in Karaiten, die ihn verwerfen. Sie schämen sich ihres Ursprungs, nennen sich „Zugehörige der Juden", die mit diesen ein Volk bilden, vollführen die Beschneidung an sich und ihren Kindern, feiern die jüdischen Feste, tragen jüdische Kleidung und suchen den jüdischen Dialekt in der russischen Sprache anzuwenden. Im Verein mit den Juden hassen sie das Christenthum und alles, was damit in Verbindung steht. In Rußland sehen sie sich als Gefangene an. Rußland nennen sie Assur, Babylonien und Gog und alles, was die Propheten darüber geschrieben, wenden sie auf das Zarenreich an. Sie erwarten den Messias, den sie für einen halten, der die heidnischen, das heißt christlichen, Reiche bekriegen und sein Volk nach Palästina führen wird." Bezeichnend für diese jüdischen Russen ist der Umstand, daß unter ihnen seit langer Zeit der Wunsch besteht, sich im gelobten Lande anzusiedeln; sie dachten weit früher daran, als der Zionismus die Sache in die Hand nahm. In den 80er Jahren des vorigen Jahrhundert errvarteten die jüdischen Russen Astrachans von Tag zu Tag die Ankunft des Messias. Sie besprachen das kommende Ereigniß auf ihren Bazaren, sandten Kundschafter nach Palästina, um die günstigsten Orte sich auszuwählcn und trafen alle Vorbereitungen zur Reise dorthin. In den 90er Jahren haben sich thatsachlich viele Angehörige dieser. Sekte — namentlich aus Transkaukasien — mit Hilfe Rothschilds in Palästina angesidelt. Es Ware nicht un-